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Das grosse Unbehagen

, Horst von Buttlar und Timo Pache

Brexit, Trump, Italien – in der Welt hat sich 2016 ganz schön viel Unmut angestaut. Zu Recht? Oder bilden wir uns vieles einfach ein? Von Horst von Buttlar und Timo Pache

Pegida-Demonstration in Dresden beim Tag der Deutschen Einheit 2016
Auch in Deutschland brodelt es: Pegida-Demonstration in Dresden beim Tag der Deutschen Einheit 2016

Das Gefühl, dass mit unserer Welt etwas nicht stimmt, war über weite Strecken der Geschichte vor allem ein Gefühl des Individuums. Entfremdet war der einzelne Mensch, das Ich, gegenüber einer Gesellschaft und der Welt da draußen.

Die gesamte Romantik, alle Coming-of-Age-Geschichten, aber auch viel Science-Fiction entstanden nur aus dieser Entfremdung, in der einzelne Menschen das große Ganze infrage stellen. So wie Morpheus im Film „Matrix“ zum Helden Neo sagt: „Du fühlst schon dein ganzes Leben lang, dass mit der Welt etwas nicht stimmt. Wie ein Splitter in deinem Kopf, der dich verrückt macht.“

Die Heldenreise führt dann oft zur höheren Erkenntnis, zur inneren Reife, zu besserem Bewusstsein.

Capital 01/2017
Die aktuelle Capital

Wer sich anschaut, was in unserer Welt seit einigen Monaten passiert, hat allerdings den Eindruck, dass diese Splitter inzwischen in ziemlich vielen Köpfen stecken müssen: in denen der weißen US-Mittelschicht, die Donald Trump zum Präsidenten gewählt hat; denen der Engländer in der Provinz, die für den Brexit stimmten; bei den Italienern, die ihren Hoffnungsträger Renzi aus dem Amt fegten – und in vielen Wählern der AfD.

Ein großes Unbehagen scheint weite Teile der Bevölkerung ergriffen zu haben, nahezu in jedem Land. Es brodelt in Leserbriefspalten, es quillt aus Foren und sozialen Netzwerken, es zieht durch die Straßen, durch Umfragen und Demos. Und immer öfter explodiert es, bricht sich Bahn, in Wahlen und Referenden. Und so unterschiedlich jede Wahl und jedes Land sein mögen, wird doch oft so getan, als ob es um ein Unbehagen gehe, eine Wut über den Zustand der Welt und Eliten. Alles wird in einen großen Topf des Unbehagens geworfen, in dem wir bewusst oder unbewusst die Dinge verrühren.

Experten versuchen eilig, Muster und Motive zu erfassen, so wie man Geschirr einsortiert: Ursache ist dann die Ungleichheit, das Abgehängtsein, das Versagen der Eliten oder die Digitalisierung. Aber reicht das als Erklärung?

In Deutschland, das noch am wenigsten betroffen ist, mischt sich das Unbehagen mit einer großen Entrüstung – dem Eindruck, dass unser Staat immer wieder Recht und Gesetz dehnt oder bricht. Oder dass er die Ordnung nicht aufrechterhalten kann. Seit der Eurokrise gibt es dieses Muster des Regelbruchs: In der Flüchtlingskrise werden Grenzen nicht geschützt und Abkommen missachtet, in der Eurokrise Grenzen überschritten und Regeln gebrochen. Das deutsche Zukunftsvertrauen wurde nur wenige Male seit 1950 tief erschüttert – in der Ölkrise, nach 9/11 oder der Lehman-Pleite. Und 2015, während der Flüchtlingskrise. Ob und wie sich der Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin auswirken wird, wissen wir noch nicht.

Anteil der Deutschen die dem kommenden Jahr mit Hoffnung entgegensehen

Reagiert wird auf die Schocks unserer Zeit mit immer neuen Notständen, die als Einzige den sicheren Untergang verhindern, alternativlos. Doch ohne Alternativen, das hat 2016 gezeigt, wollen manche nicht mehr leben, als Erstes die Briten, selbst wenn der andere Weg in die nächste Krise führt. Zumal „die da oben“ immer offener bekennen: Sie haben auch keine Ahnung, wie wir „da raus“ kommen. „Da raus“ aber kommen wir im ersten Schritt, indem wir Unbehagen wieder trennen; klären, woher es kommt – und vor allem, wie man es wieder loswird.

Der lautere Grundgroll

Wut war immer schon da; der Hass auf Politiker, das System, auf Eliten. Erschütternd ist eher, wie einfach es heute ist zu hassen, und wie viel und hemmungslos gehasst wird. Früher war der Zorn oft privat, er schmollte und schimpfte in der Nische, der „deutsche Stammtisch“ war, wenn es ihn gab, ein lokales Ereignis. Heute aber kann jeder im Netz laut und ungefiltert seinen Unmut über den Lauf der Dinge in die Welt posaunen. Irgendwer im Netz ist immer wütend.

Was aber auch bedeutet: Der Groll der 80er- und 90er-Jahre war ebenfalls da, nur anders; ohne Plattform und Netzwerk konnte er nur als Friedens- oder Montagsdemo zur Masse anschwillen. Heute ist Groll allzeit abrufbar, und er kann sich blitzartig zusammenrotten.

Drei Verstärker kommen hinzu: erstens die Dauerpräsenz, die Unmittelbarkeit des Schreckens. Alles wird dokumentiert, gefilmt, das Grauen lässt sich täglich 24 Stunden lang betrachten: auf Youtube, Facebook, Twitter. Zweitens: die positive Rückkopplung im Netz. Neuerdings wird vom „Echoraum“ gesprochen: Wut kann sich darin fortwährend selbst vermehren und verstärken wie ein Virus, dafür sorgen die Algorithmen. Und drittens: Wir sind Zeuge einer neuen ungehemmten Macht, alles Mögliche in die Welt zu setzen. Gelogen wurde schon immer, Propaganda gab es schon immer. Doch heute werden Lügen industriell hergestellt.

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Die Basisverunsicherung

In seinem grandiosen Buch „Die Abwicklung“ schreibt der Autor George Packer über den Zustand seiner Heimat USA, die in ihrem Selbstverständnis erschüttert sind. Das erleben wir in vielen Ländern – ein Gefühl, das den Grundkonsens infrage stellt, man könnte auch sagen: die DNA des Landes angreift. Packer spricht von einer gewickelten Spule, die über Jahrzehnte alles gehalten hat und sich langsam löst.

Diese Thesen gehen über den Streit um Ungleichheit, wie sie Thomas Piketty oder in Deutschland Marcel Fratzscher thematisieren, hinaus – weil zum Gefühl des Abgehängtseins das Gefühl der Auflösung kommt; dass der Rahmen, in dem diese Ungleichheit im Zweifel bekämpft werden kann, selbst in seinen Grundfesten erschüttert wird.

Und so ist es ja auch. Seit sechs Jahren sind Staatspleiten, ob drohende, vollzogene oder verschobene, so alltäglich wie die Pleite des Ladens an der Ecke, der leider dichtmacht.

Die Sehnsucht nach der alten Ordnung, irgendwann in den 70er- oder 80er-Jahren, baut die Fiktion einer Welt, deren Verwerfungen ausgeblendet oder verklärt werden, weil zumindest die Spule noch aufgewickelt war. Krisen waren in dieser alten Welt auch schlimm, aber gefühlt lösbarer, weil es den Rahmen gab und der Staat handlungsfähig war.

Die Lösung heute ist oft die Improvisation oder der Regelbruch. Das Gefühl, dass ein paar Leute da oben den Laden im Griff haben, ist gestört: Und so scheint die alte Ordnung Stück für Stück zu verschwinden – erst die Einzelhändler in der Fußgängerzone; dann der Möbelproduzent oder die Alugießerei vor Ort, bis die Auflösung schließlich die eigenen Grenzen, Währungen und die Regierung erfasst.

Für Deutschland geschah die Abwicklung der alten BRD-Ordnung wohl in zwei Stufen: zunächst 1990 mit der Wiedervereinigung, begleitet von Euphorie und Hoffnung; dann 2002 mit der Einführung des Euro.

Wir stecken nun in einem seltsamen Zwischenland: zwischen der eigenen Vollbeschäftigung und den Abgründen der Eurorettung; zwischen dem wachsenden Wohlstand, der aus viel zu teuren Immobilien hervorquillt, und den Negativzinsen, die an den Lebensversicherungen zehren, dem Produkt der alten Ordnung schlechthin. Die Massenkündigung von Bausparverträgen ist das deutsche Symbol für die Abwicklung im Kleinen: Da werden Tausende Ziele und Träume aufgelöst – und nicht in Stein verwandelt.

Die neuen Abgründe

Wir erleben seit zehn Jahren eine historische Bündelung von Krisen, die jede für sich zehn Jahre füllen könnte. Und all diese Krisen, sich überlagernd oder synonym gebraucht, mit ihren Präfixen (Lehman-, Finanz-, Schulden-, Euro-), scheinen mal abgehakt, dann wieder akut und immer eher verdrängt als gelöst. Die Rhetorik („Bazooka“, „Bertha“, „Bypass“) schwankt dabei zwischen Krieg und Krankenhaus – über Geld wird gesprochen wie über eine Modedroge, oder es verschwindet in den gleichen „dunklen Löchern“, aus denen es wundersam entstanden ist.

Was hängen bleibt, ist das dumpfe Gefühl, dass „mit der Welt etwas nicht stimmt“ (Morpheus), zumindest mit dem Finanzsystem. Hier setzt auch das Unwohlsein über Europa ein, das sich aber nur indirekt auf die EU bezieht: Wir leben in dem permanenten Bewusstsein, dass die Eurostaaten sich gegenseitig in den Abgrund ziehen können – was nicht ohne Ironie ist. Die Völker Europas schlossen sich einst „aus freien Stücken zusammen“, „in dem Wunsch, die Solidarität zwischen ihnen“ zu stärken. Nun sind sie aneinandergekettet, jeder Eurostaat dem anderen ausgeliefert. Diese neue Form der europäischen „Schicksalsgemeinschaft“ kommt nicht mehr als Verheißung für Wohlstand und Frieden daher, sondern als Bedrohung. Begriffe wie Target II klingen wie die Massenvernichtungswaffen unserer Zeit.

Und neben den Dauerkrisen: die Digitalisierung. Herrje. Eine von vielen Schockwellen, die uns hinwegfegen kann. Jede Woche rechnen neue Studien vor, wie viele Millionen Jobs Roboter vernichten werden.

Die Digitalisierung verheißt viel, wir hoffen auf Chancen und Produktivitätsgewinne. Aber im Grunde hat sie nur eine Botschaft: Niemand ist sicher. Auch hier also das Gefühl der Auflösung – von alten Ordnungen, in denen man bei Siemens oder Daimler 40 Jahre arbeitete. Heute müssen wir „lebenslang lernen“, was tatsächlich wie eine Strafe klingt.

Angst um Jobs gab es immer, aber dahinter gab es ein soziales Netz oder eine symbolische Rettungsaktion – einen Kanzler, der einen Baukonzern rettete, oder einen Landesvater, der einem Einzelhändler Hilfe versprach. Aber was, wenn nun alle in einem großen Warenhaus sitzen, das jederzeit schließen kann? Wenn dauernd etwas umgewälzt wird, sucht man nach Halt, und die Formeln der Populisten („Take Back Control“, „Make America Great Again“) bedienen dieses Verlangen, weil sie so furchtbar einfach klingen – während die tatsächlichen Lösungen immer komplizierter werden.

Schärfung der Sinne

Viele reden nun vom „postfaktischen Zeitalter“, in dem gefühlte Wahrheiten mehr zählten als Fakten, was schon wieder elitäres Geschwätz ist. Man redet darüber auf Stehempfängen, halbironisch, augenzwinkernd.

Dabei hat der Begriff einen wahren Kern: Es gibt eine Lücke zwischen der Realität und der empfundenen Realität. Die gab es immer, aber durch das Netz ist sie erstmals außer Kontrolle; denn dort regen sich neben realen Menschen immer mehr „Social Bots“ auf, also Software, die auf Erregung programmiert ist. Von dort schwappt die in Teilen künstlich erzeugte Wut in die analoge Welt, wo sie thematisiert wird.

Eine Gesellschaft kann dabei Menschen verlieren. Nicht nur die, denen es schlecht geht. Sondern mehr noch jene, denen es eigentlich gut geht, für die es sich nur nicht mehr so anfühlt. Sie zu verlieren ist die wahre Gefahr, weil sie viel mehr sind. Sie kommen aus der Mitte, sie bilden die Basis einer Gesellschaft.

Ihnen begegnet man nicht mit Hilfsprogrammen, nicht mit Belehrungen, mit Ironie oder Verachtung. Was helfen die 44 Millionen Beschäftigten, die vollen Staatskassen und höheren Löhne, wenn sich die gute Lage nicht so gut anfühlt?

Deutschland bildet noch immer einen Sonderfall: Das Unbehagen ist nicht so groß wie etwa in Frankreich oder den USA, die meisten Deutschen schauen optimistisch in die Zukunft. Dem Land geht es so gut wie selten zuvor, unsere Gesellschaft ist homogener, und viele Pfeiler der alten Ordnung sind intakt: Sozialpartnerschaft, Ehrenamt, der Rechtsstaat, das Verbandswesen. Und doch ist das Brodeln auch bei uns stärker, hörbarer geworden.

Wut muss nichts Schlechtes sein. Sie zwingt die Nicht-Empörten – auch Journalisten –, ihre Muster zu überdenken. Wenn immer weniger Menschen zuhören und Glauben schenken, sollte man den Fehler nicht nur beim Publikum suchen.

Doch alle müssen ihre Sinne schärfen, noch mehr als früher. Wie passieren Dinge, wie werden sie vermischt, was ist real, was künstlich? Alles, was uns nicht passt, sollte umso interessanter sein. In einer Zeit, in der Informationen immer schneller kommen, sollten Urteile langsamer ausfallen. Nur so hat die Wut einen Nutzen, nur so kann daraus etwas Gutes entstehen.

Der Beitrag ist in der aktuellen Capital (01/2017) erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon

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