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Cash war King

, Horst von Buttlar und Timo Pache

Früher war die Ausgabe von Bargeld das Geschäft von Diebold Nixdorf. Heute wälzt der IT-Konzern die Finanzbranche um. CEO Andy Mattes erklärt, wie und wo er Banken durch Automaten ersetzen will

Diebold Nixdorf-Chef Andy Mattes © Patrick Desbrosses
Diebold Nixdorf-Chef Andy Mattes

Andy Mattes ist einer der wenigen Deutschen, die es in den USA auf den Chefposten eines Konzerns geschafft haben. Der frühere Siemens-Manager lebt seit Ende der 80er-Jahre auf der anderen Seite des Atlantiks, seit 2011 arbeitet er bei Diebold, dem US-Hersteller von Geldautomaten. Im vergangenen Jahr übernahm Diebold den deutschen Konkurrenten Nixdorf für umgerechnet gut 1,7 Mrd. Euro. Der Konzern macht zusammen knapp 5 Mrd. Euro Umsatz und beschäftigt weltweit 25.000 Mitarbeiter.


Herr Mattes, mit Diebold Nixdorf befinden Sie sich im Auge eines Orkans, der die ganze Bankenbranche hart trifft. Ist das eigentlich spannend, oder würden Sie lieber einfach 50 Jahre Bankautomat feiern?

Nein, der Wandel ist sehr spannend. Ich habe selten eine Branche gesehen, die sich so sehr verändert wie im Moment die Finanzbranche. Und da nicht nur dabei zu sein, sondern selbst den Wandel voranzutreiben und neue Geschäftsmodelle für uns, aber auch für unsere Kunden zu entwickeln, ist eine tolle Herausforderung.

Was machen Sie eigentlich, wenn die Menschen immer weniger Bargeld brauchen?

Na ja, bezahlen müssen sie trotzdem, und da kommen wir ins Spiel. Nicht mit klassischen Geldautomaten, sondern mit einer Vielzahl neuer Möglichkeiten, beispielsweise damit, Rechnungen am Geldautomaten zu bezahlen. Zum einen werden die Automaten immer intelligenter, und das bedeutet mehr Service und Software. Zum anderen bieten wir Banken und Händlern immer mehr Dienstleistungen an.

Interessant, dass ein Unternehmen, das mit der Ausgabe von Bargeld groß wurde, über die bargeldlose Gesellschaft nachdenkt. Welchen Wert hat Cash noch?

Wir sehen das agnostisch. Für uns und unsere Kunden ist es Nebensache, wie man Geld erhält. Hauptsache, unser Kunde bekommt es.

"Es gibt unendlich viele Möglichkeiten zu bezahlen"

Wie werden wir aus Ihrer Sicht künftig mit Geld umgehen?

Der Umgang mit Geld wird immer individueller, ganz an den eigenen Wünschen und Bedürfnissen ausgerichtet. Wenn Sie Musik herunterladen, zahlen Sie über eine App. Wenn Sie eine Reise buchen, zahlen Sie online. Die Stromrechnung begleichen Sie per Überweisung. Aber für Ihren Babysitter brauchen Sie wahrscheinlich noch Bargeld. Geld ist nicht mehr nur Cash oder Banküberweisung, es gibt unendlich - viele Möglichkeiten zu bezahlen.

Für uns als Kunden ist das ja schön, aber für Sie als Dienstleister …

… ist das auch schön. Im Umgang mit Geld hat sich etwas fundamental geändert: Früher hat der Händler oder die Bank den Kunden erklärt, wie sie bedient werden. Heute hat sich das umgedreht, heute sagt der Kunde: „So will ich kaufen, bezahlen und bedient werden.“ Und wenn die Bank oder der Händler da nicht mitmacht, ist der Kunde ganz schnell woanders. Für Diebold Nixdorf ist das eine große Chance.

Warum?

Weil wir genau dazwischen agieren: als Dienstleister zwischen Banken, Händlern und Konsumenten. Und allen können und müssen wir gute Angebote machen.

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"viele Möglichkeiten, den Bankbesuch zu automatisieren"

Wenn Bargeld immer unwichtiger wird, warum entwickeln Sie dann eigentlich immer neue Funktionen für Ihre Geldautomaten? 

Weil es einen Bedarf dafür gibt. Die Bedeutung des Bargelds und die Funktionen für den Bankautomaten entwickeln sich je nach Region sehr unterschiedlich. Die Skandinavier sind sehr weit, die verabschieden sich von Scheinen und Münzen. In den USA und Deutschland werden die Leute nicht so schnell komplett auf Cash verzichten wollen. In Südamerika wiederum arbeiten wir aus Sicherheitsgründen mit Automaten, die eine Iris-Scan-Funktion oder eine Fingerabdruckerkennung besitzen. Diese Automaten können beispielsweise sogar messen, ob in dem Finger noch Blut zirkuliert oder ob er abgeschnitten wurde. Das klingt brutal, aber dort gibt es einen Bedarf für solche Funktionen.

Die Deutschen sind bei solchen Technologien oft eher skeptisch. Wann geben wir auch hier keine Geheimzahl mehr ein, sondern scannen am Automaten unsere Iris?

Das weiß ich nicht, aber die Technik gibt es schon länger. Immerhin setzen Handyanbieter mittlerweile den Fingerabdruckscan ein. Das wird die Hemmschwelle senken. Doch jenseits dessen gibt es auch bei uns viele Möglichkeiten, den Bankbesuch zu „automatisieren“ und individueller zu gestalten. In einigen Ländern bieten wir schon Automaten an, die erkennen Sie, wenn Sie sich dem Gerät nähern. So kann der Automat Sie nicht nur persönlich begrüßen, sondern macht Ihnen auch personalisierte Angebote. Junge Leute werden anders angesprochen als Rentner, etwa mit Comics. Dafür erhalten ältere Menschen eine größere Schrift. Auch passionierte Aktienanleger werden anders begrüßt als Kunden, die einen Konsumentenkredit brauchen.

Also wenn ich nachts bei einer Kneipentour Geld brauche, fragt mich der Automat künftig: Na, schon wieder 200 Euro?

Ja, so ähnlich. Das Interessante bei aller Individualisierung ist ja, dass wir ganz viele Muster sehen. Und so lassen sich eben auch Wünsche und Bedürfnisse gut vorausberechnen.

Das heißt, Sie erfahren mit Ihren Daten auch viel über die Menschen und ihren Umgang mit Geld.

Ja, wir haben das sogar einmal für eine US-Bank analysiert. Das Ergebnis war, dass die Leute immer rund um den Tag ihres Gehaltsschecks zur Bank gehen. Ein großer Teil der Bevölkerung lebt quasi von Gehaltsscheck zu Gehaltsscheck. Eine andere erstaunliche Zahl: 30 Millionen Haushalte in den USA verfügen über gar kein Konto oder zumindest kein ordentliches Bankkonto. Die wollen kein Konto oder können es sich nicht leisten. Für diese Leute haben wir eine Lösung mit einer großen US-Supermarktkette entwickelt. In den Supermärkten können die Kunden ihre Schecks egal von welcher Bank einlösen und dann dort die Rechnungen per Überweisung bezahlen. So schaffen wir für jedes Land und jede Klientel eine eigene Lösung.

"Aussterben oder untergehen werden Banken nicht"

Wenn Sie mit Supermärkten Zahlungen abwickeln, wofür braucht man dann noch Banken?

Die klassische Filiale wird sich deutlich verändern. Wir haben schon Automaten entwickelt, an denen Sie Ihre komplette Kontoeröffnung inklusive Ausgabe der Giro- oder Kreditkarte erledigen können – alles innerhalb von 30 Minuten. So können Bankfilialen zu allem Möglichen werden, Läden oder Cafés beispielsweise. Nur dass man irgendwo auch noch seine Geldgeschäfte erledigen kann. Die Bankmitarbeiter konzentrieren sich dann auf die Beratung. Aussterben oder untergehen werden Banken aber nicht. Die Geschichte zeigt vielmehr, dass jeder Zahlungskanal, den eine Bank eingeführt hat – Automat, online, App – immer nur hinzugekommen ist.

Wir verstehen, dass Sie sich die Banken als Kunden erhalten möchten. Doch uns fällt die Vorstellung schwer, dass wir in 15 oder 20 Jahren noch „in eine Bank“ gehen.

In Skandinavien, wo die Menschen in diesem Bereich wie gesagt sehr weit sind, gibt es tatsächlich Banken und Kunden von uns, die sagen: Das Filialgeschäft ist für uns nicht mehr interessant. Könnt ihr uns da nicht etwas abnehmen? Und dann sagen wir: Ja, klar. Wir sind dann der IT-Dienstleister, der die gesamte Filial-IT betreibt, auf der die Finanzgeschäfte des Alltags und der Kunden laufen.

Haben die Banken schon verstanden, was da auf sie zukommt?

Wir stehen hier wirklich erst ganz am Anfang einer Entwicklung, eines massiven Umbruchs. Viele Unternehmen tun sich ja schwer mit dem digitalen Umbruch, manche gehen sogar unter.

"Wir müssen Treiber der Automatisierung bleiben"

Was kann man von Diebold Nixdorf lernen?

Bloß kein Stillstand. Wir sind seit Jahrzehnten Treiber der Automatisierung. Und das müssen wir bleiben. In den USA haben wir gerade für eine große Bekleidungskette das Einrichten der schlüsselfertigen IT für alle neuen Filialen übernommen. Das heißt: Die rufen bei uns an und sagen, sie wollen einen neuen Laden in der und der Stadt. Und dann übernehmen wir die gesamte IT, einschließlich der Software und der Installation der Kassensysteme sowie der Sicherheit dahinter. Der Händler muss im Prinzip nur noch Mitarbeiter einstellen und die Ware auslegen.

Dann müssten Sie doch zu deutschen Banken gehen, die oft über die Kosten ihrer Filialen klagen, und sagen: „Lasst uns das doch übernehmen.“

Ja, genau das passiert auch. Nur dass die Banken zu uns kommen und sagen: „Was könnt ihr für uns übernehmen?“ Vergleichbar ist dies mit der IT. Kaum ein deutscher Konzern wird doch heute noch seinen eigenen Mailserver betreiben. So ähnlich wird das auch mit den Banken sein: Alles, was nicht Kerngeschäft ist oder was sich automatisieren lässt, wird langfristig ausgelagert werden.

Das Interview ist in Capital 04/2017 erschienen. Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon


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