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Fake-Anzeigen: Betrüger zocken Bewerber ab

, von Jens Brambusch

Vorsicht bei Jobangeboten! Betrüger geben sich als Behörden oder Konzerne - wie derzeit Kion - aus, um Bewerber auszunehmen. Capital hat ein Opfer getroffen, das glaubte, bei der Uno anzuheuern

Juliane Frisch* fiel auf die Betrüger herein. Sie will nicht erkannt werden © Katrin Binner
Juliane Frisch* fiel auf die Betrüger herein. Sie will nicht erkannt werden

Jetzt also Kion. Der weltweit zweitgrößte Anbieter von Gabelstaplern und Lagertechnikgeräten warnt derzeit vor gefälschten Stellenangeboten im Internet. Unbekannte Täter, so heißt es auf der Website des Konzerns mit Sitz in Wiesbaden, würden unter dem Namen Kions Vorstellungsgespräche mit Bewerbern online führen, bevor sie beispielsweise für angeblich benötigte Software oder Vermittlungsgebühren Geld verlangten, sagt Ruth Schorn, Chief Compliance Officer der Kion Gruppe. Inzwischen erreichten sie praktisch jede Woche Meldungen über Vorfälle dieser Art aus allen Teilen des Konzerns. „Jemand benutzt den Namen Kion und stellt gefälschte Stellenanzeigen ins Netz“, sagt sie. Bewerbern rät sie, sich auf der Firmenwebsite zu informieren, ob diese Stellen wirklich ausgeschrieben sind. Sollte das nicht der Fall sein, schaffe ein Anruf in der Personalabteilung Klarheit.

Die Betrüger forderten im Online-Gespräch die Bewerber auf, eine kostenpflichtige Software herunterzuladen, die angeblich für die künftige Arbeit im Home Office benötigt werde. Oder sie verlangten eine Vermittlungsgebühr, damit das Bewerbungsverfahren fortgesetzt werden könne. Bislang seien Fälle dieser Art, die Kion betreffen, aus Deutschland, Nordamerika und Brasilien bekannt. Dabei werden Bewerber aufgefordert, persönliche Daten zu nennen und zum Beispiel wie in den USA ihre Sozialversicherungsnummer anzugeben.

Masche erreicht deutsche Firmen

In Deutschland verliefen die Betrugsversuche ähnlich. In gefälschten Stellenanzeigen wurden zum Beispiel Mitarbeiter für die Personalabteilung gesucht. Bewerber, die ihre vollständigen Bewerbungsunterlagen einreichten, hörten nie wieder etwas von den Betrügern. In diesen Fällen ging es wohl um Identitätsdiebstahl, wie die Ermittlungsbehörden vermuten. Die Masche, die anscheinend erst jetzt deutsche Firmen erreicht, wird international bereits seit einigen Jahren praktiziert. Capital hatte bereits im März 2014 darüber berichtet und den Fall von Juliane Frisch* erzählt, die glaubte, bei der Uno angeheuert zu haben.

Der "Superjob" bei der Uno

Es war ein Tag, um Sektkorken knallen zu lassen. Juliane Frisch saß in Neuseeland vor ihrem Computer und las die E-Mail wieder und wieder. Es war die Zusage für ihren neuen Job. Nicht für irgendeinen Job, sondern für den "Superjob", wie sie heute sagt. Bei den Vereinten Nationen. Arbeitsort: Thailand. "Ich fühlte mich wie im siebten Himmel", sagt Frisch und korrigiert sich gleich: "Ach was, wie im 77. Himmel." Sie, die junge Frau aus dem Sauerland, die immer in die Ferne wollte, war am Ziel. In Jena hatte sie Sozialpädagogik studiert, in Hamburg einen Master in Europäischen Studien drangehängt. Sie lebte ein paar Monate in Großbritannien und zog dann nach Neuseeland, um einen weiteren Master in Internationalen Studien zu absolvieren - und zu promovieren. Für Praktika und Projekte ging die quirlige, selbstbewusste Frau nach Brüssel, Genf und Ghana - mal für die EU, mal für die Uno. Nun also hatte sie es geschafft: Festanstellung. In Bangkok. Bei der United Nations Commission For Social Development (UNCSD), einer Unterorganisation der Uno. Es war ein Tag zum Feiern. Dachte sie.

Wenige Wochen später war Juliane Frisch 10 000 Euro ärmer und hatte keinen neuen Job. Die Mails, die Briefe, die Verträge der letzten Wochen: Nichts davon war echt. Mit der Uno hatte sie es nie zu tun gehabt. Sie war Betrügern aufgesessen.

BKA: Strafverfolgung sehr schwierig

Die Falle ist nicht mehr ganz neu, aber unbekannt genug, um immer wieder Ahnungslose hineintappen zu lassen: Betrüger fälschen Jobofferten von weltweit tätigen Organisationen und Konzernen, und das höchst professionell. Mit englischsprachigen Anzeigen erreichen sie die größtmögliche Verbreitung. Ihre Opfer sind über den gesamten Globus verteilt - und nach langen Bewerbungen, Verhandlungen und Jobzusagen werden sie ausgenommen: mit angeblichen Gebühren, die schnell zu entrichten, oder Mietkautionen, die vorzuschießen sind.

Wie viele auf die dreiste Masche hereinfallen, welcher Schaden entsteht, wird nirgends erfasst. "Die Fälle landen in der allgemeinen Betrugsstatistik", sagt eine Sprecherin des Bundeskriminalamts (BKA). "Vorauszahlungsbetrug" heißen solche Tricks im Amtsdeutsch, und die Aufklärungsrate strebt gegen null. Die Strafverfolgung, so räumt das BKA ein, sei "sehr schwierig", da die Täter vom Ausland aus agierten. Auch wenn die Fälle an Interpol gegeben würden, endeten die Spuren meist im Nirwana. Das BKA rät jedem Opfer, sich bei der Polizei zu melden. Doch nur die wenigsten tun das. Zum einen weil sie um die Aussichtslosigkeit wissen, ihr Geld wiederzubekommen. Zum anderen aus Scham. Auch Juliane Frisch fragt sich noch heute, wie sie so naiv sein konnte.

Offerte über Newsletter

Auf das Jobangebot in Bangkok wurde sie durch eine ehemalige Uno-Direktorin aufmerksam, mit der sie befreundet ist. Über deren Netzwerk, das rund um den Globus reicht, flatterte eines Tages auch die Stellenausschreibung in ihr Postfach. "Meine Bekannte", sagt Frisch, "fiel aus allen Wolken, als ich ihr später davon erzählte." Aber in der Flut an Mails, die sie in ihrem Newsletter zusammenfasst, war auch ihr nicht aufgefallen, dass es sich um eine Fälschung handelte.

Für die Täter ist der Aufwand bei diesem ersten Schritt überschaubar: Oft kopieren sie einfach real existierende Jobangebote, tauschen nur die Mailadresse für Bewerbungen aus und bringen sie in Umlauf. Mal über Massenmailings, mal direkt. Im raffiniertesten Fall versuchen sie, ihre Fälschungen in Newslettern unterzubringen oder über soziale Netzwerke teilen zu lassen. Denn dann wird das Jobangebot von einer Person verbreitet, die das Opfer kennt. Das wirkt seriös.

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"Bemerkenswert professionell"

Frisch bewarb sich, zurück kam ein detaillierter Fragebogen. "Das waren 30, 40 Fragen zu technischen und sozialpolitischen Bereichen und zum Projektmanagement", sagt sie. Wegen der Zeitverschiebung - der vermeintliche Uno-Mitarbeiter saß angeblich in New York - erfolgte der Austausch ausschließlich per Mail. Und die Dokumente waren täuschend echt. "Ich hatte als Berater bereits für die Uno gearbeitet", sagt Frisch, "ich kannte also die Formulare. Sie sahen haargenau so aus. Es gab auch keinen Zeitdruck, kein Drängen, kein Bitten. Alles war bemerkenswert professionell gemacht." Obwohl nie ein persönliches Vorstellungsgespräch geführt wurde, bekam sie den Job. Skepsis? "Nein", sagt sie. "Ich habe es mir so erklärt, dass auch die Uno sparen muss und Bewerber nicht für ein Gespräch nach Bangkok fliegt." Und es kam noch besser. Als würde der Traum nicht enden wollen, sollte sie vor Antritt des Jobs noch ein vierwöchiges Seminar bei den Vereinten Nationen in New York besuchen. Den Reiseführer hatte sie bereits gekauft, Familie, Freunden und Bekannten stolz von ihrem neuen Job erzählt. "Ich war beflügelt", sagt Frisch.

Dass sie Dinge ignorierte, die sie hätten stutzig machen sollen, kann sie sich nur mit ihrer überschwänglichen Freude erklären. Die kleinen Rechtschreibfehler in den Mails, Buchstabendreher: Gelacht hat sie darüber, dass selbst Uno-Mitarbeiter Mails verschicken, ohne sie zuvor noch einmal zu lesen. Jaja, der Zeitdruck, dachte sie. Auch das Einführungsseminar in New York ergab Sinn, die damit verbundenen Kosten für Visum und Hotel auch. In New York sollte sie die erstattet bekommen. "Ich habe mir wirklich nichts dabei gedacht", sagt sie und schüttelt den Kopf. Dabei hatte sie sich sogar einmal kurz gewundert. Das Geld musste sie auf ein Konto in China überweisen. Aber warum sollte die Uno in Bangkok nicht in China ein Konto haben? Das war ihre Erklärung, und mit der beruhigte sie sich.

Eine Bude für den Übergang

Der Uno-Mitarbeiter Gabriel Harewood, mit dem sie wochenlang kommunizierte, schien außerdem ein netter, hilfsbereiter Typ zu sein. Sie ahnte nicht, dass dessen Mailadresse, die auf @uncsd-un.org endete, nicht in die Personalabteilung im 21. Stock des Uno-Gebäudes in New York führte, sondern zu einem Server in Nigeria. Deshalb fragte sie Harewood auch, ob die Uno bei der Wohnungssuche in Bangkok helfen könne. "Eine Bude für den Übergang", das wäre toll. Natürlich konnte Harewood helfen. Und natürlich war eine Kaution fällig. Auch das leuchtete Frisch ein.

Am Ende war es die "deutsche Gründlichkeit", wie Frisch sagt, die den Bluff auffliegen ließ. Sie schickte ihre gesamten Bewerbungsunterlagen nochmals per Post nach New York - als Einschreiben. Mit dem Verweis "Empfänger unbekannt" kamen sie zurück. Zum ersten Mal griff Frisch zum Telefon. Niemand meldete sich. Auch beim zweiten und dritten Versuch nicht. Stimmte die Nummer nicht? Sie schrieb eine Mail, schrieb, dass sie telefonisch niemanden erreichen könne - keine Antwort.

Vorauszahlung nach China

Schlagartig wurde ihr klar, dass sie einem Betrüger aufgesessen war. Die Vorauszahlungen, das Konto in China, die Rechtschreibfehler. Freunde von ihr recherchierten im Netz - und fanden etliche Einträge von anderen Opfern.

Die Bank konnte ihr nicht helfen, das überwiesene Geld ließ sich nicht mehr zurückholen. Auch der Polizist, mit dem Frisch in Neuseeland sprach, schüttelte nur den Kopf. Ein deutsches Opfer in Neuseeland, das auf ein angebliches Angebot aus den USA für eine Stelle in Thailand reingefallen war und Geld nach China überwiesen hatte, obwohl die Täter wahrscheinlich von Afrika aus operieren - wo sollte die Polizei ansetzen? Grenzüberschreitende Ermittlungen sind aufwendige bürokratische Hürdenläufe. Der Polizist machte keinen Hehl daraus: Spätestens in Nigeria würde der Fall an mangelnder Amtshilfe scheitern.

Alle Konten gesperrt

Für schlimmer als den finanziellen Verlust hielt die Polizei zudem die Tatsache, dass Frisch den Betrügern ihr ganzes Leben anvertraut hatte: Ausweiskopien, Lebenslauf, Bankverbindung und beglaubigte Dokumente. Dass die Betrüger es nicht nur auf das Geld der Opfer abgesehen haben, ist Teil der Masche: Mit den persönlichen Daten der Bewerber können sie Konten eröffnen, Kreditgeschäfte abwickeln oder unter falschen Identitäten weitere Verbrechen begehen. Auch darum beobachtet etwa das BKA die zunehmende Professionalität mit Sorge.

Frisch ließ sofort alle Konten sperren. "Googeln Sie regelmäßig Ihren Namen", riet der Polizist. Mehr konnte er nicht tun.

Mittlerweile prangt auf der Website der Vereinten Nationen ein Hinweis, der vor einer "wachsenden Zahl gefälschter Jobangebote" warnt. Auch weltweit agierende Konzerne mahnen zur Vorsicht: Siemens zum Beispiel listet auf seiner englischsprachigen Website gleich fünf gefälschte Jobangebote auf und erklärt ausdrücklich, dass man von Bewerbern niemals Zahlungen verlangen würde. Selbst die Bundesagentur für Arbeit kämpft mit unseriösen Jobangeboten, die in ihrem Namen verschickt werden. Das Phänomen, sagt eine Sprecherin der Bundesagentur, sei lange bekannt. Seit dem vergangenen Herbst jedoch gebe es wieder eine Schwemme solcher Fälschungen.

Mit "blauem Auge" davongekommen

Es scheint allerdings, als sei zumindest Frisch mit einem blauen Auge davongekommen. Den Tätern war es offensichtlich in ihrem Fall nicht um Identitätsdiebstahl gegangen. Zumindest gibt es bislang keine Anzeichen dafür. Außerdem hat Frisch mittlerweile tatsächlich einen Job gefunden. Bei der Europäischen Union in Irland. Als sie die Stellenausschreibunglas, rief sie sofort in dem Büro an. Der Mann am anderen Ende der Leitung, sagt Frisch, sei etwas irritiert gewesen, als sie immer wieder nachhakte, ob es sich wirklich um einen realen Job handele. Sie erklärte ihm dann die Nachfragen, obwohl sie fürchte, dadurch naiv zu erscheinen. Es war kein Hindernis. In wenigen Tagen zieht Juliane Frisch nach Dublin.

* Name von der Redaktion geändert.

Die Reportage ist zuerst in Capital 3/2014 unter dem Titel "Der falsche Job" erschienen. Wegen der Aktualität des Themas, und weil sich an dem Vorgehen der Täter nichts geändert hat, beschreibt Capital noch einmal die Masche der Betrüger am Beispiel von Juliane Frisch. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon


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