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Chinas Marsch durch Deutschland

, Capital-Redaktion

Chinas Präsident Xi Jinping besucht Deutschland, viele chinesische Firmen sind schon hier – dauerhaft als Investoren. Die Erfahrungen mit ihnen sind gut.

Chinesische Flagge © David Maupilé
Am Werkseingang von Preh weht die chinesische Flagge

Chinesen kaufen die Perlen der deutschen Industrie: Kiekert, Kion, Preh, Putzmeister und Saargummi gehören mittlerweile chinesischen Investoren. Der Lange Marsch durch Deutschland ist in China Staatsräson. Mehr als 40 deutsche Firmen wurden schon gekauft. Meist ist von einem „hungrigen Drachen“ oder „gelber Gefahr“ die Rede. Sogar von der „China-Invasion“. Es sind Berichte, die Angst machen.

Die Angst sitzt tief. Wenn Deutsche das Wort „China“ hören, denken sie laut Umfragen als Erstes: Wirtschaftsmacht. Als Zweites: Menschenmassen. Drei von vier fürchten, dass China zu mächtig wird. Sie sehen Chinesen, die Kokereien demontieren und Maschinen nachbauen. Als Anfang 2013 Gerüchte aufkamen, ein chinesischer Staatsfonds würde bei Daimler einsteigen, war die Aufregung groß.

Ritterschlag von Gewerkschaften

Doch die Erfahrungen mit den Invasoren sind durchweg gut. Das hat jetzt auch die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung in einer Studie festgestellt. „Die Investoren aus dem Reich der Mitte zeigten sich bislang kooperativer als viele Finanzinvestoren“, heißt es dort. Eine Ritterschlag! In mehreren Fällen sei es Betriebsräten und Gewerkschaften gelungen, mit chinesischen Firmenkäufern Vereinbarungen über Tarifbindung, Investitionen und Beschäftigungssicherung zu schließen.

Putzmeister-Firmenzentrale © David Maupilé
Putzmeister-Firmenzentrale in Aichtal

Ausdrücklich erwähnt wird in der Studie der Betonpumpenhersteller Putzmeister, der Anfang 2012 vom chinesischen Sanys-Konzern übernommen wurde. Nach anfänglichen Protesten von Belegschaft und IG Metall habe der neue Eigentümer eine Beschäftigungsgarantie bis 2020 unterschrieben.

Capital hat Putzmeister und andere von Chinesen übernommene Firmen im vergangenen Jahr besucht (Ausgabe 06/2013). Von der Angst war nicht viel übriggeblieben. Anstandslos habe sich Sany bislang an alle Absprachen gehalten, lobte etwa der Betriebsrat den Investor. Die Putzmeister-Übernahme war bis dahin der aufsehenerregendste China-Deal in Deutschland. Liang Wengen, der reichste Chinese und Mitglied der Kommunistischen Partei, kaufte den stolzen Mittelständler Putzmeister. Gegründet in den 50ern von Karl Schlecht wurde Putzmeister zum Weltmarktführer für Betonpumpen, zum Technikpionier, der Beton 600 Meter in die Luft schießen kann. Den welthöchsten Turm haben Leute von Putzmeister mitgebaut, den Burj Khalifa, und mit ihren Pumpen die Reaktoren von Fukushima gekühlt.

500 Mio. Euro war Liang Wengen dieses Können wert. „Die sind sehr besorgt. Die wollen ‚Made in Germany‘“, sagte Firmenchef Norbert Scheuch Capital. „Die Chinesen brauchen Hilfe bei ihrer Eroberung der Welt.“

Suche nach Hidden Champions

Laut Oliver Emons, Ökonom in der Hans-Böckler-Stiftung, haben es die Chinesen vor allem auf Unternehmen abgesehen, die in sehr speziellen Marktsegmenten Weltmarktführer sind. Auf Putzmeister trifft das zu. Darüber hinaus investierten chinesische Investoren in Deutschland, um ihre enormen Devisenreserven zu verwerten und sich Zutritt zum deutschen Markt zu verschaffen, so die Böckler-Analyse.

Die deutschen Gewerkschaften wissen jedenfalls nur Gutes von den Investoren aus dem Fernen Osten zu berichten. Armin Schild, Bezirksleiter bei der IG Metall, hat viele Betriebsräte befragt, keiner hat ihm Negatives berichtet, im Gegenteil. Viele Arbeitsplätze seien von Chinesen gerettet worden. Das trifft zum Beispiel auf den Autozulieferer Saargummi zu, den der Mischkonzern CQLT 2011 aus der Insolvenz herausgekauft hat. Die Beschäftigten blieben.

In den nächsten Jahren stünden Tausende Mittelständler zum Verkauf, sagte Schild zu Capital. „Aus Sicht der Arbeitnehmer sind uns Chinesen deutlich lieber als etwa Finanzinvestoren.“ Den letzteren haftet aus Gewerkschaftssicht der Ruf der Heuschrecke an, die Unternehmen kaufen und Stellen abbauen. Die Investoren aus der Volksrepublik sind bislang rücksichtsvoller.

„Schwärmt aus!“

„Das Interesse chinesischer Investoren an deutschen Übernahmekandidaten ist erwacht“, stellt Emons in seiner Untersuchung fest. Absolut gesehen sind die Zahlen – im Vergleich zu den USA oder Frankreich – noch klein. Die deutschen Investitionen nach China sind achtmal größer. Aber die Zahlen zeigen einen Trend, den Beginn von etwas Großem: 2012 investierten chinesische Unternehmen laut Berechnungen der Hongkonger Private-Equity-Firma A Capital 12,6 Mrd. Euro in Übernahmen und Beteiligungen in Europa, 20 Prozent mehr als im Vorjahr – das ist inzwischen sogar mehr, als in die andere Richtung fließt, von Europa nach China.

Deutschland ist besonders beliebt. In einer Ernst-&-Young-Umfrage gab jeder siebte chinesische Manager an, sein Unternehmen erwäge den Schritt nach Deutschland. „Für China geht es darum, auf der globalen Wertschöpfungskette nach oben zu klettern“, sagt Cora Jungbluth, die das Phänomen für die Bertelsmann-Stiftung untersucht hat. Das Ziel verfolgt die Regierung mit Akribie. „Zouchuqu“, heißt es in Pekings Fünfjahresplan: „Schwärmt aus!“

Das chinesische Handelsministerium hat sogar einen Investitionsleitfaden rausgegeben. Darin preist es die Chancen in Deutschland, lobt das „Made in Germany“, die starken Marken, die Technologie, das Umweltbewusstsein. Die Empfehlung der Regierung: kaufen!


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