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Business Funk

, Thomas Steinmann

Oscar, Formel 1, Fußball-EM, Olympische Spiele: All dies würde die Welt kaum mitbekommen, wenn es Thomas Riedel nicht gäbe. Der Deutsche liefert das elektronische Nervensystem für alle globalen Großevents - wenn es sein muss, auch in 40 Kilometern Höhe.

Seit 20 Jahren rüstet Thomas Riedel alle Formel-1-Teams mit Funktechnik aus. Auf dem Firmengelände parken vier Rennwagen © Jewgeni Roppel

Thomas Riedel ist auf dem Sprung, da fällt ihm Ecclestone ein.
 Der will noch mit ihm reden. Riedel läuft durch sein Büro, der Koffer ist bereits gepackt. In wenigen Stunden geht es los nach Las Vegas, zur wichtigsten Messe seiner Branche. Eigentlich hat er jetzt andere Dinge zu tun. Aber den Boss der Formel 1 kann er schlecht versetzen. Also ruhig bleiben und auf den Anruf eines der mächtigsten Männer des internationalen Sportgeschäfts warten.

Thomas Riedels Firma ist eine Kuriosität, typisch für den deutschen Mittelstand: Außerhalb der eigenen Branche kennt wahrscheinlich kaum jemand „Riedel Communications“, und doch ist das Unternehmen in seiner Disziplin ein Weltstar. Zwar könnten die meisten Megaevents dieser Welt wie Formel 1 oder Olympia auch ohne die Dienste des Unternehmens aus Wuppertal stattfinden – aber niemand außerhalb der Arenen würde es merken.

Riedels Technik besorgt die Bild- und Tonübertragung praktisch aller globalen Großereignisse: des G7-Treffens und der Weltklimagipfel der Staats- und Regierungschefs, des Eurovision Song Contests, der Oscar-Verleihung, des Super Bowls, der Tour de France, des 24-Stunden-Rennens von Le Mans oder des Ski-Weltcups. Bei der Fußball-EM war die Firma in den Stadien für die komplette Funktechnik zuständig. Und ist es jetzt auch wieder bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro.

Ohne den Wuppertaler und seine Tüftler fände all dies unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt: kein Ton, kein Bild, keine Show. Bei den Megaevents mit zig Millionen oder gar Milliarden Zuschauern rund um den Globus ist Riedel so etwas wie der Cheftechniker.

Und genau so, nach Cheftechniker und nicht nach Jetset, sieht Riedel auch heute noch aus: einfaches blaues Sakko, Jeans, Turnschuhe. So sitzt er an einem Konferenztisch auf einem abgewetzten Bürostuhl, den er vom Vorbesitzer seines Büros übernommen hat. Worum es bei Ecclestone geht, will er nicht verraten, er ist einfach einer seiner wichtigsten Kunden. Geschäfte mit dem Formel-1- Boss macht Riedel inzwischen per Handschlag, da ist es gut, einen direkten Draht zu haben.

Seit Mitte der 90er-Jahre beliefert der 48-Jährige die größte und berühmteste Rennserie der Welt mit seiner Technik. „Nur Ecclestone ist länger dabei als wir“, sagt er, lediglich halb im Scherz. Zu seinen Kunden gehören alle Rennställe und Ecclestones Formel-1-Firma Formula One Group, die auch das weltweite Fernsehbild der Rennen produziert.

Heute erreicht Riedel fast 100 Mio. Euro Umsatz. Fast zehn Prozent davon entfallen auf die Formel 1. Wenn die Fahrer mit ihren Boxen-Crews kommunizieren, tun sie das über Riedels Headsets und Funkverbindungen. Zudem kümmert sich die Firma um die Übertragung des TV- Signals per Glasfaserleitung in das Kölner Sendezentrum von RTL. „Im Formel-1-Zirkus weiß jeder, was wir machen“, sagt der Chef.

Etwas Formel-1-Flair kommt auch auf Riedels Unternehmensgelände auf, einem Ensemble aus mehreren Gebäuden. Hier saß früher einmal die börsennotierte Telekommunikationsfirma Quante. In einer der Hallen parken drei Originalrennwagen – davon einer von einem Team, das nicht mehr in der Formel 1 fährt und Riedel noch Geld schuldet. Ein viertes Auto, ein blau- weißer BMW Sauber von Robert Kubica, steht direkt vor dem Empfang.

© Jewgeni Roppel

Er gehöre „zu der ersten Generation der Veranstaltungstechniker“, sagt Riedel. Es ist ein Beruf, den er und andere Branchenpioniere überhaupt erst erfinden mussten. Als Riedel 1987 noch vor dem Abitur mit 18 Jahren seine Firma gründete, waren Sportveranstaltungen in erster Linie Wettkämpfe und keine Events mit vielen Tonnen Technik.

In seiner Jugend war Riedel als Zauberer in Altenheimen und Kindergärten aufgetreten, für die Pfarrgemeinde veranstaltete er Partys. Für beide Hobbys brauchte er Licht- und Tontechnik. Bald stellte er fest, dass er beides im Großhandel günstiger mieten kann, meldete seine Firma an und legte einfach auf eigene Faust los. Seine einzige formale Qualifikation sei bis heute ein Lehrgang im Lichtbogenhandschweißen, sagt Riedel und muss selbst darüber lachen. „Seitdem habe ich kein Schweißgerät mehr in der Hand gehabt.“ Dafür beschäftigt er 70 Entwicklungsingenieure aus der ganzen Welt.

1990 organisierte Riedel seine erste größere Veranstaltung: eine Verbraucherausstellung in Wuppertal, für die er auch Sprechfunkgeräte benötigte, damit die Parkplatzanweiser miteinander reden konnten. Riedel kaufte seine ersten fünf Geräte. Später vermietete er sie, wurde zum Händler des US-Herstellers Motorola und baute den weltweit größten Mietpark für Funkgeräte auf. Heute verfügt er über 40 000 Geräte.

Olympia war der Durchbruch

Seinen Durchbruch schaffte Riedel 1994 bei den Winterspielen in Lillehammer. Damals sprang er ein, als die Organisatoren wegen eines Planungsfehlers drei Monate vor Beginn plötzlich ohne die nötige Kommunikationstechnik für die Eröffnungsfeier dastanden. Bis dahin hatte Riedel Technik eingekauft und vermietet. Jetzt konnte er ein eigenes Intercom-System für die Signalübertragung von Bild, Licht und Ton, an dem seine Experten gerade arbeiteten, gleich auf der großen Bühne einsetzen – obwohl es noch gar nicht richtig fertig war. Eigentlich sei das ganze Projekt „völliger Wahnsinn“ gewesen, sagt Riedel heute.

Doch die Technik funktionierte. Noch aus Lillehammer gab Riedel seinem Heimatsender Radio Wuppertal stolz ein Interview. Und dann der „nächste Zufall“, wie er erzählt: Ein Formel-1-Mitarbeiter, der gerade auf der A46 unterwegs war, hörte ihn im Autoradio und nahm Kontakt mit ihm auf. Es war Riedels Einstieg in das Formel-1-Geschäft und der Beginn einer weltweiten Expansion.

Zuerst bekam Riedel einen Auftrag für die Kommunikation zwischen Rennleitung und Streckenposten auf dem Hockenheim- und dem Nürburgring. Wenig später setzte Ferrari als erster Rennstall für seinen Boxenfunk auf die Riedel-Technik. Bei einem Rennen klapperte der Firmenchef die anderen Teams ab und verteilte Visitenkarten: „Zwei Wochen später rief McLaren an.“ Es folgte ein Formel-1-Team nach dem nächsten. Bald mischte Riedel auch bei anderen Großevents mit: bei der Loveparade, der Fußball-WM 1998, der Expo 2000 in Hannover.

Heute sei er „bei acht von zehn Großveranstaltungen dabei“, sagt der Firmenchef. Rund 2 000 Events pro Jahr betreuen Riedels 450 Mitarbeiter rund um den Globus – vom großen Rockfestival bis zum Nationalfeiertag in Singapur. Hinzu kommen fest installierte Systeme, etwa im Bolschoi-Theater in Moskau, in der Oper von Sydney, auf dem Luxus- Kreuzfahrtschiff Anthem of the Seas, im Europaparlament oder in den heiligen Stätten in Mekka, wo sich Riedel um das Verteilnetz für Leinwände und Beschallungstechnik kümmert.

Weitere Kunden sind große Konzerne. Wenn Facebook jeden Freitag alle Standorte zu einer Fragestunde mit Konzernchef Mark Zuckerberg zusammenschaltet, läuft das ebenfalls über Riedels Echtzeitnetzwerke. Auch Google, Microsoft und Youtube gehören zu seinen Abnehmern, ebenso die großen Fernsehsender. Darüber hinaus ist Riedel im Geschäft mit der Videoüberwachung aktiv.

[Seitenwechsel]

Wer Thomas Riedel in seinem kleinen Büro besucht, kommt am Empfang auch an einer lebensgroßen Pappfigur vorbei, die ihn an sein Lieblingsprojekt erinnert: den Stratosphärensprung des österreichischen Extremsportlers Felix Baumgartner im Jahr 2012. Ohne Riedels Firma hätte die Welt von dem Spektakel nur halb so viel mitbekommen. Sie lieferte die Funkverbindung, die Livebilder aus Baumgartners Druckkapsel an eine Station auf der Erde transportierte – als kämen die Bilder aus einem normalen Stadion, nicht aus 39 Kilometern Höhe.

Fast zwei Jahre tüftelten Riedels Experten an dem Projekt. „Man konnte ja nicht einfach einen Übertragungswagen unter die Kapsel hängen“, sagt er. In seinem Büro, etwas versteckt auf einem grauen Schrank, steht nun eine goldene Figur mit Flügeln: ein Emmy Award für das Team des Stratos-Projekts. Es ist schon Riedels dritter Fernseh-Oscar.

Riedel läuft die Treppe hinunter ins Erdgeschoss, wo die Produktion sitzt. An den Arbeitsplätzen schrauben Mitarbeiter an Gehäusen und Platinen, auch an schwarzen Kästen mit Dutzenden Anschlüssen, die aussehen wie früher Stereoanlagen. MediorNet heißt das System, mit dem Riedel 2009 die Branche aufmischte. Damals brachte er eine völlig neue Technologie auf den Markt: eine Multimedia-Plattform, die Kommunikations-, Audio-, Video- und Datensignale in Echtzeit verteilt – viel einfacher und vor allem viel schneller als früher. Bei Übertragungen benötigen Sender oder Produktionsfirmen in ihren Ü-Wagen nicht mehr viele Kilometer Kabel, sondern nur noch wenige Glasfaserkabel.

Die Technologie stammt ursprünglich von einer kleinen österreichischen Firma, auf die Riedel vor einigen Jahren aufmerksam geworden war. Damals hätte er sie für 3 Mio. Euro übernehmen können. Doch Riedel wartete und kaufte die Firma 2007 für 500 000 Euro aus der Insolvenz, weil es die Österreicher nicht geschafft hatten, ihr Produkt marktreif zu machen.

Dennoch waren seine Mitarbeiter anfangs skeptisch. „Mein ganzes Team hat gesagt: ,Das funktioniert nicht.‘“ Riedel stellte für zwei Jahre ein Entwicklerteam ab. Inzwischen macht der Geschäftsbereich fast ein Drittel des Firmenumsatzes aus. Fast 3.000 Systeme wurden schon verkauft.

Auch bei den Olympischen Spielen in Rio, ist das System im Einsatz, in allen Wettkampfstätten vom Reitstadion bis zur Segelstrecke. Seit Athen 2004 hat Riedel bei keinen Spielen mehr gefehlt. Wie schon in Peking und London liefert die Firma auch in Brasilien die Audio-Video-Vernetzung, etwa für die Videoleinwände. Auch Zeitnehmer, Schiedsrichter und Helfer kommunizieren über Geräte, die Riedel bereitstellt.

150 Tonnen Material hat Riedel nach Rio verschifft, dazu 150 Mitarbeiter. Für das Unternehmen ist Olympia das größte Projekt des Jahres, vor allem wegen der Eröffnungs- und Schlussfeier, für die es das Stadion in ein riesiges Fernsehstudio verwandelt. Mithilfe von Kameras kann die Regie sehen, was in der Arena passiert, und über Funk mit allen Beteiligten der Zeremonie kommunizieren. Dafür werden alle Darsteller und die Sportler beim Einmarsch einen kleinen Empfänger von Riedel ins Ohr bekommen, insgesamt 20.000 Stück. Dazu sind in Rio 12.000 Funkgeräte im Einsatz.

Im Normalfall werden die Zuschauer, die rund um den Globus die Show verfolgen, von Riedels Arbeit nichts sehen. Zu seinem Job gehört, dass er nur dann in den Schlagzeilen auftaucht, wenn einmal etwas schiefgehen sollte. „Wenn unsere Systeme ausfallen“, sagt Riedel, „müsste man die Veranstaltung abbrechen.“

Die Reportage ist zuerst in Capital 08/2016 erschienen.


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