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Pforzheim - Zahnspangen statt Gold

, Ines Zöttl

Die einst blühende Schmuckindustrie Pforzheims ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Doch aus dem Erbe der „Goldstadt“ wächst etwas Neues heran: der Cluster Präzisionsfertigung

Goldschmuck der Schmuckmanufaktur Wellendorff © Katrin Binner
Goldschmuck der Schmuckmanufaktur Wellendorff

Deutschlands Cluster: Deutsche Unternehmen sind berühmt für ihr Können und ihre Produkte. Marktführer und Konkurrenten sitzen dabei oft dicht beieinander. In einer Serie ergründet Capital das Erfolgsgeheimnis der „German Valleys“. Erste Folge: Silicon Saxony - Chips frisch aus Dresden


Alles, was hier glänzt, ist Gold. Der Handwerker sitzt vornübergebeugt an seiner Werkbank, über den Knien eine Lederschütte, vor sich eine Schale mit Diamanten. In der Hand hält er eine fingerhutgroße Ronde, 18 Karat Gelbgold. Mit der Pinzette fischt er einen Brillanten aus dem Haufen und platziert ihn vorsichtig in einer der Vertiefungen in dem Schmuckstück. Dann schiebt der Juwelenfasser das Gold am Rand mit einem Stahlstichel zu einem winzigen Körnchen zurecht, sodass es den Stein um den Bruchteil eines Millimeters überlappt und verankert.

Es dauert Tage, bis der Anhänger rundum mit Brillanten bedeckt ist. Ein paar Wochen später wird die Ronde „Sternennacht“ an einem Collier aus Goldkordeln auf Samt gebettet in der Auslage einer Wellendorff-Boutique in Berlin, Peking oder San Francisco liegen. Preis: 19.800 Euro.

In der Schmuckmanufaktur von Wellendorff in Pforzheim scheint die Zeit am 6. April 1767 stehen geblieben. An diesem Tag gestattete Markgraf Karl Friedrich von Baden dem Franzosen Jean François Autran, eine Taschenuhrenfabrik in Pforzheim zu errichten. Dieses Edikt setzte eine Erfolgsgeschichte in Gang, die das bis dahin unbedeutende Städtchen am Rande des Schwarzwalds ins Herz der europäischen Schmuckwelt katapultierte.

Goldrausch in Pforzheim

2017 begeht die „Goldstadt“ nun das 250-jährige Jubiläum – nachdem die Verbände der Stadt darüber diskutiert hatten, ob es überhaupt etwas zum Feiern gibt. Denn hinter der glänzenden Fassade lag lange eine Trümmerlandschaft. Nur gut 2000 Menschen arbeiten noch in der Branche, ein Bruchteil des Werts in der Blütezeit. Der Schmuck für die Welt wird heute in Asien gefertigt. Rund um die 120.000-Einwohner-Stadt Pforzheim aber wächst allmählich etwas Neues heran: ein Standort der Präzisionstechnik. Denn die über Jahrhunderte geübten Techniken der exakten Fertigung, der Oberflächen- und Edelmetallbearbeitung sind auch in der Hightech-Neuzeit gefragt.

Es gibt wohl kaum einen Cluster, dessen Anfang sich so präzise datieren lässt wie das des historischen Uhren- und Schmuckstandorts Pforzheim. Bevor Karl Friedrich von Baden 1767 mit dem Edikt den Startschuss gibt, hat die Stadt am Zusammenfluss von Enz, Würm und Nagold nicht viel mehr im Programm als Flößerei. Für den Kurfürsten geht es aber nicht um Wirtschaftsförderung, sondern um Sozialpolitik. Er sucht nach einer Möglichkeit, die „Knaben und Mägdlein“ des örtlichen Waisenhauses zu beschäftigen. Der umtriebige Autran aber hat viel mehr im Sinn: Den Uhrenbau solle man gleich noch um eine Juwelen-, Gold- und -Stahlwarenfabrik erweitern, schlägt er vor. Dann könne man dem Kunden zur Uhr die passende Kette, den passenden Anhänger und anderen Zierrat verkaufen. Autran macht sich auch Gedanken über die Anwerbung von Fachkräften und erstellt eine Liste von Absatzmärkten. Später wird sich der Gründer als Hallodri erweisen, der mit der Firmenkasse stiften geht. Doch sein Konzept entpuppt sich als Volltreffer.

Zentral und doch abgelegen

Pforzheim liegt zentral und verkehrsgünstig – und zugleich abseits der großen politischen Zentren der Zeit. Politische Turbulenzen bleiben der Stadt ebenso erspart wie allzu übereifrige hoheitliche Interventionen. Stattdessen können sich Handel und Gewerbe zunehmend frei entfalten. Das nahe Baden-Baden, wo sich die Höfe Europas verlustieren, sorgt für regen Kundenzulauf.

Kriege und Konjunkturen stürzen die Luxusbranche zwar immer wieder in die Rezession – doch man berappelt sich jedes Mal. Aus der einen herrschaftlichen Fabrik wachsen schnell 14 heran, dann 20, dann Hunderte. Früh lernen die Unternehmen, sich zu spezialisieren. Neben dem Goldschmied werkeln Graveure, Fasser, Finierer, Karabinermacher und – reine Frauenarbeit! – Poliseussen in den Betrieben. Ein Bankwesen entsteht, das Geschäfte finanziert. Kaufleute und Handwerker mausern sich zu wohlhabenden Bürgern.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat Pforzheim es geschafft. Es habe „eine Leistungsfähigkeit erreicht“, die weder in- noch ausländische Konkurrenz scheuen müsse, brüstet sich die Handwerkskammer in ihrem Jahresbericht. Pforzheim ist Weltschmuckzentrum. Fast 40.000 Menschen arbeiten 1913 in der Schmuck- und Uhrenindustrie, jeder zweite. Das Weißgold wird erfunden. „Hier ist mir, als hätten sich die natürlichen Schatzkammern der Berge und die von handwerklicher Kunst geadelten der Menschen aufgetan“, schwärmte der populäre Dichter Werner Bergengruen Anfang der 30er-Jahre nach einem Besuch der Pforzheimer Bijouterie.

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Siegeszug der Quarzuhr

Es sind nicht die zwei Weltkriege, die Pforzheim seiner schmuckvollen Zukunft berauben. Es ist der Siegeszug der Quarzuhr. Oder eher noch: die eigene Selbstzufriedenheit.

Manche behaupten, dass die Uhr, die weder Unruh, Hemmung noch Feder hat, sogar in Pforzheim erfunden wurde. Aber die erfolgsverwöhnten Fabrikanten wollen einfach nicht wahrhaben, dass die Batterieuhr für die Massen ihre hochgerühmten feinmechanischen Produkte verdrängen könnte. „Ein scheußliches Ding“ nennt noch Anfang der 80er-Jahre der damalige Junghans-Geschäftsführer die Digitaluhr – das Geschäft wird da schon anderswo gemacht.

Quarzuhren sind bald billiger als mechanische Zeitmesser, dabei genauer und robuster. Je kostengünstiger sie produziert werden, desto weniger können die kleinen baden-württembergischen Familienbetriebe mithalten. Einer Konsolidierung aber verwehrt man sich. Ende der 70er-Jahre soll Nicolas Hayek, der Swatch-Gründer und Retter der Schweizer Uhrenindustrie, versucht haben, auch in Pforzheim zuzukaufen. Ihm wurde die Tür gezeigt.

Nach ähnlichem Muster verlief der Niedergang der Schmuckindustrie. Der Billigfertigung in Asien hatte man nichts entgegenzusetzen, stattdessen machte man sich gegenseitig das Leben schwer. Kamen Geschäftspartner zu Besuch, sei in der „Ständigen Musterausstellung“ im Industriehaus die Ware der anderen hinter Tüchern verborgen worden, erzählt Philipp Reisert, Co-Gesellschafter der Gold- und Silberscheideanstalt C.Hafner und langjähriger Präsident des Branchenverbands. Weil man Konkurrenz und/oder geistigen Diebstahl fürchtete. Heute sei das anders. „Wenn ein Designteam aus Paris kommt, dann wird es von einem zum anderen geschickt. Man ist zusammengerückt.“

Philipp Reisert, Co-Gesellschafter der Gold- und Silberscheideanstalt C.Hafner
Philipp Reisert, Co-Gesellschafter der Gold- und Silberscheideanstalt C.Hafner

Reisert trägt an diesem Tag keine edle Golduhr, sondern ein Wearable, das seine Schritte zählt. Er führt den Familienbetrieb mit seiner Cousine in der fünften Generation. Sie haben in neue Geschäftsfelder investiert, um das wegbrechende Luxusgeschäft auszugleichen. Heute recycelt C.Hafner Edelmetall, stellt Goldbarren her und beliefert vor allem die Industrie. „Das Schöne an Edelmetallen ist, dass es ein wahnsinnig vielfältiges Spektrum von Anwendungen gibt“, sagt Reisert. Mit Gold, Silber oder Platin beschichtete Kontakte werden in jedem Auto, jedem Smartphone verbaut. Und auch im Herzschrittmacher. Kennzahlen nennt Reisert keine. Aber: „Wir sind ganz zufrieden.“

Kiefer statt Collier

Grüne Wälder, plätschernde Flüsslein, die hölzerne Kuckucksuhr – was ein paar Kilometer entfernt bei der Firma Forestadent an diesem Tag über den Bildschirm läuft, ist Schwarzwald-Folklore pur. Geschäftsführer Stefan Förster weiß, was seine Kundschaft mag, und er erwartet gut eine Hundertschaft von ihnen zum Symposium in diesem Jahr: Zahnärzte. Forestadent, die Bernhard Förster GmbH, ist Exportweltmeister: einer der weltweit führenden Anbieter dentaltechnischer Produkte für die Kieferorthopädie.

Als der Diplomkaufmann Stefan Förster 1996 in die Firma seiner Vorfahren eintrat, fabrizierten die Arbeiter Schmuckhilfsteile: Federringe und Karabiner. Noch heute rattern in der Halle viele Originalmaschinen, grüne Eisenkolosse, die rüttelnd und zischend winzige Metallteile formen: Teile für Zahnspangen. 1999 hat das Unternehmen den Schmuck aufgegeben. „Wir waren gegen die Billigkonkurrenz aus Asien und Italien einfach nicht konkurrenzfähig“, sagt Förster.

Es war der Schlusspunkt einer fast 100-jährigen Geschichte. 1907 hatte Försters Urgroßvater die Firma gegründet, später stellte man sogar eine eigene Armbanduhr her. Noch 1972 löste Försters Weltneuheit „Digital Day Date Automatic“, die neben der Zeit das Datum und den Wochentag anzeigte, auf der Baseler Messe einen wahren Run aus.

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Statt für Schmuck steht Pforzheim heute für Präzisionstechnik © Katrin Binner
Statt für Schmuck steht Pforzheim heute für Präzisionstechnik

Schon Anfang der Siebziger aber begriff man im Hause Förster, was die Uhr geschlagen hatte: Ein Familienmitglied war nach Kalifornien gereist, um die Entwicklung eines eigenen Quarzuhrwerks auf den Weg zu bringen. Ein junges Start-up sollte die Mikrochips liefern: Intel. Doch dem angereisten Deutschen wurde schnell klar, dass die Investition von mindestens einer halben Million D-Mark nicht zu stemmen war. Herr Förster solle doch lieber Intel-Aktien kaufen, riet ihm der Amerikaner.

„Hätte er das getan, hätten wir heute keine Sorgen mehr“, scherzt Stefan Förster. Doch tatsächlich trafen seine Vorfahren die richtige Entscheidung: Sie erfanden sich neu.

Der Wechsel zu kieferorthopädischen Materialien war nicht so abwegig, wie er auf den ersten Blick scheint. Die Kernkompetenzen von Bernhard Förster, die Präzision für Kleinstteile und eine hochwertige Oberflächenveredlung, passten perfekt in die Zahnbranche. „Ich stelle groß heraus, dass wir alle Produkte in Pforzheim fertigen“, sagt Stefan Förster. Das „Made in Germany“, Spielart Pforzheim, steht für Premium-Qualität. Forestadent macht über 60 Prozent seines Umsatzes im Ausland.

In Pforzheim bekomme er alles, was er brauche, sagt Förster: Fachkräfte, Zulieferteile, Maschinen – und der wichtigste Konkurrent sitzt auch gleich um die Ecke. Forestadent hat sich mit anderen Unternehmen der Präzisionstechnik zum Cluster „Hochform“ vereint. Dentaltechnikfirmen sind dabei, Edelmetallbearbeiter wie C.Hafner, Hersteller von Schmiede-, Press-, Zieh- und Stanzteilen. Auf 7000 Arbeitsplätze kommt der Sektor, mehr als dreimal so viel wie die Schmuckbranche.

Premium ist die Zukunft

Die Manufaktur Wellendorff hat das große Sterben überlebt – dank einer Entscheidung, die in der Szene zunächst als Selbstmord mit Ansage galt. 1970 beschloss Hanspeter Wellendorff, Firmeninhaber der dritten Generation, seinen Schmuck nicht länger als No-Name-Produkt zu vertreiben. Es war ein Tabubruch, schließlich stand Pforzheim für Industriefertigung: Die Werkstätten der Stadt verkauften zum Gold-Kilopreis. Wellendorff aber signierte nun seine Werke – mit dem Brillant-W, einem in 18 Karat Gold gefassten Vollschliffbrillanten, der seitdem jedes Wellendorff-Stück ziert. Rund die Hälfte seiner Kunden verlor er daraufhin, auch seine Banker waren entsetzt. „Eine Marke bei Schmuck gibt es nicht“, warnte ihn einer eindringlich. Aber Wellendorff blieb stur. Heute verkehrt die Marke auf Augenhöhe mit den großen Namen wie Cartier – wenn auch der Umsatz nur einen Bruchteil ausmacht. Über Kunden und Zahlen allerdings spricht man nicht in der Trompe-l’Œil-Landschaftskulisse des Wellendorff-Showrooms.

In einer der Vitrinen liegt eine Kunststoff-Computermaus neben einem aus Goldkordeln geflochtenen Reif – womöglich ein dezenter Hinweis, dass auch die Frau von Bill Gates ein solches Armband trägt. „Wir sind sogar während der Finanzkrise gewachsen“, sagt Christoph Wellendorff. Er und sein Bruder Georg führen heute das Unternehmen. Ihre erste „Vorstandssitzung“, wie Wellendorff es nennt, haben sie an diesem Morgen um 7 absolviert, auf dem gemeinsamen 15-minütigen Fußweg in die Firma. Dass sie miteinander auskommen, hält Christoph Wellendorff für eine entscheidende Voraussetzung für den Erfolg. Er agiert als eine Art Außenminister, der Bruder kümmert sich um Produktentwicklung und Fertigung.

 Christoph Wellendorff, Chef  der gleichnamigen Schmuckmanufaktur, prüft ein Ausstellungsstück – von dem auch Melinda Gates ein Exemplar besitzt © Katrin Binner
Christoph Wellendorff, Chef der gleichnamigen Schmuckmanufaktur, prüft ein Ausstellungsstück – von dem auch Melinda Gates ein Exemplar besitzt

In den lichtdurchfluteten Etagen der Werkstatt werden die Armbänder, Colliers und Ringe von Hand gefertigt – aber mit den Werkzeugen des 21. Jahrhunderts. Neben der hölzernen Werkbank des Juwelenfassers steht ein Laser-Schweißgerät, mit dem der Goldschmied Goldteile mit der Präzision eines Augenarztes punktgenau verbindet.

Der Einsatz neuer Technologien eröffnet Pforzheim Chancen, ist auch C.Hafner-Chef Philipp Reisert überzeugt. Nicht als Markenstandort – wo Wellendorff die Ausnahme ist –, sondern als Zulieferer. Bei der Hightech-Fertigung „ist Pforzheim wieder auf der Bildfläche“, sagt Reisert. Auch Christoph Wellendorff glaubt an den Cluster, schon aus eigenem Interesse. „Wir brauchen die Infrastruktur, die Facharbeiter und die besten Fräsen, Sägeblätter, Lupen“, sagt der Unternehmer. Die Spezialhersteller, das Schmucktechnologische Institut der Hochschule für Gestaltung, die Goldschmiede und Uhrmacherschule, diese Ballung von Kompetenz gebe es nirgendwo sonst. „Wenn ich nach Amerika reise, verstehen die Juweliere ‚Pforzheim‘, ohne dass ich es erklären muss“, sagt Wellendorff.

Der Beitrag ist in Capital 03/2017 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon


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