• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Analyse

Bye-bye, Ölpreis

, Nils Kreimeier

Gebannt blicken wir auf den Verfall des Ölpreises. Vielen gilt er weiterhin als Indikator für den Zustand der Weltwirtschaft. Doch in Wahrheit ist die Fixierung nur noch ein Ritual. Von Nils Kreimeier

Ölförderung
Ölförderung in den USA: Das schwarze Gold ist im Überfluss vorhanden

Manchmal kommt zusammen, was nicht zusammengehört. Zum Beispiel Anfang Oktober 2014 in der US-Hauptstadt Washington. Der Energieminister Ernest Moniz überreichte in einer feierlichen Zeremonie Daniel Yergin einen Orden. Der Energieexperte erhielt die erstmals verliehene Schlesinger-Medaille für Energiesicherheit, benannt nach dem früheren US-Minister James Schlesinger. Auf diese Weise trafen die Namen zweier Männer aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Schlesinger war ein Anhänger der Peak-Oil-Theorie, der zufolge ein Fördermaximum beim Erdöl nahe oder bereits erreicht sei – und der Rohstoff von nun an immer knapper werde. Yergin wiederum, Autor zahlreicher Bestseller zur Energieversorgung, vertritt seit Langem die Überzeugung, dass es ein Überangebot an Öl gibt und von Engpässen keine Rede sein kann. Verschiedener kann man die Lage kaum sehen. Es war, als wäre Alice Schwarzer auf dem Cover von „Men’s Health“ gelandet.

Doch die Auszeichnung für Yergin hatte ihre innere Logik. Denn alles weist derzeit darauf hin, dass der 67-jährige Branchenguru recht hat. Neue Fördermethoden in den USA und anderen Ländern haben gewaltige, bisher nicht erschlossene Ressourcen an Erdöl auf den Markt gespült. Genutzt werden Ölsande in Kanada, Ölschiefervorkommen und andere Quellen, die noch vor wenigen Jahrzehnten niemand auf der Rechnung hatte. Selbst die Krisen in den Erzeugerländern Russland, Irak, Libyen und die prekäre Lage im Nahen Osten verflüchtigen sich am Markt für Erdöl. Der Preisverfall in diesem Jahr spricht für eine Schwemme: Seit Juni hat der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Referenz-Sorte WTI um gut 50 Prozent nachgegeben.

Die Angst ist weg

„Es gab noch vor einigen Jahren eine fast epidemische Furcht vor Peak Oil“, sagt Yergin im Gespräch mit Capital. „Mittlerweile wissen wir, dass das völlig unbegründet war.“

Ein dauerhaftes Überangebot an Öl markiert einen Paradigmenwechsel. Vorbei ist die Panik, mit der ganze Generationen aufwuchsen, die noch heute die Bilder des blockierten Suezkanals und erzwungener autofreier Sonntage im Kopf haben. Vorbei auch das brennende Interesse westlicher Industriestaaten, in der arabischen Welt mit zwielichtigen Autokraten zu paktieren, um sich Zugang zum Öl zu sichern.

„Jeder Versuch, von außen die Kontrolle über den Persischen Golf zu erlangen, wird als Angriff auf die ureigensten Interessen der Vereinigten Staaten von Amerika betrachtet“, sagte vor fast 35 Jahren der damalige US-Präsident Jimmy Carter – und noch immer ist diese Sicht weitverbreitet. Doch amerikanische Thinktanks diskutieren nur noch darüber, ob der Rückzug der USA aus der Golfregion richtig ist oder nicht. Bestritten wird er nicht.

Vorüber ist auch die Angst, dass Preisschwankungen in der OPEC ganze Volkswirtschaften an den Abgrund treiben könnten. Wer zu Beginn des neuen Jahrhunderts seinen Führerschein gemacht hat, hat einen fast ungebrochenen Anstieg des Benzinpreises erlebt. Doch die Konjunktur wurde von völlig anderen Dingen getrieben – dem Internet, Krediten, der Geldpolitik. Die magischen Indikatoren sind heute Anleihekäufe der Notenbanken oder das Volumen an faulen Krediten. Öl findet nur am Rande statt.

Ein Faktor unter vielen

Tatsächlich gibt es den bangen Blick auf den Ölpreis schon länger nicht mehr, der Rohstoff hatte seine Funktion als Schreckgespenst der Weltwirtschaft bereits vor dem aktuellen Preisverfall eingebüßt. Bezeichnend ist die Entwicklung seit der Jahrtausendwende. Zwischen dem Jahr 2000 und 2008 verfünffachten sich die Kosten pro Barrel, begleitet allerdings von einer weltweiten Rally an den Aktienmärkten und in der Realwirtschaft. Eine negative Korrelation ist nicht erkennbar. Die anschließende globale Finanzkrise mag in ihrer Schärfe teilweise auf den Rekordpreis von Juli 2008 zurückzuführen sein, der entscheidende Faktor war er mit Sicherheit nicht. Nach einem kurzfristigen Absturz erholte sich der Ölpreis wieder, ohne erkennbare Auswirkung auf die Konjunktur in Europa und den USA.

Öl ist zu einem Faktor unter vielen geworden. Aber warum?

[Seitenwechsel]

Die Antwort für die kurze Frist lässt sich in drei Buchstaben zusammenfassen: USA. Die Amerikaner waren und sind nach wie vor größter Importeur und Verbraucher von Erdölprodukten auf der Erde. Seit mit neuen Fördertechniken auch unkonventionelle Ressourcen erschlossen werden, sind die USA allerdings auch auf dem besten Weg, zum weltweit größten Produzenten aufzusteigen. Der britische Ölkonzern BP hat errechnet, dass das Land im vergangenen Jahr 1,1 Millionen Barrel pro Tag mehr erzeugte als im Jahr zuvor. Das entspricht in etwa dem täglichen Erdölverbrauch von Spanien. Damit dürften die Amerikaner nach Einschätzung der Internationalen Energieagentur (IEA) im kommenden Jahr unabhängig von Energieimporten werden. Und das hat die Statik auf dem Ölmarkt klar verändert. Wenn Amerika weniger nachfragt, steht mehr für die anderen Importeure zur Verfügung.

Hinzu kommt ein langfristiger Trend: Die klassischen Nachfrager wollen allesamt immer weniger Öl. „Was das Öl angeht, haben Nordamerika, Europa und Japan schon den Gipfel ihrer Nachfrage erreicht“, sagt Yergin. „Die Demografie, höhere Effizienz und Ersatzprodukte sorgen dafür, dass ihr Verbrauch stagniert oder zurückgeht.“

Öl verliert als Energieträger an Bedeutung

In den USA, wo Energieeffizienz lange nur ein Spleen war, werden sparsame Autos mittlerweile als Faktor für die nationale Sicherheit betrachtet: Öl, das man nicht braucht, muss man auch nicht auf der Arabischen Halbinsel einkaufen. In Kalifornien, für sich genommen die achtgrößte Volkswirtschaft der Erde, fahren bereits über 100.000 Elektro- und Hybridautos. Wenn man den gesamten weltweiten Verbrauch in einer Torte nach Energieträgern sortiert, macht Erdöl zwar immer noch den größten Teil des Kuchens aus. Aber das Stück wird Jahr für Jahr immer kleiner – ein Trend, der sich durch Windstrom und Sonnenenergie noch beschleunigt.

Welche Folgen dieser stille Wandel hat, zeigt die Reaktion Saudi-Arabiens. In früheren Jahrzehnten drosselte der OPEC-Riese bei einem Preisverfall die Produktion, um den Preis wieder in die Höhe zu treiben. Solche Aktionen jagten Schockwellen durch die Weltwirtschaft. Diesmal aber taten die Saudis etwas völlig anderes: Sie senkten den Preis für Exporte in die USA und drückten den Markt damit weiter nach unten. Das Kalkül: Die vergleichsweise teure Ölproduktion in den USA soll unrentabel werden. Saudi-Arabien will Marktanteile sichern.

Die Verhältnisse kehren sich um: Waren es früher Angebotsschocks, die den Energiemarkt in Aufregung versetzten, so sind es heute Nachfrageausfälle. Der Schwerpunkt des Risikos verlagert sich von den Importeuren auf die Produzenten. Ob die Saudis Erfolg haben, ist sogar alles andere als gewiss, denn ein Preiskampf wird einen langen Atem erfordern. „Der heutige Ölpreis ist immer noch so hoch, dass jeder Tropfen Öl auf dieser Welt rentabel gefördert werden kann“, sagt Fatih Birol, Chefökonom der IEA.

Mitte Oktober leistete sich Michail Leontjew, Vizepräsident des größten russischen Ölkonzerns Rosneft, einen kleinen Wutausbruch. „Preise können eine manipulative Wirkung haben“, sagte er. „Saudi-Arabien verkauft sein Öl mit einem gewaltigen Discount. Das ist politische Manipulation, und Saudi-Arabien wird selbst manipuliert. Und das könnte böse enden.“ Gemeint war: Die USA, wegen der Ukraine derzeit im Clinch mit Moskau, versuchen, den geopolitischen Gegner mithilfe eines niedrigen Ölpreises kleinzukriegen – und spannen dafür ihre saudischen Partner ein.

Verteilungskampf unter den Anbietern

Die in Moskau beliebte Verschwörungstheorie hat einen durchaus ernsten Hintergrund: Russland, zweitwichtigster Erdölförderer der Welt, gehört zu den größten Verlierern des aktuellen Preissturzes. In ihrem Haushaltsentwurf für 2015 kalkuliert die russische Regierung mit einem Ölpreis von 100 Dollar. Das Finanzministerium plant aber bereits Korrekturen. Die Referenzkurse liegen jedoch schon seit Oktober deutlich unter der 100-Dollar-Marke. Künftig muss Russland also entweder die Devisenreserven anzapfen oder kräftig sparen. Beides dürfte in einem Land, das ohnehin unter Wirtschaftssanktionen leidet, die Lage noch verschärfen.

Ob dies jedoch hilft, dass Russland im aktuellen Konflikt mit der Ukraine und dem Westen einlenkt, ist zweifelhaft. „Wir können ja nicht versprechen, dass der Rückgang des Ölpreises zu Ende geht, wenn sich Russland wieder benimmt“, sagt Clifford Gaddy, Ökonom der Brookings Institution in Washington. „Es gibt also keinen Anreiz für Russland, sein Verhalten zu ändern.“

Nicht nur in Russland, auch in der OPEC wird die Preisentwicklung nun argwöhnisch beobachtet. Länder wie Venezuela oder der Irak sind nach Einschätzung von Experten sogar auf einen Ölpreis von mehr als 100 Dollar pro Barrel angewiesen, um ihre Ausgaben zu decken – und können nicht wie die Saudis auf Devisenreserven zurückgreifen.

Der Verteilungskampf unter den Anbietern hat begonnen. Die Verbraucherländer, die einst wie Süchtige an der Droge Öl hingen, können sich vorerst zurücklehnen. „Wir sind in einer Ära des Überflusses“, sagt Yergin. „Da gelten neue Regeln.“

Der Artikel erschien zuerst in Capital 12/2014. Die Online-Fassung wurde leicht aktualisiert


Artikel zum Thema
Autor
  • Kommentar
Späte Einsicht bei Volkswagen

Der Wolfsburger Konzern will sich neu erfinden. Er hat lange dafür gebraucht. Doch das muss kein Nachteil sein. Von Nils KreimeierMEHR

  • Kommentar
Warum Peter Thiel zu Trump schweigt

Der Investor gibt gern den Verfechter der Freiheit. Es sei denn, man fragt ihn zu seinen politischen Vorlieben. Von Nils KreimeierMEHR

LESERKOMMENTARE

 

Kommentare Einblenden

Datenschutz

Die Kommentarfunktion "Disqus" wird von der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Moderation

Die Kommentare werden von Capital moderiert. Das heißt, Kommentare werden von der Redaktion freigeschaltet. Kritik und auch in der Sache harte Diskussionen sind willkommen, Beleidigungen werden wir dagegen nicht zulassen. Näheres hierzu finden Sie in unserer Netiquette.