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China wächst stärker

, Christian Kirchner

HSBC-Ökonomin Julia Wang erwartet bessere Konjunktur und weitere Zukäufe chinesischer Konzerne im Ausland.

Julia Wang © Katrin Binner
Versteht, wie Chinas Wirtschaft tickt: Die China-Chefökonomin der britischen Großbank HSBC, Julia Wang, glaubt an eine Erholung

Capital: Frau Wang, Chinesen wollen beim Roboterhersteller Kuka und dem Halbleiter-Ausrüster Aixtron einsteigen, den Fußballclub Inter Mailand sowie den Regionalflughafen Hahn übernehmen. Ist in China der Größenwahn ausgebrochen – oder folgen die Pläne einer übergeordneten wirtschaftlichen Logik?

Wang: Letzteres. Die chinesischen Auslandsinvestitionen wachsen seit Jahren stärker als die ausländischen Direktinvestitionen in China, sie haben letztere im vergangenen Jahr erstmals sogar absolut übertroffen. Der Trend ist gewollt und wird anhalten. Die jüngsten Übernahmeversuche erregen nur deshalb besondere Aufmerksamkeit, weil sie Bereiche betreffen, die für viele Menschen sichtbar sind, die vom Wachstum der chinesischen Auslandsinvestitionen nichts mitbekommen haben, etwa Fußballvereine, Flughäfen oder eben auch ein Roboterkonzern. Das spiegelt aber auch die Transformation der chinesischen Wirtschaft wider, die Zukäufe werden entweder in konsumnahen Bereichen oder eben der Hochtechnologie vollzogen.

Capital 07/2016
Die neue Capital erscheint am 16. Juni

Die überraschende Abwertung der chinesischen Währung im vergangenen Sommer hat Schockwellen über die globalen Kapitalmärkte geschickt. Seitdem ist es ökonomisch verdächtig ruhig in der Wahrnehmung vieler geworden. Zu Recht?

Ja, denn die Wirtschaft zeigt klare Erholungstendenzen. Sowohl bei den Investitionen als auch der Industrieproduktion und dem Immobilienmarkt fällt das Wachstum etwas stärker als erwartet aus, zudem bleibt die Geld- und Fiskalpolitik locker. Man könnte den Eindruck gewinnen, als könnten viele schlicht nicht glauben, dass China der Haupttreiber des globalen Wachstums war und bleiben wird und daher verzweifelt nach Gründen suchen, warum daran etwas nicht stimmen kann. Entsprechend bleiben die Überkapazitäten der Staatsbetriebe sowie drohende Kapitalverkehrskontrollen ein großes Thema bei Investoren, die wir befragen. Viele Ökonomen haben zuletzt klammheimlich ihre Wachstumserwartungen für das laufende Jahr erhöht, nachdem sie zuvor eher pessimistisch für das laufende Jahr waren.

Kann man denn den offiziellen Wachstumszahlen von zuletzt 6,5 Prozent überhaupt trauen?

Kein Land hat eine perfekte Messung seiner Wirtschaft, und in China wird die Rolle des produzierenden Gewerbes überbetont. Die 6,5 Prozent kommen der Wahrheit aber sehr nahe, der Wert ist auch konsistent mit unseren Schätzungen für das Wachstum der Produktivität sowie der Inflation. Viele missverstehen allerdings auch die Definition von Wirtschaftswachstum, blicken mit Skepsis auf das absolute Wachstum, in dem China zuletzt um nicht weniger als die gesamte Wirtschaftsleistung der Türkei binnen eines Jahres gewachsen ist.

iesiger Investitionsbedarf in der Infrastruktur

Was ist die Alternative?

Die entscheidende Messgröße ist die Wirtschaftsleistung pro Kopf. Und hier liegt China mit 8000 US-Dollar pro Kopf bei einem Viertel der Industrieländer und hat noch immenses Wachstumspotenzial. So hat China zwar Überkapazitäten in der Industrieproduktion, aber immer noch einen riesigen Investitionsbedarf in der Infrastruktur, weil es bei Themen wie Straßendichte, Krankenhäuser, Wasser- und Energieversorgung sowie Schulen und Universitäten im Vergleich mit anderen Ländern – sogar Schwellenländern – hinterherhinkt. Diese Investitionen kann es aber dank sehr hoher Guthaben aus Binnenmitteln stemmen. Hinzu kommt: Sobald ein Bauer aus dem ländlichen Teil Chinas in eine Stadt umzieht und dort arbeitet, verfünffacht sich seine Produktivität.

Aber die Zahl der Menschen im arbeitsfähigen Alter beginnt nun zu sinken. Stellt das ein Risiko dar, weil immer weniger Arbeiter eine Lohn-Preis-Spirale in Gang setzen könnten?

Nein, denn noch immer lebt die Hälfte der Chinesen in ländlichen Gebieten. Zudem ist die Gleichung so einfach nicht: Immer weniger Arbeiter gleich Inflationsdruck. Eine alternde Bevölkerung wächst schließlich insgesamt langsamer und verzeichnet auch ein geringeres Produktivitätswachstum, das gleicht Effekte von mehr Lohnmacht für Arbeiter aus. Worum es der Regierung geht, ist vielmehr das Einkommen der Bevölkerung zu steigern, um einer Falle zu entkommen, in der viele Länder stecken: dass sie schlicht nicht mehr wachsen, sobald sie ein bestimmtes Einkommensniveau erreicht haben. Das heißt auch, dass der Qualifikationsbedarf an Arbeiter und Angestellte steigt. Das Problem ist schon jetzt nicht, dass es zu wenige Arbeiter gibt, sondern zu wenig gut qualifizierte.

Was das Thema Inflation angeht: Das Problem liegt unserer Meinung nach eher auf der Unterseite der Teuerung. Die Güterpreise in China sinken weiterhin, somit exportiert China auch weiter deflationäre Tendenzen in Industrieländer wie Europa und die USA. Wenn – wie derzeit – die Güterpreisinflation bei rund minus einem Prozent liegt und Güter die Hälfte des Warenkorbs ausmachen, müssen sich Dienstleistungen schon drei Prozent verteuern, damit Notenbänker wie Janet Yellen und Mario Draghi ihr Inflationsziel erreichen.

Unter vielen Ökonomen kursiert die Theorie, die chinesische Wirtschaft habe bereits 2011 oder 2012 eine harte Landung hingelegt  - und belegen das mit dem Einbruch der Rohstoffnachfrage und -preise seitdem sowie dem Rückgang der chinesischen Exporte. Seitdem versuche China, mit laxer Geldpolitik und immer mehr Krediten, die Lage krampfhaft zu beschönigen.

Das mag sich plausibel anhören, es ist unserer Meinung aber falsch. Würde man aggressive fiskalische und monetäre Hilfen für die Wirtschaft als Indiz für eine harte Landung der Wirtschaft sehen, dann hieße dies, dass sich die wichtigsten Industrieländer inmitten eines harten Landungsprozesses befänden. Was viele nicht sehen: Ja, China hat ab Herbst 2014 begonnen, die Wirtschaft fiskalisch zu stützen. Allerdings ist China eines der wenigen Länder, die diesbezüglich überhaupt noch Spielraum haben. Industrieländer haben ihn schon ausgeschöpft und können sich nur noch auf die Geldpolitik verlassen. Monetäre Hilfen sind aber allenfalls auf kurze Sicht von ein bis zwei Jahren effektiv, darüber ist sich Ökonomie einig.

[Seitenwechsel]

Überkapazitäten vor allem im produzierenden Gewerbe

Was ist mit dem Einbruch der Exporte und der Häuserpreise?

Die Exporte mögen tatsächlich gesunken sein, 2015 sogar zweistellig. Aber das ist ein globales Phänomen des Handels, der Anteil Chinas an allen Exporten weltweit steigt weiterhin. Das ist ein gutes Indiz für die Wettbewerbsfähigkeit Chinas insgesamt. Hinzu kommt: Alleine die 2014 eingeleiteten Maßnahmen gegen Übertreibungen am Häusermarkt haben Chinas Wirtschaft ein volles Prozent Wachstum gekostet seitdem.

Aber ein Prozentpunkt Wirtschaftswachstum muss derzeit mit mindestens zwei Prozentpunkten Kreditwachstum erkauft werden. Das kann nicht gesund sein auf Dauer. Die gesamte private Verschuldung Chinas hat gemessen an der Wirtschaftskraft mit 250 Prozent Dimensionen erreicht,  in denen in Asien, Europa und den USA meist Schuldenkrisen eskaliert sind. Die offiziellen Kreditausfallraten von unter zwei Prozent gelten unter Ökonomen als Witz.

Einspruch. Hier muss man schon unterscheiden zwischen den Industriesektoren. Überkapazitäten hat vor allem das produzierende Gewerbe aufgebaut und hier vor allem die staatseigenen Betriebe. Wir halten dieses Problem aber – anders als viele Pessimisten – für lösbar und sehen die Regierung da auch nicht unter Handlungsdruck, da die übrigen Bereiche der Wirtschaft genügend Wachstumsmomentum haben. Sie geht es aber nun binnen drei bis fünf Jahren an.

Indem man die eigenen Reserven über 3000 Mrd. Dollar auflöst?

Nein, die Devisenreserven sind ein psychologischer Rückhalt, wir glauben aber, dass China sie überhaupt nicht antasten muss.

China will Währung flexibilisieren

Was heißt das konkret?

Unterstellen wir, dass knapp ein Fünftel der Industrieproduktion in Sektoren erwirtschaftet wird, die Überkapazitäten hat und ein Drittel davon abgebaut werden, käme dies einem Abbau von rund vier Millionen Arbeitsplätzen und gut einem Prozentpunkt der Wirtschaftsleistung gleich. Wir glauben, dass dies sowohl gesamtwirtschaftlich als auch fiskalisch tragbar wäre. Kern des Problems ist, dass die Überkapazitäten von den Lokalregierungen aufgebaut worden sind. Also müssen sie dort, in den Provinzen, auch gelöst werden. Bislang gibt es aber für die Lokalregierungen überhaupt keinen Anreiz, an der Situation etwas zu ändern. Die Zentralregierung subventionierte die Überkapazitäten. Das ändert Peking aber gerade durch Reformen, die auf drei- bis fünf Jahre ausgelegt sind.

Warum wertet dass China immer wieder seine Währung ab? Viele Analysten sehen eine kräftiger als erwartete Abwertung als größtes Risiko für die Weltwirtschaft.

China wertet seine Währung nicht ab, um wettbewerbsfähiger zu werden. Das ist ein Missverständnis. Dafür gibt es auch – siehe Chinas steigenden Anteil an allen globalen Exporten – auch keinen Anlass. Sondern um die Währung rasch zu flexibilisieren. Hier wirken schlicht Marktkräfte, weil die Geldpolitik Chinas und der USA divergieren, China lockert seine Politik, die US-Notenbank verschärft sie, das erhöht den Druck auf alle Schwellenländer. Eines der wichtigsten Ziele Chinas ist mittelfristig, die Währung zu flexibilisieren. Denn nur mit einer flexiblen Währung kann China Zinsänderungen als effektives Steuerungselement der Wirtschaft einsetzen. Ohne eine flexible Währung muss China bei Zinsänderungen sofort starke Kapitalabflüsse  oder -zuflüsse befürchten, die es selbst mit dem Auf- oder Abbau von Reserven kontern muss.

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