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Bipolare Störung am Immobilienmarkt

, Horst von Buttlar

Dramen auf dem Wohungsmarkt: Während in den Städten Wohnraum kaum bezahlbar ist, bleiben Eigentümer in der Provinz auf ihren Häusern sitzen. Von Horst von Buttlar

Horst von Buttlar © Gene Glover
Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar

Seit einigen Jahren weist der deutsche Immobilienmarkt eine Art bipolare Störung auf. Die manische Seite finden wir vor allem in den hippen und angesagten Vierteln deutscher Großstädte, in Berlin, München, Hamburg, Frankfurt oder Köln. Die Geschichten von dort erzählen von kilometerlangen Schlangen bei Wohnungsbesichtigungen, von uferlos steigenden Mieten und Reiheneckhäusern, die sich preislich als Villa ausgeben.

Die depressive Seite ist vielen Deutschen weniger bekannt. Sie zeigt sich überall in Deutschland, in der Provinz, die berühmten 40 Minuten von Großstädten entfernt. Hier stehen massenweise Häuser, die nach dem Krieg errichtet wurden und die in den Köpfen vieler Erben noch als zukünftige Einnahme verbucht sind: Ach ja, wir haben noch Omas Häuschen, das verkaufen wir mal, dafür kriegen wir bestimmt 200.000 Euro. Was oft eine Wunschvorstellung ist.

Beide Seiten gehören zu Deutschland, und deshalb beleuchten wir im Capital Immobilien-Kompass (Ausgabe 05/2016) auch beide – zumal sich Dramen hier wie dort abspielen (und weiter abspielen werden).

Capital 05/2016
Die neue Capital

Ja, das Leben in der Großstadt ist für viele anstrengend geworden, gerade für Familien. Ein Umzug bedeutet in der Regel Abstieg: Entweder liegt das neue Heim weiter draußen, oder das verfügbare Einkommen sinkt, weil die Miete weiter steigt.

Wer kauft, stürzt sich oft in einen anderen Wahnsinn: Der Traum vom Haus wird dann eher ein Kompromiss, bei dem man sich allerlei schönredet – Größe, Lage, Preis und vor allem die Summe, die man in das Kästlein noch steckt. („Wir mussten nur streichen … also nachdem wir Drainage, Dämmung und Bad gemacht hatten.“) Das Eigenkapital geht größtenteils für Makler und Steuern drauf und wird durch Eltern oder Großeltern notaufgestockt. Kritiker der Wohnungssuche-Heulsusen sagen, es gebe halt kein Recht auf ein Leben in Hamburg-Eppendorf oder München-Schwabing. Außerdem sei das Leben früher, als die Zinsen bei acht Prozent lagen, auch nicht leichter gewesen.

Ob die Wahrheit nun im Gefühl oder in der Statistik liegt, ist am Ende gleich. Die entscheidende Geschichte wird sich in der Provinz abspielen – in idyllischen Orten, in denen in den nächsten Jahren Tausende Häuser in sehr schwierigen Lagen vererbt werden. Und auch in den Städten bleibt es spannend: Wer denkt, er habe den Zug verpasst, sollte sich fragen, seit wie vielen Jahren er das denkt.

PS: Alle Lagekarten finden Sie übrigens laufend aktualisiert auch unter immobilien-kompass.capital.de

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