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Claude Grunitzky - der Kontaktmann

, Jonas Breng

Claude Grunitzky ist ein Fall für die Business-School: Sein System zu Netzwerken wurde eine Case-Study in Harvard. Ein Porträt über den Meister der Kunst, die richtigen Leute kennen zu lernen.

Claude Grunitzky © Stephanie Füssenich
Claude Grunitzky ist der Meister der Kunst, die richtigen Leute kennen zu lernen.

Dass mit Frankreich etwas nicht stimmt, merkt Claude Grunitzky auf einer Party des Bürgermeisters von Le Havre. Es ist ein später Septemberabend, als Grunitzky leichten Schrittes das Dinnerzimmer des Rathausturmes betritt und sein Auftrag beginnt. Eine exklusive Runde hat sich hier oben im 14. Stock bei Kerzenschein versammelt, unter ihnen glitzert eine Stadt aus kleinen Lichtern. Grunitzky schaut sich um. Ein paar CEOs sind da, zwei Politiker, ein Unternehmer aus Indonesien. Hängen bleibt Grunitzkys Blick an einem Mann am anderen Ende des Raumes: seinem Job für heute Abend. Der Job ist zwei Meter groß, hager und heißt Édouard Philippe, Bürgermeister von Le Havre.

Der Bürgermeister und Grunitzky kennen sich flüchtig aus dem Club Le Siècle, einem der elitärsten Zirkel der Pariser Gesellschaft. Der Bürgermeister wird als zukünftiger Premierminister gehandelt. Wenn sich die Dinge in Grunitzkys Sinn entwickeln, dann sitzt Philippe in einem Jahr für die Republikaner auf dem Stuhl des Regierungschefs – und er, Grunitzky, wird einen direkten Draht zu ihm haben. Davon lebt einer wie er. Grunitzky sagt: „Ich habe einen inneren Sensor für Talente: Künstler, Politiker, scheißegal.“

Grunitzky will sich gerade ein Pfefferminzbonbon in den Mund stecken und hinübergehen, als ihm ein Mann auf die schwarze Anzugjacke klopft. Grunitzky dreht sich um. Vor ihm steht ein kräftiger Herr, der Chef eines französischen Entsorgungsunternehmens. In der Hand hält er ein leeres Champagnerglas. Mit hochgezogenen Augenbrauen deutet er darauf. „Noch einen Champagner“, sagt er. Grunitzky schaut ihn ungläubig an.

Grunitzky ist kein Mann, der schnell die Kontrolle verliert. Aber ein langer Tag liegt hinter ihm. Heute Morgen ist er aus London gekommen, er hat zwei Stunden geschlafen und wahrscheinlich 100 Hände geschüttelt. Eigentlich müsste Grunitzky todmüde aussehen, aber seinem Jungengesicht geht es wie seinem Jackett: nicht eine Falte.

Grunitzky wippt von einem Bein aufs andere. Eine Sekunde lang meint man, etwas Hartes in seinem Gesicht zu entdecken, aber dann ist seine Stimme ganz weich. „Mein Herr, das muss ein Missverständnis sein. Aber ich bin kein Kellner“, sagt er und blickt den erschrockenen Unternehmer freundlich an. „Mein Name ist Claude Grunitzky.“

Ein Leben im Adressbuch

Grunitzky ist 45 Jahre alt, ein eleganter Mann mit Pausbacken und einer Lücke zwischen den Schneidezähnen. Es ist nicht leicht zu erklären, was er beruflich macht. Grunitzky war Chefredakteur, Medienunternehmer und hat viel Geld mit einer Werbeagentur verdient. Berühmt gemacht aber hat ihn etwas anderes: sein Adressbuch. Grunitzky gilt als Netzwerkgenie. Die Harvard Business School hat seine Fähigkeit, Menschen zu erobern, in einer eigenen Case-Study beleuchtet und ihn zum Vorbild in Sachen ­Kontakteknüpfen erklärt. BWL-Studenten weltweit lernen heute die Grunitzky-Formel.

Die richtigen Kreise

Seither tourt er um den Globus wie ein Botschafter. Grunitzky hat in Peking gesprochen, in Boston und New York; er hat jungen Studenten erzählt, wie plötzlich alles möglich wird, wenn man die richtigen Menschen kennt. Der Beweis ist seine eigene Karriere. Denn Claude Grunitzky hat nicht nur seine Zeit und sein Talent in sein Netzwerk investiert – das tun viele Menschen mit Erfolg. Grunitzky hat sein Leben in sein Adress­buch gesteckt. Wenn er davon spricht, benutzt er Begriffe wie Beziehungen, Inspiration, Hilfe. Grunitzky sagt: „Netzwerken – was für ein schreckliches Wort.“

Als er zwei Stunden später auf den leeren Platz vor dem Rathaus getänzelt kommt, hat es angefangen, leicht zu regnen. Grunitzky hat keinen Mantel dabei, nur ein Jackett, in dessen Taschen jetzt ein Haufen neuer Visitenkarten steckt. Er sieht zufrieden aus. Den Bürgermeister wird er bald zum Essen treffen, ein Erfolg also. Und die Verwechslung? Hinterher habe der Kerl mit ihm über ein Geschäft verhandeln wollen, sagt Grunitzky und lacht so laut, als wäre dem Abfallmanager ein besonders guter Witz gelungen. Als er wieder leise ist, wird er ernst. Genau deshalb, sagt er, habe er Frankreich verlassen müssen: „Irgendwas läuft falsch, wenn ein schwarzer Mann in einem Anzug immer nur der Kellner ist.“ In großen Schritten marschiert er die Straße herunter, als müsse er Abstand zwischen sich und das Rathaus bringen.

Grunitzky kam mit zwölf Jahren nach Frankreich. Sein Vater war Botschafter von Togo, ein Mann, dem in Afrika eine große Zukunft vorhergesagt wurde. Jedenfalls bis der idealistische Mann sich mit dem togolesischen Diktator überwarf. Sein Geld steckte Grunitzkys Vater danach vor allem in die Ausbildung seiner Kinder, Grunitzky und seine Schwester landeten in einem französischen Internat, in dem es nur eine Handvoll schwarzer Schüler gab. Grunitzky las Camus und lernte französische Benimmregeln. In der Pause lachten die anderen Kinder über seine „Teppichhaare“.

Mit 15 Jahren ließ er sich Rastazöpfe wachsen und fing an, Hip-Hop zu hören. Der Vater tobte. Wenn seine Mitschüler in den Sommerferien nach Nizza und Hawaii flogen, reiste der junge Claude nach Togo, um seine Mutter zu besuchen. Seine Eltern waren nie verheiratet. Die Mutter, eine traditionelle Schneiderin, lebte in einer bescheidenen Hütte am ärmlichen Rand von Lomé. Grunitzky wechselte zwischen den Welten wie ein Astronaut.

Grunitzky sagt: „Ich habe mich mein ganzes Leben als Außenseiter gefühlt. Alles hat sich immer nur um eine Frage gedreht: Wie kann ich zum Insider werden?“

Wer Claude Grunitzky beobachtet, wie er durch die leeren Straßen von Le Havre marschiert, der muss sich ein bisschen wundern. Unter einem Netzwerkkönig hätte man sich einen anderen vorgestellt, einen Salonlöwen mit Einstecktuch vielleicht. Aber sicher keinen Mann, der allein ohne Mantel im Regen spazieren geht. An einer Ampel bleibt Grunitzky plötzlich stehen. Er überlegt. Eigentlich wollte er noch mit New York telefonieren. Dort ist es jetzt knapp sechs Uhr abends. Er könnte ein Taxi rufen, aber das würde fünf Minuten dauern. Warten hieße Stillstand. Grunitzky hasst Stillstand. Selbst um ein Uhr nachts.

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20 neue Freunde

Claude Grunitzky (r.) im Rathaus von Le Havre im Gespräch mit einem amerikanischen Unternehmer. Er sagt: "Netzwerken - was für ein schreckliches Wort" © Stephanie Füssenich
Claude Grunitzky (r.) im Rathaus von Le Havre im Gespräch mit einem amerikanischen Unternehmer. Er sagt: "Netzwerken - was für ein schreckliches Wort"

Die Unruhe treibt ihn voran. Immer schon. Angefangen hatte alles mit der Flucht aus Frankreich. Nach dem Studium an der französischen Eliteuniversität Sciences Po war Grunitzky nach London gegangen. Er hatte für Kulturmagazine geschrieben und mit 24 Jahren das Mode- und Hip-Hop-Magazin „Trace“ gegründet. Grunitzky war ehrgeizig. Seine Mission: das beste Urban Magazine der Welt zu machen.

Der blutjunge Grunitzky begriff schnell, welche Ware für einen Herausgeber die wichtigste ist: Kontakte. Er traf Künstler, Fotografen, Produzenten und freundete sich mit der damals als Designerin noch fast unbekannten Stella McCartney an. Jede Begegnung war eine Chance. Keine Visitenkarte, die er erhielt, verlor er wieder. Die meisten Leute seien oberflächlich gewesen und hätten auf den Partys nur gequatscht, erzählt Grunitzky. „Ich war der Typ, der sich später auf jeden Fall meldete.“ Auf Fotos aus dieser Zeit sieht Grunitzky aus wie ein großes Kind, das sein Glück kaum fassen kann.

Es gibt Menschen, die müssen sich anstrengen, gemocht zu werden. Und andere, denen Sympathien einfach entgegenregnen. Grunitzky hat ein offenes Gesicht. Er ist lässig und freundlich und schnell. Er weiß, was man bei einem Treffen mit einem Rapstar sagen muss und was bei einem Interview mit der „New York Times“. Wenn er sich mit jemandem unterhält, erkundigt er sich gewissenhaft nach dem Namen und vergisst ihn danach nie mehr. Nach dem Dinner im Rathaus sagte eine der Politikerinnen: „Du könntest Claude in einen Raum mit 20 Fremden sperren. Wenn du die Tür wieder aufmachst, hat er 20 neue Freunde.“

In London klappte das so gut, dass Grunitzky sich ein System ausdachte, das sein Leben für immer veränderte. In einer Datenbank sammelte er alle Namen und Informationen, die er zu einer Person hatte. Geburtsdatum, Beruf, Hobbys. Die wichtigsten Namen aber schrieb er in ein kleines Notizbuch, das er noch aus Studienzeiten besaß. Grunitzky wusste, dass es nicht auf die Masse ankam, aber auf die Pflege der wichtigen Kontakte. Er stellte eine Regel auf: Menschen aus dem Notizbuch versuchte er einmal im Monat zu treffen. Leute aus der Datenbank bekamen Geburtstagskarten und gelegentlich Einladungen zu Partys. Es war nicht kompliziert, aber es half, Ordnung zu halten. Heute befindet sich in Grunitzkys Datenbank eine Kleinstadt: 7 000 Namen. Neben 3 000 Freunden auf Facebook und 2 000 Kontakten auf LinkedIn.

Wer Grunitzky begleitet, der lernt einen Mann kennen, der ständig twittert, Nachrichten und E-Mails schreibt. 18 Stunden am Tag. Grunitzky ist eine Ein-Mann-Nachrichtenzentrale. Auszeiten nimmt er sich nur in Brasilien, wo er ein Haus mitten im Urwald besitzt. Ohne WLAN und Handynetz. „Ohne das würde ich wahrscheinlich den Verstand verlieren“, sagt er. Wenn ihm alles zu viel wird, setzt er sich in ein Flugzeug und verschwindet. Alle paar Monate kommt das vor. An einem normalen Tag aber steht er um 6 Uhr auf und verwendet knapp drei Stunden da­rauf, das Netzwerk zu pflegen. Ist er in New York, sitzt er dabei am Schreibtisch seiner 200-Quadratmeter-Wohnung in Manhattan und kann durch die Fenster die Sonne über der Wall Street aufgehen sehen.

Das System sauber halten

Ein Taxi zu rufen würde Zeit kosten. Warten heißt Stillstand. Grunitzky marschiert 15 Minuten zu Fuß durch Le Havre. © Stephanie Füssenich
Ein Taxi zu rufen würde Zeit kosten. Warten heißt Stillstand. Grunitzky marschiert 15 Minuten zu Fuß durch Le Havre.

Das System, das Grunitzky entworfen hat, um seine Welt aus Namen zusammenzuhalten, ist radikal. Grunitzky unterteilt seine Kontakte nicht in privat oder geschäftlich. Er denkt in konzentrischen Kreisen. Das Herzstück bildet eine Gruppe von 50 Menschen. Seine engsten Vertrauten, Freunde und wichtigsten Businesspartner finden sich da­rin. Mit ihnen steht er ständig in Kontakt, schreibt, telefoniert und trifft sie so häufig wie möglich. Je größer der Kreis, desto weniger intensiv die Pflege. Er sagt: „Das Wichtigste ist es, das System sauber zu halten.“

Menschen wie Grunitzky bekommen pro Woche Hunderte Nachrichten von Leuten, die sie nicht kennen. Dagegen muss er sich schützen. Aber auch bestehende Kontakte landen auf der Abschussliste. Er überprüft und erneuert. Permanent. Wer nichts nützt, fliegt raus. Man kann darin professionelle Konsequenz sehen – oder kalte Berechnung.

Ist er oberflächlich?

„Nein. Aber wenn mir jemand eine Beziehung vorgaukelt, um an Rihanna ranzukommen, dann schneide ich ihn ab. Ich kann meine Zeit nicht mit Menschen verschwenden, die mich nur benutzen wollen.“

Aber tut er nicht das Gleiche?

„Ich bitte nur Leute um Hilfe, denen ich im Gegenzug auch etwas bieten kann. Es geht um Balance. Wie bei einem Geschäft.“ Aber wer etwas erreichen wolle, sagt Grunitzky, müsse vor allem eines: „Ins Zen­trum der Gravitation vorstoßen.“

Gelernt hat er das in New York. Grunitzky, damals 28 Jahre alt, zog 1998 mit seinem Magazin von London nach New York. Ein ­Abenteuer. Grunitzky war von New York besessen, der einzige Ort auf der Welt, an dem es wichtiger war, was man tat, als wo man herkam. Gelandet war er zunächst in einem kleinen Apartment in der Bronx. Wenn er aus dem Fenster schaute, konnte er die Crackdealer auf der anderen Straßenseite sehen. Mit seinen Magazinen unter dem Arm lief er zu Fuß die Werbekunden der Stadt ab. Die Bündel waren schwer. Nach ein paar Monaten hatte er sich die Schulter ruiniert.

New York war schwieriger als gedacht. Ein Jahr nach seiner Ankunft konnte Grunitzky seine Angestellten nicht mehr bezahlen. Er schlief immer schlechter, alles drohte zu scheitern. Zur gleichen Zeit starb auch sein Vater. Grunitzky flog nach Togo. Er stand am offenen Sarg des Vaters in einem festlich geschmückten Saal und fragte sich, wie es weitergehen sollte. Heute sagt er: „Ich wollte alles zu sehr, war zu verbissen.“ Das noch größere Problem jedoch war: Ihm fehlten die richtigen Kontakte. Es musste etwas passieren.

Grunitzky sagt: „Ohne Bethann hätte ich es nicht geschafft.“ Bethann Hardison war in den 70er-Jahren eines der ersten schwarzen Supermodels, gründete 1984 eine eigene Modelagentur und war eine einflussreiche Frau in New Yorks Upperclass. Grunitzky hatte ihr geschrieben, als er nach New York gekommen war, er wollte sie kennenlernen. Jetzt, ein Jahr später, stand er in ihrem Büro. Hardison mochte Grunitzky. Die Energie. Den Ehrgeiz. Sie wurde seine Mentorin. Noch heute treffen sie sich regelmäßig in New York. Immer das gleiche Restaurant, immer der gleiche Tisch.

Hardison stellte ihm die richtigen Leute vor und nahm ihn mit zu den wichtigsten Partys. Er lernte David Bowie und seine Frau Iman kennen und freundete sich mit der Musikmanagerin Sylvia Rhone an, die ihm Lunchtermine mit den wichtigsten Wirtschaftsköpfen organisierte. Grunitzky hatte sich auf ein Katapult gesetzt, das ihn nach oben schleuderte. Grunitzky sagt: „Sobald ich Zugang zu einem bestehenden Netzwerk habe, kann ich es erweitern. Man braucht nur eine offene Tür.

Zum Durchbruch verhalfen ihm die Partys, die er mit ­seinem Magazin „Trace“ veranstaltete. Die Abende bei Grunitzky waren nicht der übliche Champagner-Small-Talk. Sondern so bunt wie sein Adressbuch. Grunitzky mietete Galerien und Clubs und verbrachte Tage damit, den richtigen Mix aus Menschen zusammenzustellen. Grunitzky wusste, dass nichts so eintönig ist wie die immer gleichen Gesichter auf den immer gleichen Partys. Immerhin hatte er sein halbes Leben auf solchen Veranstaltungen verbracht.

Es kamen Künstler wie Beyoncé, Sportler und Wirtschaftsbosse. Schnell zählten die „Trace“-Partys zum Angesagtesten, das New York zu bieten hatte. Jeden Monat tänzelte Grunitzky durch ein Meer aus Menschen. Außerdem machte Grunitzky private Netzwerkdinners, zu denen er jedes Mal zwölf Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen einlud.

Es dauerte nicht lang, und er war das, was er immer sein wollte: sein eigenes Epizentrum. Obendrein baute er eine eigene PR-Agentur auf. Zog mit seinen Kontakten Kunden wie Puma und Levi’s heran. Seine Anteile verkaufte er nach einigen Jahren für geschätzte 40 Mio. Dollar.

Grunitzky gähnt. Zum Hotel ist er zu Fuß gegangen, und das erste Mal an diesem Abend sieht er wirklich müde aus. Er schaut sich um. Eine leere Straße, dunkle Schaufenster. „In diesem Land kann man sich wirklich einsam vorkommen“, sagt er. Man kann nicht sehen, ob er lächelt. Dann verschwindet er im Bauch des Hotels.

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Und jetzt: Afrika

In den Ausstellungsräumen der Fundation Cartier trifft Grunitzky auch Neye Diobaye (l.), die er als Mentor fördert. © Stephanie Füssenich
In den Ausstellungsräumen der Fundation Cartier trifft Grunitzky auch Neye Diobaye (l.), die er als Mentor fördert.

Nach einer kurzen Nacht sitzt Grunitzky am nächsten Morgen im Zug nach Paris. Draußen ziehen Felder vorbei, satte, grüne Landschaft. Vor ihm: ein Cappuccino, die „New York Times“ und sein Laptop. Grunitzky ist auf dem Weg zu einem Vortrag. Es geht um sein neuestes Projekt: True Africa. Wenn man so will, ist es das Projekt seines Lebens.

True Africa soll eine Medienplattform für junge Menschen werden. Eine Mischung aus dem lässigen „Vice“-Magazin und der BBC für ­Afrika. Grunitzky will einen Ort schaffen, an dem die Jugend des Kontinents zusammenkommt. Im Prinzip macht Grunitzky wieder, was er am besten kann: Menschen verbinden.

Die Idee zu True Africa kam ihm während eines Sabbaticals am MIT. Grunitzky hatte gerade sein halbes Leben verkauft, das Magazin, die Agentur. Er saß auf einer Menge Geld und einem Adressbuch, für das viele in New York, London oder Paris gemordet hätten. Doch nun fragte er sich, was er mit dem Rest seines Lebens anstellen sollte. Er dachte an seinen Vater, der Afrika verändern wollte und damit gescheitert war. Also: True Africa.

Zu Grunitzkys Idee gehört auch ein Projekt für afrikanische Jungunternehmer. Er reist dafür mit einem Jeep quer durch verschiedene Länder des Kontinents und hört sich die Geschäftsideen junger Afrikaner an, von Sonnenauf- bis -untergang. Jeder Pitch bekommt fünf Minuten.

Den besten zehn Kandidaten verschafft Grunitzky dann Kontakte zu Mentoren und Finanziers. Es ist wie bei einer Castingshow. Nur dass Grunitzky und seine Leute die einzige Jury sind und die Kameras fehlen. Bei der Finanzierung hilft ein Förderprogramm des Weißen Hauses. Grunitzky sagt: „Afrika schafft es nicht allein.“

Er zeigt jetzt Fotos auf seinem Laptop. Es gibt Bilder, die ihn umringt von Kindern zeigen, beim Abendessen mit Dorfgemeinschaften und vor seinem Zeltlager. Es steckt einige Ironie darin: Denn im Prinzip muss Grunitzky neu beginnen. Sein Netzwerk, das ihm in London und New York die Türen aufschließt, hilft ihm in Afrika kaum weiter. „Alles auf Anfang“, sagt er.

Grunitzky schaut aus dem Fenster. Dann leuchtet plötzlich eine Mail in seinem Posteingang auf. Acht Zeilen lang, mit einer Unterschrift darunter: Michael Bloomberg. Grunitzky schaut, als habe er soeben einen Liebesbrief erhalten. Es ist eine persönliche Einladung nach Johannesburg. Mehrere Monate hat er daran gearbeitet. Grunitzky lässt sich glückselig in seinen Sitz fallen.

Als Grunitzky sich dazu entschied, mit True Africa ein neues Kapitel in seinem Leben aufzuschlagen, schrieb er ein paar Namen auf ein Blatt Papier: Michael Bloomberg stand ganz oben. Grunitzky braucht Medienpartner, er will Reichweite, und Bloombergs Medienimperium passt perfekt. Aber um einen Mann wie Michael Bloomberg zum Essen zu treffen, muss einiges passieren. Los ging es mit einem Vortrag auf einer Konferenz an der Universität Cambridge. Mitarbeiter von Bloomberg waren auf Grunitzky aufmerksam geworden und luden ihn ins Office nach London ein. Insgesamt wurden es drei Treffen, die ihn immer näher zu Michael Bloomberg selbst brachten. Beim letzten war ein Mitglied aus dem Vorstand dabei. Grunitzky sagt: „Diese Mail ist die Ernte.“

Ein anderer Name, der auf Grunitzkys Liste ganz oben steht, ist Bill Gates. Gates und er sind sich zuletzt auf einer Feier im House of Lords in London begegnet. Gates, den wahrscheinlich am besten abgeschirmten Mann der Geschäftswelt, umringten damals seine Mitarbeiter. Eine halbe Stunde wartete Grunitzky, dann ging er rüber. Er sagt: „In einem Raum wie dort gibt es höchstens fünf Personen, die den Mumm haben, einen Mann wie Gates anzusprechen. Ich gehöre immer dazu.“ Man müsse sich das vorstellen wie die Eroberung einer Frau. Erst Augenkontakt, dann ansprechen. Nie zu anbiedernd.

„Lieber Herr Gates, ich möchte mich dafür bedanken, was Sie in Afrika leisten“, sagte Grunitzky. Sie sprachen zwei Minuten miteinander. Gates schwieg und lächelte die meiste Zeit. Anschließend gab Gates’ Assistentin ihm dessen Kontaktdaten.

Auf die Vorspultaste

Schon am nächsten Morgen hatte sie eine Mail von Grunitzky im Postfach. Seitdem checkt er Gates’ Zeitplan. Er weiß, wo er sprechen wird, welche Länder er besucht und wen er zu seinen Freunden zählt. Grunitzky ist wie ein Stalker. Er wartet auf den richtigen Moment, den richtigen Ort. Er will eine Kooperation mit der Gates Foundation. Wofür, wird man dann sehen. Als der Zug den Bahnhof in Paris erreicht, sagt Grunitzky: „Ich brauche noch einmal fünf private Minuten mit Gates. Dann habe ich eine Chance.“

Am Abend steht Grunitzky in einem gewaltigen Glaswürfel in Paris. Im Gebäude der Fondation Cartier findet heute ein Netzwerktreffen zum Thema Afrika statt. Einige Kunstmenschen sind da, viele Musiker und Aktivisten. Es gibt viel Händeschütteln und den Auftritt einer Hip-Hop-Gruppe. Grunitzky trägt wie immer Schwarz und sieht vor den Bildern an der Wand aus wie ein Galerist. Er lacht viel an diesem Abend und wirkt gelöst. Irgendwann stellt sich ihm eine kleine Frau mit kurzen Haaren in den Weg. Ndeye Diobaye, 21 Jahre alt.

Sie ist eine von zehn handverlesenen jungen Menschen, die Grunitzky als Mentor fördert. Er vermittelt Kontakte, bespricht Karrierepläne und gibt Rat. Grunitzky begrüßt sie mit zwei Küssen auf die Wange und strahlt. Die beiden sprechen nur kurz miteinander, wie Trainer und Spieler an der Seitenlinie stehen sie zusammen. Grunitzky, der schneller denkt und eigentlich auch schneller redet, als die meisten Menschen zuhören können, bremst sich normalerweise in Gesprächen he­runter. Jetzt allerdings nicht. Von außen wirkt die Unterhaltung, als sei jemand auf die Vorspultaste gekommen. Als Grunitzky ihr von Bloomberg erzählt, klatschen sich die beiden mit einem High Five ab.

Grunitzky und Diobaye sind sich vor drei Jahren das erste Mal begegnet. Fragt man Grunitzky, dauerte es keine 30 Sekunden, ihr Talent zu erkennen – schnell, klug, ehrgeizig, so wie er. Er kann mit Leuten nichts anfangen, die nichts wollen. Fragt man Diobaye, kommt heraus, dass sie schon im Jahr zuvor mit ihm sprechen wollte. Damals fehlte ihr allerdings der Mut. Diobaye sagt: „Dass ein Mensch wie Claude an mich glaubt, ist das größte Kompliment, das ich mir vorstellen kann.“

Grunitzky sagt: „Sie erinnert mich an mich, als ich jung war. Der gleiche Hunger. Die gleiche Geschwindigkeit.“ In zwei Wochen wird sie für ihren Master nach London gehen. Grunitzky hat schon ein paar Anrufe gemacht.

Die Grunitzky-Formel

1. HABEN SIE EINE MISSION:
Setzen Sie sich ein klares Ziel: Was wollen Sie erreichen? Dann identifizieren
Sie einflussreiche Protagonisten, die Ihnen beim Erreichen dieses Ziels weiterhelfen können. Auf die konzentrieren Sie sich.

2. FINDEN SIE MENTOREN:
Die besten Türöffner sind andere Menschen. Suchen Sie sich einen Mentor, über den Sie neue Kontakte knüpfen können.

3. FASSEN SIE MUT:
Grunitzky glaubt: Wenn Bill Gates auf einer Party steht, haben höchsten fünf Leute den Mumm, ihn anzuspre- chen. Auch eine Nummer kleiner gilt: Fremde anzusprechen ist schwer – aber enorm wichtig. Übung macht’s!

4. BIETEN SIE MEHRWERT:
Menschen, von denen Sie etwas wollen, müssen Sie auch etwas bieten können. Stellen Sie Ihre Fähigkeiten, Referenzen und Kontakte heraus.

5. MEISTERN SIE MASSE:
Pflegen und intensivieren Sie Kontakte. Die schlechten sortieren Sie aus.

Das Porträt über Claude Grunitzky ist zuerst in Capital 4/2016 erschienen. Interesse an Capital? Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.


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