• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Analyse

Das Ende des Start-up-Booms

, Helene Laube und Horst von Buttlar

Die Bewertungen von Start-ups sind über Monate in astronomische Höhen geklettert. Jetzt ist die Stimmung abgekühlt – platzt die "Einhorn"-Blase?

Uber © Getty Images
Der Fahrdienst Uber ist der Spitzenreiter im Bewertungsranking

Ach ja, die Blase! Die ganzen Einhörner! Wenn das Wort „Bubble“ fällt, lehnt sich Joe Schoendorf in seinem Sessel nach vorne und redet über Sonne und Orangenbäume. Wie er vor genau 50 Jahren ins Silicon Valley kam, im Januar 1966: Vorstellungsgespräch in Palo Alto bei einem kleinen Unternehmen namens Hewlett-Packard, das damals in ein neues Geschäft drängte – Computer. Es waren 17 Grad, die Sonne schien, und vor dem Hotelzimmer standen Orangenbäume. Und Schoendorf sagte sich: „Ich werde nach Palo Alto kommen.“ Er wurde, nach vielen Jahren bei HP, ein sehr erfolgreicher Risikokapitalgeber.

Was soll uns diese Geschichte sagen? „Nun“, sagt Schoendorf, „ich habe seitdem bestimmt fünf Zyklen erlebt, Booms, Crashs, Aufstieg und Fall. Ich habe gesehen, wie kleine Unternehmen die größten der Welt wurden.“ Irgendwo sei immer eine Blase, „und irgendwann wird sie platzen“. Aber er glaube nicht, dass der Zeitpunkt schon jetzt gekommen sei. „Und es ist nie das Ende der Welt.“

Nicht alle geben sich so gelassen wie Schoendorf, der seit 20 Jahren Partner bei der Beteiligungsgesellschaft Accel Partners ist, die früh in Facebook investierte. Denn die Sorge, dass eine große Tech-Blase vor dem Platzen steht, hat seit einigen Wochen zugenommen. Korrekturen, abgesagte Börsengänge, Zweifel an Geschäftsmodellen haben Gründer und Investoren verunsichert.

Billion Dollar Startup Clu

Über Monate waren die Bewertungen für Start-ups in astronomische Höhen geklettert. Digitale Dienstleister, Plattformen, Apps und Portale, die noch nie Geld verdient hatten, waren plötzlich mehr Wert als gestandene Konzerne. Eine Gattung entstand: „Unicorns“, zu Deutsch Einhörner, Start-ups, die mit über 1 Mrd. Dollar bewertet werden.

146 dieser Einhörner zählt das „Wall Street Journal“ derzeit in seinem „Billion Dollar Startup Club“, darunter der uneinholbare Spitzenreiter Uber. Ein Fahrvermittlungsdienst, der zwar rasant wächst, aber in vielen Ländern verboten oder verbannt wurde und sich vor Gericht streitet. Bewertet mit 51 Mrd. Dollar, etwa so viel wie Volkswagen. Vor einem Jahr, als auch Capital über den „Bewertungsrausch im Valley“ schrieb (05/2015), war Uber noch mit 41 Mrd. Dollar bewertet (siehe Grafik). Beides Wahnsinn.

Auch deutsche Einhörner sind in den Milliardenclub aufgestiegen, darunter die Lieferdienste Delivery Hero (3,1 Mrd. Dollar) und Hellofresh (2,9 Mrd.). Viele Milliarden Dollar Risikokapital stürzten sich auf die vielen großen und vermeintlich großen Ideen, die einmal die Welt erobern oder aus den Angeln heben sollen.

Seit einigen Monaten aber hat sich die Stimmung merklich abgekühlt. Investoren geben plötzlich weniger oder gar kein Geld mehr, umschwärmte Einhörner werden bei neuen Kapitalspritzen niedriger bewertet. „Das dritte Quartal 2015 war das letzte, in dem noch Musik war“, berichtet der Gründer eines Social-Media-Start-ups. Die Stimmung im Silicon Valley sei umgeschlagen, von „optimistisch in vorsichtig“, sagt auch Toni Schneider, Partner beim Risikokapitalgeber True Ventures in San Francisco, der als Erster in den Fitnessarmband-Hersteller Fitbit investierte. „Die meisten hier sind sich einig: Die Bewertungen waren überhitzt, das Investitionstempo zu hoch – jetzt muss es gedrosselt werden.“ Lise Buyer, deren Unternehmen Class V Group Start-ups beim IPO berät, sieht „weniger Euphorie und Angeberei“.

Die Musik ist gedämpfter

Und so gibt es immer mehr flat rounds oder down rounds, bei denen Start-ups stagnierende oder geringere Bewertungen gegenüber vorhergehenden Runden in Kauf nehmen müssen. Kein Kapitalgeber sagt es öffentlich: Aber sie führen Listen todgeweihter Einhörner.

Der gehypte Fitnessband-Hersteller Jawbone etwa sammelte im Januar frische 165 Mio. Dollar ein. Die Bewertung lag Insidern zufolge bei 1,5 Mrd. Dollar – die Hälfte der Bewertung bei der vorhergehenden Finanzierungsrunde.

Auch das ewige Talent Foursquare hat eine down round hinter sich. Der angeschlagene Pionier bei ortsbasierten Onlinediensten erhielt im Januar eine Finanzspritze in Höhe von 45 Mio. Dollar, soll dabei aber nur mit 250 Mio. Dollar bewertet worden sein. Bei der letzten Runde 2013 waren es noch 650 Mio. Dollar. Es gibt weitere gefallene Engel: Fab, Good Technology, Gilt Groupe, One Kings Lane. Auch bekannte Firmen trifft die gedämpfte Stimmung: Anlagefonds, die in Start-ups investieren, haben in jüngster Zeit die Bewertungen von Unicorns wie dem Speicherdienst Dropbox, der App Snapchat und dem Cloud-Spezialisten Zenefits eingedampft. Und in Deutschland wurde im November der Börsengang des Kochboxen-Dienstes Hellofresh abgesagt.

Die Musik ist also gedämpfter – aufgehört zu spielen aber hat sie noch nicht: „Es gibt noch zu viel Gelegenheiten, zu viel Nachfrage da draußen“, sagt Joe Schoendorf. „Wir haben eine Korrektur von zehn bis 15 Prozent erlebt. Aber das ist völlig okay.“ Das Interesse der Investoren habe keinesfalls abgenommen, sagt auch Lise Buyer, die einst bei Google arbeitete und 2004 durch den Börsengang führte. „Es regnet zwar nicht mehr Geld, und die Bewertungen sind nicht mehr ganz so übertrieben, aber es gibt immer noch viele Investoren mit sehr viel Geld auf der Suche nach Start-ups.“

[Seitenwechsel]

Die "Unicorn-Bubble" ist eine elitäre Blase

Die Frage, die sich nicht wenige Gründer stellen, ist dennoch: Wie geht es jetzt weiter? „Wer jetzt nicht genug Kapital hat und ein Geschäftsmodell, das läuft und überzeugt, hat ein echtes Problem“, sagt der Gründer eines britischen Fintechs.

Über die Einhorn-Blase ist viel gerätselt und orakelt worden, weil man unweigerlich an den Neuen Markt und die Dotcom-Blase denkt. Doch es gibt klare Unterschiede: Die „Unicorn-Bubble“ ist eine elitäre Blase, fast in einer Parallelwelt, in der Menschen mit sehr viel Geld Unternehmern sehr viel Geld geben.

Statt durch einen schnellen Börsengang sammeln viele Gründer heutzutage Kapital länger bei privaten Investoren ein. Und Geld gibt es reichlich. „100 Mrd. Dollar Risikokapital jagen um den Globus“, sagt Schoendorf. „Deswegen erleben wir diese Art von Megadeals.“ Was also ist das Problem? Verlieren im Ernstfall nicht einige Milliardäre einfach ein paar Milliarden? Eine Krise könnte trotzdem ausbrechen – denn wenn reihenweise Start-ups pleitegehen würden, könnte das eine Kettenreaktion auslösen. Sowohl für die Gründer als auch für Investoren gibt es nur einen Exit: Die Firmen müssen Geld verdienen.

In Start-ups zu investieren ist zudem mehr Mainstream geworden, als viele ahnen. Unter den Investoren finden sich nicht mehr nur Angel-Investoren oder Wagniskapitalfirmen. Längst sind institutionelle Geldgeber, Pensionskassen, Universitäten und Family-Offices dabei. Das liegt am Mangel attraktiver Alternativen und den Null- und Negativzinsen.

Es könnte für viel mehr ein böses Erwachen geben. „Viele der Einhörner werden sich als Pferde entpuppen, denen man einen Stock auf die Stirn geklebt hat“, warnte Josh Kopelman von First Round Capital schon im vergangenen Jahr.

Kevin Kinsella von Avalon Ventures nutzt eine andere Tiermetapher: Es wäre, sagt er, als würde ein Katzenliebhaber zwei Siamkatzen mit je 500.000 und ein Hundebesitzer seinen Golden Retriever mit 1 Mio. Dollar bewerten. Man könne, so Kinsella, dieses „Spiel reicher Leute“ ewig weiterspielen – bis sie in eine Tierhandlung gehen und dort erfahren, was ein Hund und eine Katze wirklich kosten.

Auch in Deutschland mehren sich die Sorgen

Ein weiteres Symptom sorgt für Nervosität: Die vermeintlich großen Ideen werden kleiner. „In Berlin gibt es inzwischen mehr Lieferdienste als Einwohner“, lästert eine Gründerin in der deutschen Hauptstadt.

Wer auf die Liste der Start-ups schaut, die Mitte Februar beim „Demo Day“ – den der Accelerator 500 Startups organisierte – ihre Ideen präsentiert haben, sieht wenig Revolutionäres und Disruptives: Lawnguru etwa, wo man jemanden zum Rasenmähen bestellen kann. Pupbox schickt Hundebesitzern monatlich eine Kiste mit „Spielzeug, Hundeleckerli und Trainingsanleitungen für Welpen“. Auch Kitterly, ein Anbieter von „kuratierten Strick- und Häkel-Baukästen“, sucht Investoren.

In Deutschland mehren sich die Sorgen, vor allem wegen Rocket Internet, der Start-up-Fabrik, die derzeit vordringlich damit beschäftigt zu sein scheint, für ihre Welteroberung frisches Geld aufzutreiben. Zuletzt über ein neues Vehikel, den Rocket Internet Capital Partners Fund, mit dem CEO Oliver Samwer 420 Mio. Dollar eingesammelt hat. Erst Anfang Februar verschaffte sich Samwer zudem Luft, indem er Essenslieferdienste in Südeuropa und Lateinamerika für 125 Mio. Euro an die britische Lieferplattform Just Eat losschlug. Dabei galten für Rocket Essensdienste als heißeste Wette des Planeten.

Beobachter wie Schoendorf glauben allerdings, dass vor allem die Gründer in Schwierigkeiten kommen werden – weniger die Investoren. „Die meisten Geldgeber haben strenge Klauseln in die Verträge schreiben lassen, um ihre Anteile zu schützen – wenn die Gründer neues Geld brauchen, werden vor allem ihre Anteile verwässert.“ Daneben werden Mitarbeiter, die niedrige Gehälter im Tausch für Anteile akzeptiert haben, die Leidtragenden sein. „Wir werden auch Blut und Tränen sehen“, sagt Schoendorf.

Auf lange Sicht aber begrüßen die meisten im Valley den neuen Realismus. „Es zieht wieder mehr Balance ein bei den Bewertungen und dem Geld, das in Ideen und Firmen investiert wird“, sagt True-Ventures-Partner Schneider.

Schoendorf rät, bei all den Aufs und Abs stets das „Big Picture“ zu sehen. „Natürlich werden viele der 150 Einhörner scheitern. Aber das macht nichts.“ Fünf der wertvollsten Unternehmen der Welt seien genauso entstanden – mit viel Kapital und Risiko: Apple, Google, Facebook, Amazon und Microsoft.

Und wenn man 20 Jahre zurückschaue, da sei Mark Zuckerberg noch in der Highschool, Amazon gerade erst online und Apple kurz vor der Pleite gewesen. „Wenn nur zwei der Einhörner in zehn Jahren zu den wertvollsten Unternehmen der Welt gehören, dann wäre das alles doch ein ziemlich guter Deal.“

Der Beitrag ist zuerst in Capital 3/2016 erschienen.


Artikel zum Thema

LESERKOMMENTARE

 

Kommentare Einblenden

Datenschutz

Die Kommentarfunktion "Disqus" wird von der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Moderation

Die Kommentare werden von Capital moderiert. Das heißt, Kommentare werden von der Redaktion freigeschaltet. Kritik und auch in der Sache harte Diskussionen sind willkommen, Beleidigungen werden wir dagegen nicht zulassen. Näheres hierzu finden Sie in unserer Netiquette.