• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Business as Usual

Bitte nicht zu viel Abstand halten!

, Anne Weitzdörfer

Ein bisschen Distanz zu Vorgesetzten schadet nicht – zu viel Distanz aber schon. Von Anne Weitzdörfer

Ein Mann steht an einem Fenster © Getty Images
Auf der Führungsetage kann es einsam werden

Anne Weitzdörfer begleitet als Beraterin und Coach seit vielen Jahren Unternehmen und Führungskräfte. Hier schreibt sie jeden Monat über Themen aus der BerufsweltAnne Weitzdörfer begleitet als Beraterin und Coach seit vielen Jahren Unternehmen und Führungskräfte. Hier schreibt sie jeden Monat über Themen aus der Berufswelt

 


Richard ist Vorstand in einem renommierten deutschen Unternehmen. Groß, erfolgreich und doch eher unauffällig. Sowohl Richard als auch sein Unternehmen. Als ich ihn neulich traf, war er gerade Vorstand geworden. Mit neuem Büro in der gespenstisch ruhigen Vorstandsetage. Sein Alltag habe sich viel weniger verändert als gedacht, erzählte Richard, obwohl er zusätzliche Bereiche verantworte. Die größte Veränderung sei jedoch, sagte er nachdenklich, dass ihn die neue Position einsamer mache. Nicht nur räumlich, sondern zwischenmenschlich sei da plötzlich eine viel größere Distanz. Das beschäftige ihn sehr.

Capital 01/2016
Die aktuelle Capital

Ich habe danach noch oft über das Gespräch nachgedacht. Auf Nachfragen berichteten zwei Vorstände aus anderen Unternehmen, dass es ihnen nach ihrer Berufung ähnlich ging. Da sei plötzlich eine viel stärkere, fast formale Distanz. Mitarbeiter kämen nicht mehr einfach so vorbei. In Meetings sei der Umgang gehemmter. Offenbar macht allein die Tatsache, dass jemand eine wichtige Position bekleidet, etwas mit uns. Wir akzeptieren nicht nur die Autorität oder gar Macht, die die Position mit sich bringt. Wir verändern unbewusst auch unser Verhalten: Wir hören aufmerksamer zu (dürfte ja wichtig sein). Wir machen, was der Vorstand sagt (ist ja der Vorstand). Und hören vielleicht sogar auf, die Dinge kritisch zu hinterfragen (die werden es schon wissen). Schauen Sie mal bei sich selbst. Wie ist das bei Ihnen?

Ein bisschen Distanz ist ja erst mal nichts Schlechtes, stimmt. Aber auch nicht unbedingt förderlich, wenn sie jemanden, der weite Teile des Unternehmens leitet, von der Organisation abkoppelt. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich möchte hier nicht für Mitleid mit einsamen Vorständen werben. Ich möchte Sie dafür sensibilisieren, dass jeder von uns womöglich durch unbewusstes Verhalten zu der Distanz beiträgt, die wir auf der anderen Seite oft kritisieren – den „Elfenbeinturm“ der Vorstände bauen wir möglicherweise alle mit. Würden Sie das spontane Gespräch im Alltag noch suchen, wenn es jedes Mal umständlich wird? Ich nicht.

Und auch wenn es natürlich in der Verantwortung eines Vorstands liegt, diese Distanz aufzuheben, kann jeder von uns dazu beitragen, sie zu verringern. Indem wir künftig zwar Positionen respektieren, uns aber nicht von ihnen beeindrucken lassen. Wie das geht? Indem wir uns auf den Menschen dahinter konzentrieren und auf Augenhöhe bleiben: Wo kommt die Person gerade her? Auf welcher Flughöhe ist sie gerade? Wie kann ich die Situation unkompliziert gestalten? Auch wenn das sehr klischeehaft klingt: Es ist die Haltung, die hier den Unterschied macht. Richard hat übrigens inzwischen an jedem Unternehmensstandort ein Büro. Und genießt dort weit weg von der gespenstisch ruhigen Vorstandsetage die Nähe zu seinen Mitarbeitern.

Die Kolumne Business as Usual erscheint jeden Monat in Capital. Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.

Weitere Kolumnen von Anne Weitzdörfer: Gebrauchsanweisung für die KollegenVerteidigen Sie Ihren Terminkalender, Crash der Generationen, Mit kleinen Schritten zum Ziel


Artikel zum Thema
Autor
  • Business as Usual
Offenheit beim Karrieregespräch

Beförderungen sind ein Minenfeld. Chefs müssen dabei klar kommunizieren – Mitarbeiter aber auch. Von Anne WeitzdörferMEHR

  • Business as Usual
Der Chef muss auch mal Chef sein

Man darf es in der Arbeitswelt auch nicht zu gut meinen. Gerade als Chef. Von Anne WeitzdörferMEHR

LESERKOMMENTARE

 

Kommentare Einblenden

Datenschutz

Die Kommentarfunktion "Disqus" wird von der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Moderation

Die Kommentare werden von Capital moderiert. Das heißt, Kommentare werden von der Redaktion freigeschaltet. Kritik und auch in der Sache harte Diskussionen sind willkommen, Beleidigungen werden wir dagegen nicht zulassen. Näheres hierzu finden Sie in unserer Netiquette.