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Das 2457. Plädoyer für eine andere Aktienkultur

, Horst von Buttlar

Kaufen Sie Aktien und lassen Sie sie liegen! Wir Deutschen starren bei Aktien viel zu sehr auf den Kurs. Von Horst von Buttlar

Horst von Buttlar © Gene Glover
Horst von Buttlar

Als meine Großmutter starb, erbte ich einige Aktien, die mein Großvater irgendwann in den 70er-Jahren gekauft haben muss. Darunter waren klassische deutsche Bluechips, Bayer, BASF, Daimler. Ich kümmerte mich damals nicht darum, zumal ich einige Jahre zuvor sämtliche Torheiten am Kapitalmarkt begangen hatte, über die ich später einmal schreiben würde. Mein Greatest Hit: Aktien von Lycos Europe (das war diese Suchmaschine mit dem schwarzen Hund), die ich zum Börsengang im März 2000 für 24 Euro zeichnete. Da ich bei Infineon im Gegensatz zu vielen Freunden leer ausgegangen war, lieh ich mir panisch von meiner Mutter Geld, um diesmal dabei zu sein und abzukassieren.

Capital 06/2015
Die neue Capital erscheint am 21. Mai

Die Lycos-Aktie, die nie über ihren Einstandskurs hinauskam und danach mit dem Neuen Markt abstürzte, fristete noch einige Jahre ihr spekulatives Dasein in meinem Depot. Als sie bei etwa 80 Cent stand, beendete ich unsere Beziehung.

All das ist etwas peinlich und gar nicht so interessant, doch als wir unsere Titelgeschichte planten, habe ich noch mal nachgeschaut: Nehmen wir Bayer. Als ich die Aktien 2004 erbte, stand der Kurs bei etwa 23 Euro, was nach dem Einbruch 2001 nicht mal der schlimmste Wert war. (Die Aktie war im Frühjahr unter 10 Euro gefallen.) Nun, eine gute Dekade später, pendelt das Papier um die 130 Euro, also beim fast Sechsfachen – die Abspaltung von Lanxess im Jahr 2004 vernachlässigen wir hier mal.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich empfehle Bayer hiermit nicht zum Kauf. Die Anekdote zeigt etwas anderes: Im Gegensatz zu meinem kläglichen Ausflug am Neuen Markt habe ich diese Aktie einfach liegen gelassen – auch weil ich sie geerbt habe. Da mein Großvater sie irgendwann erworben hatte, fehlte mir zudem der Referenzpunkt für den Kauf, also der Einstandskurs. Ich denke, das ist ein wichtiger Punkt: Wenn wir Aktien kaufen, schauen wir viel zu oft auf den Kaufkurs. Das Smartphone macht den Depotcheck noch einfacher, dauernd können wir Kurse abfragen, rauf, runter, minus, plus, und sobald eine rote Zahl auftaucht, machen wir uns ins Hemd.

Man setzt auf den Erfolg eines Unternehmens

Als ich die Aktien erbte, riet mir ein Bankberater, sie zu verkaufen. Klar, er wollte mir ein paar schöne Fonds mit Ausgabeaufschlag andrehen. Ich sagte ihm, das würde mir schwerfallen, weil sie mein Großvater gekauft hätte. Er lächelte und sagte, Aktien hätten nichts mit Nostalgie zu tun. Da mag er recht haben.

Andererseits: Wenn wir Deutschen verstehen, dass wir Aktien nicht nur wegen Charts kaufen, sondern Teilhaber eines Unternehmens werden, wäre schon viel gewonnen. Man setzt auf den Erfolg eines Unternehmens in der Zukunft – und will daran partizipieren.

Ich weiß, dass dieser Text das vielleicht 2 457. Plädoyer für eine andere Aktienkultur ist, das Sie lesen müssen. Und dass man bei vielen Deutschen damit genauso landet wie bei einem Kind, dem man erklärt, wie gesund Spinat ist. Aber vielleicht lesen Sie erst mal unsere Titelgeschichte. Und dann denken Sie an Ihre Großeltern, bekannte Unternehmen – und bitte nicht an meinen Ausflug an den Neuen Markt.

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