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  • Reportage

Brexit - und dann?

, Ines Zöttl

Beschließt Großbritannien am 23. Juni den Austritt aus der EU? Am Beispiel des Stadt Ashford im Herzen Europas lässt sich erzählen, was ein Brexit bedeuten würde: eine Katastrophe.

Eurostar-Schnellzug bei Ashford © Jon Tonks
Der Eurostar-Schnellzug hat die Reisezeit von Ashford nach Paris und Brüssel dramatisch reduziert – und die Stadt in die Mitte Europas gerückt

Es ist einer dieser kurzen Momente, in denen Emmanuel Charbonnel einen Anflug von Sehnsucht verspürt. Der 42-Jährige steht auf dem Hof seiner Firma in Ashford und strahlt legeren Schick aus: Röhrenjeans, blaue Wildlederboots, weißes Hemd. Dabei ist das hier keine jener schmucken neuen Firmenansiedlungen, die aussehen, als würden sie mit der Zahnbürste geputzt. Hier sieht man die Arbeit: zerfurchte Betonböden, billige Flachbauten, Metallzäune quietschen im Wind. Doch das ist es nicht, was Charbonnel stört. Er fröstelt. Am Nachmittag wird es in England schneien. Es ist Ende April. Wenn er mit den Verwandten daheim in Südfrankreich telefoniert, erzählen sie ihm, dass sie gerade den Swimmingpool sommerfertig machen.

Charbonnel ist Franzose im selbst gewählten Exil. 1996 setzte er über, um für den französischen Briefkastenhersteller Decayeux eine Niederlassung aufzubauen. Damals brummte die britische Wirtschaft, und immer neue Apartmentblocks wurden hochgezogen. Doch Briefkastenanlagen, wie sie in Frankreich oder Deutschland Standard sind, gab es in den englischen Häusern traditionell nicht. Stattdessen musste der Postbote Tür für Tür abklappern. „Da war eine Marktlücke“, sagt Charbonnel. Heute steuert DAD UK mit seinen acht Mitarbeitern einen Umsatz von 1,8 Mio. Pfund zur Bilanz des Konzerns bei. Der Geschäftsführer ist stolz, dass er sich bewährt hat. Und dass er, der Franzose, die britische Kultur ein Stück weit verändert hat. Und sei es nur auf dem Postweg.

Emmanuel Charbonnel © Jon Tonks
Der Franzose Emmanuel Charbonnel vertreibt mit der Firma DAD Briefkästen in Großbritannien

Zwei Jahre wollte er bleiben, als er 1996 ankam. 20 sind es geworden, und wenn es nach Charbonnel geht, muss sich nichts ändern. Er hat eine Britin geheiratet, seine Jungs gehen auf lokale Schulen. Als „100 Prozent integrierten Lifestyle“ beschreibt er seinen Alltag. Aber: „Auf dem Papier bin ich ein Immigrant.“

Diejenigen Briten, die die Zuwanderung stoppen und ihr Land am liebsten vom Kontinent abkoppeln würden, haben nicht Charbonnel und seine Landsleute im Visier. Sondern Osteuropäer. Afrikaner. Araber. Muslime. Aber wenn Großbritannien im Referendum am 23. Juni für den Austritt aus der EU stimmen sollte, dann betrifft das die rund 400.000 Franzosen, die auf der Insel leben, genauso wie rund 300.000 Deutsche. Denn damit würde der europäische Binnenmarkt und die Freizügigkeit ins Wanken geraten, die den Europäern das Recht gibt, sich in jedem der 28 EU-Staaten niederzulassen. Dort zu arbeiten und Firmen zu gründen.

Flucht aus Frankreich

Ashford ist Europa, vereintes Europa. Ein Ort, der zeigt, wie der Kontinent zusammengewachsen ist – und was bei einem drohenden Brexit auf dem Spiel steht. Der Bezirk Ashford in Englands Südosten ist in den vergangenen Jahrzehnten aufgeblüht und rasant auf heute 120.000 Einwohner gewachsen, auch dank des Zustroms internationaler Investoren. Viele französische Firmen und Start-ups haben sich hier niedergelassen. Wie viele genau, ist unbekannt, denn im Binnenmarkt sind sie niemandem Rechenschaft schuldig. Sie sind vor der Bürokratie und der hohen Abgabenlast in Frankreich geflüchtet, und für Ashford, das einstige Mauerblümchen im ländlichen „Garten Englands“, hat das gewirkt wie Dünger auf Rosen. Oder, wie der Gemeinderatschef es lieber sagt: „Ashford boxt oberhalb seiner Gewichtsklasse.“

DAD habe Ashford in den 90er-Jahren als Standort ausgewählt, „weil es damals nah am Kontinent war“, sagt Charbonnel und muss dann selbst lachen über den Satz, der gleichzeitig falsch und richtig ist. Richtig, weil sich die Briten inzwischen so weit von der EU entfremdet haben, dass zum ersten Mal das Undenkbare denkbar geworden ist: dass sie die Scheidung verlangen.

Charbonnel hat sich so wenig wie Politiker in London, Brüssel oder Berlin vorstellen können, dass es eines Tages tatsächlich Spitz auf Knopf steht. Sie alle haben die Dynamik unterschätzt, sich davon einlullen lassen, dass die Melodie der britischen Europaskepsis im Hintergrund dudelt, seit das einstige Empire 1973 der EU beigetreten ist. Der Franzose springt auf und kommt mit einer Ausgabe der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ von 2011 zurück. „Wer will schon die Engländer in der EU?“ steht da über einer Dicken mit rosa Haut und gepierctem Bauchnabel, die ein Männlein mit Regenschirm und Hut am Arm hält. Eine kleine Retourkutsche für die stets so lautstark auf ihre Unabhängigkeit pochenden Briten.

Doch das Lachen ist Europa vergangen: Wenn die Briten für out stimmen, wäre das der größte Rückschlag der Einigungsgeschichte: Die EU würde 65 Millionen Bürger verlieren und ihre zweitgrößte Wirtschaftsmacht. Und der Ausstieg der Briten könnte Nachahmer finden in einer Union, die die Auseinandersetzungen über Eurokrise und Flüchtlinge in ihren Grundfesten erschüttert haben. Großbritannien seinerseits wäre in einer Welt der Handelsblöcke auf sich selbst gestellt. Es würde den freien Zugang zum europäischen Markt mit 500 Millionen Menschen verlieren. Es müsste alle Handelsabkommen neu verhandeln.

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Unsicherheit schwächt Konjunktur

„Ich glaube nicht, dass ich am 24. Juni deportiert werde“, witzelt Charbonnel. Der Franzose geht es britisch sarkastisch an. Aber ihn treibt um, welche Folgen der Brexit für sein Unternehmen haben könnte. Ob ihre Jobs sicher seien, fragte ihn neulich einer seiner – britischen – Angestellten. „Wir werden nicht verschwinden“, beruhigte der Chef. Aber was wirklich passieren würde, ist auch für ihn „ein großes Fragezeichen“. Nur eins weiß er sicher: „Ein schwaches Pfund ist schlecht für mich.“ DAD bezieht seine Ware – außer Briefkästen inzwischen auch Türen – vom Festland. Je schwächer die britische Währung, desto kleiner der Gewinn. „Wenn die Instabilität lange anhielte, müssten wir gehen.“

Lange hatte die britische Wirtschaft sich vornehm aus der Debatte herausgehalten. Doch inzwischen ist die Angst davor, in Europa isoliert zu werden, größer als die, britische Patrioten vor den Kopf zu stoßen. Großbanken wie HSBC haben erklärt, dass sie bei einem Brexit Jobs vom Finanzplatz London abziehen würden. „Massive Verlagerungen“ erwartet Jamie Dimon, der Chef von JP Morgan. Insgesamt stünden rund 100.000 Bankjobs auf dem Spiel, heißt es in der City.

Die Unsicherheit hat der Konjunktur schon Schrammen zugefügt. Im ersten Quartal hat sich das Wachstum auf 0,4 Prozent verlangsamt, das Pfund ist in den Abwärtssog geraten. Wenn die Briten den Brexit wählen, dann stehen der Wirtschaft Turbulenzen bevor, warnen Ökonomen: Selbst Optimisten rechnen kurzfristig mit einer höheren Volatilität an den Finanzmärkten. Pessimisten aber sagen einen Absturz des Pfunds voraus, eine Zahlungsbilanzkrise, Stillstand der Investitionen, Verluste von Wachstum und Jobs. Denn bevor die Scheidung tatsächlich vollzogen würde, müssten London und die EU zwei Jahre lang die Modalitäten verhandeln. Und nichts hassen Unternehmer so wie Unwägbarkeiten.

Britischer Außenhandel

Olivier Cadic war einer der ersten der frenchmen, die seit Mitte der 90er-Jahre vom Kanal aus ins ländliche Kent schwappten. Aber die Immigranten kamen nicht übers Wasser, sondern mit dem Zug. Am 8. Januar 1996 hielt der Schnellzug Eurostar zum ersten Mal im neuen Bahnhof Ash­ford International und beförderte die Stadt aus der Randlage ins Herz des Binnenmarktes. Plötzlich lag Brüssel nur noch eineinhalb Stunden entfernt. Paris zwei. Noch im gleichen Jahr lud der Unternehmer Cadic in Paris zur Pressekonferenz und erklärte: „Ich gehe, aber gegen meinen Willen.“ Die hohe Last der Sozialabgaben in Frankreich lasse ihm keinen anderen Ausweg.

Als 20-Jähriger hatte Cadic Anfang der 80er-Jahre erfolgreich ein IT-Beratungsunternehmen gegründet, Info Elec. Doch in den Neunzigern habe ihn der wachsende internationale Konkurrenzdruck dann vor die Wahl gestellt: Sarg oder Koffer?

Olivier Cadic © Jon Tonks
Im Café Rouge in Canterbury fühlt sich Olivier Cadic genug zu Hause, um nicht nach Frankreich zurückkehren zu wollen

Cadic packte. Als er am ersten Halt hinter dem Kanal aus dem Zug stieg, fand er sich „in der Wüste“ wieder. Kein Kino, keine Designerläden, nicht mal eine Bowlingbahn. „Ein schöner Platz, um zu sterben“, sagte seine Frau. Sie blieben trotzdem. Weil 40.000 Pfund Nettogewinn in Frankreich 150.000 Pfund in England bedeuteten. Weil es in Großbritannien „keine Bürokratie“ für Existenzgründer gebe und keinen Ärger mit den Steuerbehörden. Also gründete er auch gleich einen Verein, um den Landsleuten zu helfen, die wie er einen unternehmerfreundlicheren Standort suchten.

„In Frankreich steht das Wort ‚Freiheit‘ an jedem öffentlichen Gebäude“, sagt Cadic. „Aber ich musste erst hierherkommen, um zu entdecken, was Freiheit ist.“ Sein erstes Unternehmen hat er längst verkauft, zwischendurch ein Magazin gegründet, dann ein Internet-Start-up und schließlich den Verlag Cinebook, der europäische Comics wie Lucky Luke in englischer Sprache veröffentlicht. 2014 hat er sich als Vertreter der Auslandsfranzosen in den Senat wählen lassen.

Wenn Cadic Besucher trifft, dann am liebsten im Café Rouge neben der gotischen Kathedrale in Canterbury, einer der ältesten Städte Englands. Man sitzt auf rot gepolsterten Bänken an Marmortischen und bestellt plats rapides. Erfunden allerdings haben die französische Bistro-Karikatur zwei Ur-Briten.

Ashford hat die Franzosen noch mehr verändert als die Franzosen Ashford. Der Wohlstand in der Stadt und den Dörfern drumherum ist gestiegen, die Arbeitslosigkeit niedriger als im nationalen Durchschnitt. Die Stadt ist aufgegangen wie ein Hefekuchen, Wohnungen wurden gebaut und ein gutes Dutzend Gewerbeparks. Es gibt nun ein Kino und ein Designer-Outlet. Aber französische Lebensart hat kaum Einzug gehalten: „Ashford is Trashford“, spotten selbst Einheimische. Die Innenstadt wird von Fast Food, Supermärkten und Maklerbüros beherrscht. Eine Arbeitsstadt.

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Eine alte Gewohnheit

Cinzia Beretta De Cloedt ist Direktorin von Europe in England und berät Entrepreneure, die sich in der Region niederlassen. Sie lobt das britische System, es sei „viel weniger rigide und strukturiert“ – sodass Zuzügler erst lernen müssten, dass sie „auch niemand davon abhält, dumme Sachen zu machen“.

Aus „rein ökonomischer Sicht“ aber glaubt sie, würden auch viele der Ausländer für den Brexit stimmen. Die EU hält De Cloedt in weiten Teilen für einen Fehlschlag. „Am liebsten würde man sagen, lassen wir Europa kollabieren und fangen neu an.“ Aber bei einem Ausstieg würde das Alltagsleben „ein bisschen komplexer“, gibt sie zu. Und: „Die Leute haben sich an Europa gewöhnt. Europa gibt es ja schon so lange.“

Ist die EU also nur noch eine alte Gewohnheit, unzeitgemäß wie der Fünf-Uhr-Tee?

Tim Allen, Chairman der Kent Invicta Chamber of Commerce in Ashford, beunruhigt die Haltung des wait & see, mit der die meisten Briten in die Debatte gehen. Seine Organisation ist zur Neutralität verpflichtet. Der Generaldirektor des Dachverbands musste sogar zurücktreten, nachdem er öffentlich vor dem Brexit gewarnt hatte. Aber Allens Unternehmen, der Maschinenbauer MJ Allen Group, verkauft gut ein Viertel seiner Maschinenteile in Länder wie Deutschland und Schweden. „Export ist wirklich wichtig für uns – und unsere Kunden.“

Zuwanderer in Großbritannien

Deshalb hat Allen mit fast 200 anderen in einem Brief an die „Times“ offen für die EU geworben. Premier David Cameron habe in Brüssel Zusagen für den Abbau von Regulierung, für die Vertiefung des Binnenmarkts und den Abschluss von Handelsverträgen herausgeholt. Daher sei Großbritannien „in einer reformierten EU“ besser dran als allein, so Allen und seine Mitstreiter.

Auch der französische Senator Cadic hatte eine der 16-seitigen, bebilderten Broschüren in seinem Briefkasten, die die Regierung an 27 Millionen Haushalte verteilt hatte – obwohl er nicht abstimmen darf. Der Titel des Heftchens: „Warum die Regierung glaubt, dass eine Stimme für den Verbleib in der EU die beste Entscheidung für Großbritannien ist“.

Cadic freut es diebisch, dass Cameron seine Zuneigung zur EU entdeckt hat, wenn auch nicht wahre Liebe, sondern politische Not ihn antreibt. Die Regierung habe verstanden, „wie ernst es ist“. Wenn Cadic Termine in London hat, schildert er gern, was geschah, als die Franzosen 2005 den europäischen Verfassungsvertrag in einem Referendum abschmetterten. Zwei Jahre lang hätten sie vor der Tür gestanden, wenn in Brüssel entschieden wurde.

Weil er Angst hat, dass die Briten „den Fehler wiederholen“, wird er sich zum ersten Mal, seit er hier lebt, in die Politik des Gastlandes einmischen. Ende Juni wird er wieder eine Pressekonferenz geben: um für ein Ja zur EU zu werben. Er kennt andere, die noch weiter gegangen sind. Landsleute, die die britische Staatsbürgerschaft angenommen haben, nur „um bei dem Referendum gegen den Austritt zu stimmen“.

Es ist Zauberei

Etienne Pradier © Jon Tonks
Zauberer Etienne Pradier muss für das Feierabendglas im Pub in seinem Wohnort Wye nur einmal die Straße überqueren

Etienne Pradier gehört nicht dazu. Pradier trägt Turnschuhe, auf denen der Union Jack aufgenäht ist, und kennt die Ergebnisse der Premier League auswendig. Aber der Gedanke, die Nationalität zu wechseln, ist ihm noch nie gekommen. Pradier ist Zauberer, als the french magician hat er das Französischsein zum Markenzeichen gemacht. Er lebt mit seiner Familie in Wye, einem Bilderbuchdörfchen in der Nähe von Ashford. An der Wand seines Büros hängen Zeitungsausschnitte, Fotos von ihm mit einem amüsierten Prinz Charles und von berühmten Kunden signierte Spielkarten. Als Besserverdiener zahlt Pradier satte 40 Prozent Einkommensteuer, aber das ist ihm egal: „Ich bin glücklich in England.“

Die Brexit-Debatte hat ihm seinen jüngsten Auftrag verschafft: Auf der Trade Tech in Paris, der Jahreskonferenz der globalen Aktienhändler, wandte er seine Künste auf das Thema an, das alle Konferenzteilnehmer umtrieb: Wie werden die Märkte auf einen möglichen Austritt Großbritanniens reagieren? Etienne Pradier beantwortete die Frage mit einem Wirbel von Währungswechseln, bei denen ein 500-Euro-Schein auf mysteriöse Weise verschwand.

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Er würde auch die ganze Aufregung gerne verschwinden lassen. Aber etwas beunruhigt ihn doch. Er hat gehört, dass Großbritannien künftig Immigranten rauswerfen will, wenn die zu wenig verdienen. Er kann kaum glauben, dass das stimmen soll in einem Land, das doch „jeden danach beurteilt, was er kann“ – und nicht wie Frankreich danach, was er für Zeugnisse hat. Doch genau so ist es: Seit dem 6. April muss, wer auf Dauer in England leben will, mindestens 35.000 Pfund im Jahr verdienen. Bislang gilt dies – Stichwort Freizügigkeit – nur für Arbeitnehmer aus Drittstaaten.

Seriengründer Jean-Claude Cothias wäre an dieser Vorgabe gescheitert. Er hatte kein sicheres Einkommen, als er nach Ashford kam. „Wie viele Entrepreneure hatte ich nicht einen Pfennig in der Tasche. Aber Ehrgeiz. Und den Willen, etwas zu schaffen“, erinnert er sich.

In den 20 Jahren seitdem hat der Auswanderer so viele Unternehmungen mit auf den Weg gebracht, dass er Mühe hat, sie in die richtige Reihenfolge zu kriegen: eine Beratung für expansionswillige kleine und mittlere Unternehmen. Ein Start-up, das Prüfgeräte für Eurobanknoten entwickelte. Eines für Nahrungsergänzungsmittel mit einem US-Partner. Eine Plattform für Onlinegaming. Und schließlich Mailxpertise, das Digitalmarketing unterstützt. Mit 5 Mio. Euro wurde das Start-up jüngst bewertet.

Der Start-up-Gründer Jean-Claude Cothias vor seinem Büro in Ashford © Jon Tonks
Der Start-up-Gründer Jean-Claude Cothias vor seinem Büro in Ashford

Der 43-Jährige sitzt auf seinem Schreibtischstuhl aus weißem Leder, er trägt ein kunstvoll arrangiertes Bärtchen und Manschettenknöpfe. Die Frauen laufen auf hohen Absätzen durchs Büro, und die Wortfetzen, die aus dem Großraum herüberdringen, sind Französisch. Im Konferenzraum hat jemand auf die Magnettafel neben dem Plastik-Hirschgeweih einen Grundriss gekritzelt: das neue Büro, das sie im Juni beziehen werden. Cothias plant groß: Von Ashford aus will er neue Märkte erobern.

Hat er einen Plan B, falls der Brexit kommt? So etwas könne sich ein kleines Unternehmen nicht leisten, sagt er. Lieber vertraut er darauf, dass am Ende „die Angst nicht über die Vernunft siegt“. An der EU gebe es viel zu kritisieren. Aber der Brexit wäre, als „würde man bei einem kleinen Leiden gleich die Niere entfernen“. Wenn er die Leute frage, was die EU Schlechtes gebracht habe, falle ihnen nie ein konkretes Beispiel ein. Es gehe allein um ein Gefühl, dass Brüssel übermächtig sei.

Vor einigen Jahren habe es den Plan gegeben, die Wirtschaftsräume von Südengland, Nordfrankreich und Belgien stärker zusammenzubinden, erzählt er. Cothias war Mitglied der englischen Delegation. Er hörte sich lange an, wie die französischen Behördenvertreter aufzählten, wie unternehmerfreundlich sie seien. Irgendwann hielt er es nicht mehr aus. Die Kennzahlen seien ja schön und gut. „Aber Sie haben keine Ahnung, wie es in der Realität ist“, sagte er empört. Die Engländer hoben grinsend die Daumen. „Ich liebe meine Briten“, sagt Cothias.

Cothias’ Landsmann Charbonnel, der Chef der Briefkastenfirma DAD, wird zum Referendum nicht da sein. Er macht Urlaub in der südfranzösischen Heimat. „Kann sein, dass sie mich dann an der Grenze stoppen, wenn ich zurückkomme“, sagt er und lacht.

Die Reportage ist zuerst in Capital 6/2016 erschienen. Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.


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