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Bibi und der böse Markt

, Nils Kreimeier

Das Schulfach Wirtschaft ist schwer umkämpft. Dabei fängt das Problem früher an: Viele Kinderbücher taugen nur für ein späteres Erwerbsleben in Nordkorea. Von Nils Kreimeier

Lesendes Kind © Getty Images
Es ist schön, wenn Kinder viel lesen. Doch das Bild, das viele Kinderbücher vom normalen Alltag, von Wirtschaft und Arbeit zeichnen, ist schaurig

Kennen Sie Herrn Schmeichler? Herr Schmeichler ist Immobilienkaufmann und Computerfachhändler, und seine weiche, werbende Stimme ist in Millionen deutscher Kinderzimmer zu hören. In den Hörspielserien Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg spielt er eine Nebenrolle als Bösewicht. In seinem ersten Auftritt vermittelt Schmeichler dem Elefanten Benjamin eine Wohnung, ein anderes Mal verkauft er ihm einen Computer. Das reicht, um zur Unperson zu werden. Schmeichler macht sich des größten Verbrechens schuldig, das man in der deutschen Kinderunterhaltung begehen kann: Er will Geld verdienen.

In diesen Wochen wird hart darum gekämpft, wie Kindern und Jugendlichen die Welt der Wirtschaft vermittelt werden soll. Sozialwissenschaftler wettern – nicht zu Unrecht – gegen Schulmaterialien, die von Unternehmen bezahlt werden. Pädagogen wehren sich – zu Unrecht – gegen ein Unterrichtsfach Wirtschaft und warnen vor einer verengten Sicht. Der Konflikt fand im Herbst einen vorläufigen Höhepunkt, als die Arbeitgeberverbände versuchten, das Erscheinen eines Bands der Bundeszentrale für politische Bildung zu verhindern, in dem Probleme des Lobbyismus behandelt werden – und den das zuständige Bundesinnenministerium kurzzeitig aus dem Verkehr zog. Die Gewerkschaften warnten davor, eine „kritische Auseinandersetzung mit ökonomischen Fragen“ zu unterbinden.

Nun ist es allerdings nicht so, dass junge Menschen in Deutschland gänzlich unvorbelastet sind, wenn sie an Schulen oder anderen Orten in den Einflussbereich von Lobbyisten geraten. Im Gegenteil. Ein überwältigender Teil der Kinderliteratur hat ihnen zuvor eine Grundhaltung vermittelt, die mit Marktskepsis noch sehr milde umschrieben ist.

Der reiche Herr Klotzig

In den Hörspielserien rund um Blümchen und Blocksberg, die millionenfach verkauft werden und sich vor allem an kleinere Kinder richten, spielen Unternehmer wie Schmeichler eine ausschließlich negative Rolle, sie sind korrupt und schaden dem Gemeinwesen. Der Politikwissenschaftler Gerd Strohmeier kritisierte schon 2005 in einer Studie, die Serien erweckten den Eindruck, „dass Wirtschaftsvertreter grundsätzlich andere betrügen bzw. ausnutzen und sich unsozial verhalten“.

Sind die Kinder dieser elefantösen Prägung entronnen, stoßen sie auf Klassiker wie „Momo“, das „Sams“ oder „Die rote Zora“, ein Buch, das 2008 mit prominenter Besetzung verfilmt wurde. Darin trifft stets eine heimelige, von Freundschaften beseelte Privatwelt auf eine Umgebung, die von halbkriminellen Vertretern der Wirtschaft oder sie symbolisierenden Zombies belastet wird. Der Trend setzt sich in neueren Büchern fort, oft auf subtile Weise. Symptomatisch ist eine Szene aus der sehr erfolgreichen „Millie“-Serie. In dem Band „Millie wird Millionär“ fragt die Hauptfigur den reichen Herrn Klotzig, ob er sein Geld mit einer sinnvollen Erfindung verdient habe. Der antwortet: „Man muss sich nur das richtige Business aufbauen.“ Daraufhin fragt Millie: „Was? Ein bissi Mist?“ Der Gedanke, dass auch unternehmerische Tätigkeit sinnvoll sein kann, wird mit drei Worten diskreditiert.

Eine gesunde Skepsis gegenüber den Segnungen des Marktes ist sicher gut. Allerdings werden Jugendliche in Deutschland zu einer Ablehnung und Unkenntnis des Systems erzogen, in dem die meisten von ihnen einmal ihren Lebensunterhalt verdienen werden – es sei denn, es zieht sie nach dem Schulabschluss nach Nordkorea. Nur so ist zu erklären, dass viele Deutsche aus allen Wolken fielen, als in der Weltfinanzkrise hoch verzinste Konten auf ausländischen Banken in Gefahr gerieten: Dass ein hoher Zins ein hohes Risiko bedeutet, war vielen Sparern völlig neu.

Geld ist oft einfach da

Im harmlosesten Fall zeigen Kinderbücher Welten, in denen Wirtschaft als solche gar nicht vorkommt. Geld ist dann wie in Pippi Langstrumpfs Koffer oder dem Tresor von Harry Potter einfach da – und man gibt es eben für Zauberstäbe oder Berge von Bonbons aus. Nach Ansicht des Wirtschaftsprofessors Hanno Beck, Autor mehrerer Kinderbücher, führt diese Vorbildung zu grotesken Wissenslücken. „Man kann in Deutschland C4-Professor werden, ohne zu verstehen, wie ein Mietvertrag funktioniert“, sagt Beck. „Die ökonomische Grundbildung ist nicht nur schlecht, sie ist nicht existent.“

Der Widerstand gegen das Schulfach Wirtschaft, das jetzt in Baden-Württemberg verpflichtend eingeführt wird, ist daher erschreckend. Es stimmt zwar, dass auch jetzt schon wirtschaftliche Themen im Unterricht behandelt werden. Meist jedoch in fachfremden Publikationen. Was dabei herauskommt, beschreibt der Ökonom Justus Lenz in einer Schulbuch-Studie des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts. Die Hintergrundstimmung in den meisten deutschen Erdkunde- oder Politikbüchern sei „eher marktkritisch und staatsgläubig“, lautet sein Fazit. Zum Teil war die Darstellung ökonomischer Zusammenhänge schlicht falsch. So hieß es in einem niedersächsischen Erdkunde-Buch, „ständiges Wirtschaftswachstum und damit wachsender Wohlstand“ hätten „in zunehmendem Maße auch Arbeitslosigkeit zur Folge“.

Kinder, die in dieser Bildungswüste aufwachsen, müssen ein seltsames Bild von der Welt haben. Sie wissen eine Menge über Entwicklungshilfeprojekte in Bangladesch, aber haben keine Ahnung, was eigentlich die Bank um die Ecke macht.

Für Lenz, der heute beim Verband Die Familienunternehmer arbeitet, ist diese Art der Erziehung auch ein Erbe der jüngeren Geschichte: „In Erdkunde-Büchern werden ökonomische Themen oft durch eine 68er-Brille gesehen“, sagt er. „Und eine solche einmal eingeführte Kultur ändert sich im Bildungswesen nicht so rasch.“ Positiver ist sein Urteil über die Bücher, die gezielt für den Wirtschaftsunterricht entwickelt wurden. Es sei eben sinnvoll, so Lenz, „wenn Ökonomen sich an Texten über wirtschaftswissenschaftliche Themen beteiligen“.

Dass ein Fach von denen behandelt wird, die sich damit auskennen, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Ein gutes Beispiel dafür ist ausgerechnet der von den Arbeitgeberverbänden bekämpfte Band der Bundeszentrale. Neben vielen kritischen Fragen zum Lobbyismus werden darin auf hohem Niveau ökonomische Inhalte vermittelt – aus unterschiedlichen Perspektiven. Ein Herr Schmeichler jedenfalls, dieses Zerrbild eines Unternehmers, hat dort keinen Platz gehabt.

Marktlücke

Es gibt sie, die Bücher, die Kindern Wirtschaft näherbringen. Eine Auswahl

Der Text ist zuerst in Capital 1/2016 erschienen. Interesse an Capital? Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.


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