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Das Ende des Bargeldes

, Christian Schütte, Matthias Thieme und Monika Dunkel

Das Bargeld hat plötzlich viele Feinde: Techfirmen, Finanzdienstleister, Politiker und US-Ökonomen. Wollen wir da wirklich mitmachen?

Verkohlter Euro-Schein liegt auf einem normalen 10-Euro-Schein © Ramon Haindl
von Hitze oder Mikrowellen verkohlen die Euroscheine nicht nur. Sie schrumpfen auch

Die deutsche Unfallchirurgie für Euro liegt am Stadtrand von Mainz, dort, wo hinter ein paar Büroblocks die Felder beginnen. Bis zu 25.000 Fälle werden hier jährlich eingeliefert, etwa jeder zwanzigste landet auf der Intensivstation.

Mit Pinzette, Skalpell und manchmal auch zugehaltener Nase fieseln dann die Spezialisten feine Ascheblätter und verschimmelte Papierbriketts auseinander, analysieren auf einem halben Dutzend Operationstischen die tragischen Opfer von Großfeuer und Mäusefraß, Fichtenharz und Gurkenessig, Mähdreschern, Mikrowellen und Sicherheitsfarbbeuteln.

Das Nationale Analysezentrum für beschädigtes Bargeld ist die letzte Hoffnung für alle, denen mit ihren Euroscheinen ein Malheur passiert ist. „Unsere Schränke sind voll“, sagt Rainer Elm, der die Einrichtung der Bundesbank leitet. „Die Zahl der Fälle nimmt im Trend zu.“

Die Notenbank prüft die Echtheit der eingereichten Papier- und Münzenreste und überweist dann die oft schon verloren geglaubten Beträge aufs Konto. Bei mutwilliger Beschädigung wird nicht erstattet – wer partout die Zigarre mit einem Hunderter anstecken will, muss den Auftritt also selbst bezahlen.

Bares bleibt Wahres

Lohnt sich dieser Rettungsaufwand? Für die Bundesbanker ist das eine Frage der Qualitätssicherung. Bastelarbeiten von Verzweifelten, die den zerfetzten Fuffi restaurieren, will man so vermeiden. Wichtiger noch ist aber das Vertrauen: Bares bleibt Wahres, ganz egal was im Leben dazwischenkommt – das ist die Botschaft des stabilen Geldes, für die in Mainz gearbeitet wird. „Das Bargeld ist für uns auch so etwas wie eine Visitenkarte“, sagt Rainer Elm.

Ein wachsender Chor von Kritikern sieht im bedruckten Papier allerdings nur noch ein Fortschrittshindernis. In der Bundesregierung gibt es Überlegungen, Bargeldzahlungen auf 5000 Euro zu begrenzen. Damit soll die Terrorfinanzierung erschwert werden. Und auch bei der Europäischen Zentralbank ist das Bargeld ins Gerede gekommen. Derzeit wird über die Zukunft des 500-Euro-Scheins diskutiert.

Neue Optik hin, Hologramme her – Bargeld ist im Kern eine Uralttechnologie, für die es ja längst digitalen Ersatz gibt. Die elektronischen Zahlungssysteme brennen, schmutzen und zerreißen nicht. Das Geld ist damit bequemer, schneller und fast kostenfrei zu bewegen. Und auch der Staat kann die Ströme besser lenken und überwachen. Was manche für einen Vorteil halten.

Chips ersetzen die Scheine, aus dem Smartphone wird die neue Geldbörse. Zu diesem großen Ziel drängen weltweit Kreditkartenfirmen und Telekomkonzerne, Internetdienste wie Paypal und Tech-Giganten wie Google und Apple. Schwedische Großbanken verbannen konsequent das Bargeld und rühmen die Vorreiterrolle ihres Landes.

Und in Afrika hat bereits ein direkter Sprung in die Zukunft begonnen: Gut 115 Millionen Menschen zwischen Ägypten und Südafrika nutzen heute schon das Bezahlsystem M-Pesa, das 2007 vom Mobilfunkanbieter Safaricom und Vodafone in Kenia eingeführt wurde. Wo ein Bankkonto für viele unerreichbar ist und der Bargeldtransport stets ein Risiko bleibt, da sind Handyguthaben ein attraktives Zahlungsmittel.

Altes Bargeld schreddert die Bundesbank selbst. Danach ist es nur noch Altpapier © Ramon Haindl
Altes Bargeld schreddert die Bundesbank selbst. Danach ist es nur noch Altpapier

Selbst prominente Wirtschaftswissenschaftler, die um die Steuerungsmacht der Notenbanken in den Zeiten von Deflationsgefahr fürchten, haben „King Cash“ zuletzt den Kampf angesagt. „Eine Modernisierung ist lange überfällig“, sagt der Harvard-Professor und frühere IWF-Chefökonom Kenneth Rogoff. Das Bargeld stifte mehr Schaden als Nutzen, sein Ende „wird kommen, und es wird keine 50 Jahre mehr dauern“.

Bisher halten die Bürger ihren Scheinen freilich die Treue. Nach Bundesbank-Daten werden 80 Prozent der Käufe in Deutschland am Point of Sale bar bezahlt, der Bargeldumlauf wächst jährlich um fünf Prozent. Carl Ludwig Thiele, Bundesbankvorstand für den Zahlungsverkehr, erklärt den Anstieg so: „Bargeld eignet sich sehr gut als Wertaufbewahrungsmittel. Auch im Ausland werden Eurobanknoten gerne für diesen Zweck genutzt.“

Den Theoretikern wie Rogoff geht es weniger um die Bezahlfunktion des Geldes als um diese Rolle bei der Wertaufbewahrung. In Zeiten von Flaute und Deflation setzen die Notenbanken schließlich alles daran, den Wirtschaftskreislauf anzukurbeln. Dollar, Euro und Yen sollen schneller wandern. Geld, das auf den Konten lagert, wird deshalb sogar mit Strafzinsen belegt.

Wenn die Besitzer notfalls auf das Horten von Cash ausweichen können, greift ein solches Instrument aber schnell ins Leere. „Die Existenz von Bargeld macht es für die Notenbanken schwierig, ihren Zins deutlich unter null zu senken“, klagt Rogoff. In einer rein digitalen Welt wäre der Negativzins kein Problem mehr. Die alte Idee von einer Art „Schwundgeld“, die der deutsche Sozialreformer Silvio Gesell schon vor 100 Jahren aufbrachte, wäre endlich großtechnisch realisierbar.

Dass die negativen Zinsen „barbarisch erscheinen mögen“, sieht auch Rogoff. Sie seien aber „nicht barbarischer als die Inflation“, mit der ja ebenfalls der Geldwert verringert werde. In Boomzeiten hätten die Bürger zudem auch einen Vorteil: Um die Kauflust zu bremsen, würden die Notenbanken dann positive Zinsen auf das Digitalgeld zahlen.

Die sehr weit gehende Kontrolle der Bürger, die ein solches System mit sich bringt, ist aus Sicht der Technokratie-Optimisten noch ein zusätzlicher Vorteil. Schließlich ist das Bare auch bevorzugtes Zahlungsmittel in der Schattenwirtschaft. Wer die Scheine abschafft – und zwar vor allem die großen –, der erschwert die Steuerhinterziehung und die Geschäfte der Unterwelt.

„die größte Verbrechensprävention aller Zeiten“

Der prominenteste Frontmann dieses Sicherheitsarguments ist ausgerechnet ein Popmusiker, wenn auch aus dem staatsfreundlichen Schweden: Björn Ulvaeus, einst Gitarrist, Sänger und Komponist von Abba, ist heute stolz darauf, dass im Stockholmer Museum für die Starband überhaupt kein Bargeld mehr akzeptiert wird. Ein Hauptsponsor dieses Museums ist Mastercard.

Ulvaeus erzählt von seinem Sohn, bei dem gleich zweimal nacheinander eingebrochen wurde. Ohne Cash keine Hehler, kein Verbrechen mehr, heißt seine Logik. „Für alle Aktivitäten in der illegalen Wirtschaft braucht man das Bargeld“, so der Musiker. „Stellen Sie sich vor, das gäbe es nicht mehr.“ Würden die Schweden zur ersten bargeldfreien Gesellschaft der Welt, dann könnten sie „die größte Verbrechensprävention aller Zeiten“ in Gang setzen.

Tatsächlich haben seine Landsleute ihr Verhalten schon markant geändert. Laut schwedischer Notenbank wird heute nur ein Viertel aller Transaktionen im Land bar abgewickelt, 2010 lag der Anteil noch bei 35 bis 40 Prozent. In vielen Geschäften, Bussen und Bahnen kann man überhaupt nicht mehr mit Münzen und Scheinen zahlen, sogar manche Kirchenkollekte funktioniert digital. Die Einzigen, die noch Bargeld brauchten, seien Verbrecher und Omas, hat ein Vertreter der Bankengewerkschaft öffentlich erklärt.

Ein Vorbild? „Wir überlassen es dem Bürger, wie er zahlt“, sagt der Bundesbanker Thiele. Im dünn besiedelten Schweden sei Bargeldlogistik natürlich auch aufwendiger.

Ehekrach, Malheur beim Rasenmähen? Zerfetztes Geld erzählt Geschichten, die das Leben schreibt © Ramon Haindl
Ehekrach, Malheur beim Rasenmähen? Zerfetztes Geld erzählt Geschichten, die das Leben schreibt

Das Smartphone über ein Kontaktfeld gewischt – schon ist der Einkauf bezahlt. Wenn Konrad Mroz im Warschauer Supermarkt Piotr i Pawel unterwegs ist, beobachten ihn die Angestellten nur noch aus der Ferne. Kassiererinnen gibt es hier nicht mehr, die Kunden legen ihre Waren selbst auf den Scanner.

Near Field Communication (NFC) heißt die Funktechnik zum kontaktlosen Austausch von Daten zwischen Handy und Terminal. Über eine Distanz von zehn Zentimetern wird eine Zahlung so praktisch im Vorübergehen möglich. Mroz ist einer der Experten von T-Mobile Polska, einer Tochter der Deutschen Telekom, die im Nachbarland ihre Zukunftstechnik testet: My Wallet soll EC- und Kreditkarten, Bonuskarten und Ticketsysteme, Ausweise und vieles mehr in das Smartphone eines Kunden integrieren.

Mehr als 100.000 polnische Kunden haben My Wallet schon in ihrem Smartphone aktiviert. An Stellen mit hohem Kundenaufkommen – etwa im Nahverkehr oder in der Gastronomie – lässt sich so deutlich schneller und einfacher bezahlen. Auch Fans, die im Stadion von Legia Warschau möglichst wenig verpassen wollen, können das neue System nutzen. Im Tatra-Nationalpark werden die Besucher nach der digitalen Zahlung sogar von 200 NFC-Funkchips im Gelände mit Informationen über Routen, Flora und Fauna versorgt.

Das Problem hierzulande war bisher, dass sich Mobilfunker, Händler und Zahlungsabwickler nicht auf einen massenkompatiblen Standard einigen konnten. Aber das will die Telekom ändern. Der Konzern baue ein ganzes Ökosystem um das mobile Bezahlen auf, sagt Peter Vesco, Leiter der Bezahlsparte des Konzerns. Es gehe um die „völlige Digitalisierung der Einkaufserfahrung“.

Verdienstmöglichkeiten locken an allen Enden: bei der Abwicklung von Onlinezahlungen, beim Verkauf und der Wartung der Terminals, bei der Einpflegung der Bankkarten in die virtuelle Geldbörse und beim Geschäft mit Gutscheinen und Tickets. Europaweit sieht die Telekom beim mobilen Bezahlen ein Marktpotenzial von 15 Mrd. Euro. „Hier glauben wir, ein gutes Stückchen abspalten zu können“, sagt Vesco.

in puncto Datenschutz ist Bargeld unschlagbar

Nach dem Kuchen greifen aber noch viele andere. „Wir lieben dieses Problem“, sagte Tim Cook, als er Apple Pay für den Einkauf mit dem Handy vorstellte. Der Chef des Tech-Riesen will mit seinem System noch schneller und bequemer sein als alle Konkurrenten, weil für die Freigabe der Fingerabdruck genügt.

Ob die Kunden am Ende wirklich mitmachen, was die Revolutionäre ihnen anbieten, bleibt die große Frage. Denn für das neue Bezahlen wird eben nicht nur Infrastruktur benötigt. Es erfordert vor allem ein großes Vertrauen der Kunden in die Technik, die Betreiber und den Staat.

Der Ökonom Malte Krüger, der sich auf Zahlungssysteme spezialisiert hat, will das traditionelle Bargeld denn auch noch lange nicht abschreiben. „Das ist eine sehr altehrwürdige Institution, die sich als höchst robust erwiesen hat.“

In der Finanzkrise sei das physische Geld einmal mehr eine Art Sicherheitsventil gewesen. Ohne Bargeld „gäbe es keinerlei Möglichkeit mehr, Geld aus dem System zu ziehen“, sagt Krüger. Schon die Option beruhige die Nerven – wie im Witz von dem Mann, der sein Geld abhebt und gleich wieder einzahlt, weil er nun sicher ist, dass es noch da ist.

Solange sie nicht gerade verkokelt werden, sind Geldscheine eine robuste Technik. Die auch nicht zentral „gehackt“ werden kann. Und in puncto Datenschutz praktisch unschlagbar ist. So ärgerlich die Anonymität der Barzahlung für Kaufleute und Fahnder auch ist – für viele Bürger bleibt sie ein wichtiger Vorteil.

Trotz, ja gerade wegen der digitalen Revolution ist der Tod des Baren also keineswegs besiegelt. Selbst die schwedische Zentralbank führte 2015 neue Kronenscheine ein.

Der Beitrag ist zuerst in Capital 2/2015 erschienen. Er wurde für die Webversion leicht angepasst.


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