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Chemieunfall

, Capital-Redaktion

Die Wirtschaft ist voller­ Fehden, Pleiten und Skandale. Capital erinnert an die besten. Diesmal: Die Zerschlagung der Hoechst AG

Jürgen Dormann © Illustration: Jindrich Novotny; Fotos: Marc Wetli/13 Photo; Sport Moments

Als Jürgen Dormann vor mehr als einem Jahr seinen letzten großen Job quittierte, fand er einen harten Satz für seine Zunft: „CEOs sind gefährliche Tiere.“ Man müsse Konzernchefs scharf kontrollieren, sonst machten die, was sie wollen. Der scheidende Oberaufseher über den Schweizer Industriekonzern Sulzer wusste, wovon er sprach. Schließlich war er selbst mal so ein gefährliches Tier.

20 Jahre ist das nun her, und Dormanns Revier war eines der größten in der deutschen Wirtschaft: Die Hoechst AG in Frankfurt, damals einer der mächtigsten Chemiekonzerne der Welt. Als er 1994 Vorstandschef wurde, zählte Hoechst mehr als 160 000 Mitarbeiter und kam auf mehr als 40 Mrd. D-Mark Jahresumsatz. Das Angebot war riesig: Farbstoffe, Wachse, Kunststoffe, synthetische Fasern und Folien, Arzneimittel, Chemikalien und vieles mehr. Allerdings: Der Umsatz stagnierte, einige Sparten schrieben tiefrote Zahlen, Störfälle kratzten am Image.

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Dormann schimpfte, er müsse diesen „verkrusteten, introvertierten Laden“ ändern. Es gehe darum, ob man im harten Wettbewerb bestehe, oder ob man gleich „die Adventslichter“ anmache. Wahrscheinlich ahnte nicht mal er selbst, dass er damit nicht den Aufstieg, sondern den Untergang des Konzerns einläutete.

Beim Umbau kannte er keine Skrupel. Sein radikales Rezept: Hoechst sollte ein Life-Science-Konzern werden. In Farb- und Kunststoffen sah Dormann keine Zukunft mehr. Stattdessen setzte er ganz auf Pharma und Pflanzenschutz. Zumindest die Aktionäre dankten es ihm, der Kurs der Aktie stieg kräftig. Zuerst versuchte Dormann, Hoechst mit dem US-Konzern Monsanto zu fusionieren – erfolglos. Auch eine Fusion mit Bayer scheiterte, weil sich die Manager nicht über die Besetzung der Spitzenposten einigen konnten. Dann startete Dormann den Ausverkauf. Erst war die Chemiesparte dran, 1999 schmiedete er aus dem restlichen Pharmageschäft von Hoechst mit dem französischen Konkurrenten Rhône-Poulenc den neuen Pharmariesen Aventis.

Ein deutsch-französischer Konzern sollte entstehen. Doch aus der „gleichberechtigten Partnerschaft“ wurde nichts. 2004 übernahm Sanofi Aventis. Dormann musste in den Aufsichtsrat. Seine Zeit als Raubtier war vorbei. Doch bis heute gilt Dormann als der erste deutsche Manager, der sich allein auf die Steigerung des Shareholder-Values konzentrierte – auch wenn dabei das Unternehmen unterging.

Hauptperson

Jürgen Dormann wurde 1940 in Heidelberg geboren. Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften ging er 1963 als Trainee zur Hoechst AG. 1994 wurde er zum Vorstandsvorsitzenden bestellt. Er wollte den Gemischtwarenladen Hoechst in einen internationalen Life-Science-Konzern verwandeln. Dafür verkaufte er große Teile des Konzerns in die ganze Welt. Dormann erhielt den Titel „Deutschlands radikalster Manager“. Der 74-Jährige ist verheiratet und hat vier Kinder.

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