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Ich bastel mir eine Bank

, Heinz-Roger Dohms

Dank neuer digitaler Technik könnten Banken künftig wie ein Baukasten funktionieren, in dem man sich seine liebsten Produkte von verschiedenen Anbietern zusammenstellt. Gut für die Kunden, gut für junge Angreifer – und eine Chance für lädierte Marktführer

Bastelstunde: das Girokonto bei der Deutschen Bank, den Hauskredit  bei der Sparkasse und die Kreditkarte vielleicht über Apple – und das alles in einer App?  Möglich ist künftig alles, Capital hat schon mal ein paar neue Banklogos entworfen
Bastelstunde: das Girokonto bei der Deutschen Bank, den Hauskredit bei der Sparkasse und die Kreditkarte vielleicht über Apple – und das alles in einer App? Möglich ist künftig alles, Capital hat schon mal ein paar neue Banklogos entworfen

André Bajorat ist der Prototyp des Digital Native. Für das, was er jetzt erklären will, braucht der 45-Jährige aber kein Tablet, keinen Screen und nicht mal Powerpoint. Sondern bloß eine gute alte Wandtafel und einen kräftigen Filzer.

Er krakelt zunächst ein paar Begriffe ans Whiteboard. „Deutsche Bank“, „Sparkassen“, „Paypal“, „Kreditkarte“ und so weiter. „Das sind die Financial Sources“, sagt Bajorat, also die finanziellen Quellen. Als Nächstes tupft er ganz viele Punkte auf die Tafel, „das sind die Drittanbieter, also unsere Kunden“. Schließlich beginnt Bajorat, die Quellen und die Drittanbieter durch Striche miteinander zu verbinden, sodass ein ziemlich dichtes Netz entsteht. Und mitten hinein in dieses Netz malt er in dicken Letten nun den Namen seiner eigenen Firma: Figo.

Figo ist also die Spinne im Netz? „Ja“, sagt André Bajorat. Es mag vielleicht ein bisschen aufschneiderisch klingen. Aber was soll er machen? Figo ist nun mal der Herr über die API. Und auf die kommt es ja neuerdings an. Heißt es jedenfalls immer und überall.

Das Kürzel API steht für „Application Programming Interface“, zu Deutsch: Programmierschnittstelle. Mit diesem Begriff konnten in der Bankenbranche bis vor zwei, drei Jahren höchstens die IT-Menschen was anfangen. Inzwischen allerdings sind die Fachzeitschriften, die einschlägigen Blogs und selbst die Finanzteile in den Tageszeitungen voll von der API. Es wirkt manchmal so, als würden nicht das Zinsniveau, sondern die Schnittstellen über die künftigen Erträge der deutschen Banken bestimmen. Und die Sache ist: Vielleicht stimmt das sogar.

Dazu muss man wissen, dass das Retail-Geschäft der Banken jahrzehntelang nach einer einfachen Gleichung funktionierte: Der Bank, die das Girokonto hatte, gehörte auch der Kunde. Den größten Teil ihrer Marge erwirtschafteten die Banken damit, dass sie die Einlagen der Kunden zu höheren Zinsen weiterverliehen. Daneben gab es für die Institute jedoch noch weitere Möglichkeiten, mit den Kontoinhabern relativ mühelos Geld zu verdienen. Etwa durch Gebühren für die EC- oder Kreditkarte. Orderte der Kunde darüber hinaus regelmäßig Wertpapiere, bekam er ein Depot. Und benötigte er einen Immobilienkredit, konnte man als Bank oder Sparkasse eigentlich nichts mehr falsch machen.

Revolution per Richtlinie

Nun ist das Verhältnis zwischen Hausbank und Kunde, seit es das Internet gibt, natürlich nicht mehr ganz so eng, wie es das früher einmal war. Wer heute ein Hypothekendarlehen braucht, vergleicht erst einmal die günstigsten Angebote online. Und der berüchtigte „Zinshopper“, der auf der Suche nach den besten Konditionen regelmäßig seinen -Tagesgeldanbieter wechselt, ist auch kein neues Phänomen.

Trotzdem: An der Bedeutung des Girokontos hat auch die Erfindung des Onlinebankings wenig geändert. Das erkennt man auch daran, dass Institute wie die Commerzbank neue Kunden bis heute mit einem Bonus von bis zu 150 Euro locken.

Doch hat dieses Geschäftsmodell noch eine Zukunft? Oder verkommt das Girokonto nicht eher zu einer „Commodity oder gar einem Wegwerfprodukt“, wie der Bankenexperte Maik Klotz sagt – „vergleichbar mit der E-Mail-Adresse, von -der inzwischen auch fast jeder zwei oder drei Stück hat“.

Tatsache jedenfalls ist: Die Banken sind momentan dabei, die Hoheit über das Girokonto zu verlieren. Und das liegt an Technologiefirmen wie Figo, die es fremden Anbietern ermöglichen, über die API direkt auf die Kontodaten zuzugreifen „und regelrecht auszulesen“, so Bajorat – vorausgesetzt natürlich, der Kunde stimmt zu. Dafür allerdings reicht im Mobile-Zeitalter ein einziger Klick. Frage also: Was ist das Girokonto für die Bank noch wert, wenn praktisch jeder nun hineinsehen kann?

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Die technische Seite ist nur das eine. Das andere ist die politische Komponente. Lange Zeit spielte sich die API-Revolution in einer rechtlichen Grauzone ab. Das jedoch wird sich nächstes Jahr ändern. Denn dann tritt eine neue europäische Richtlinie namens PSD2 („Revised Payment Service Directive“) in Kraft. Was umständlich und harmlos klingt, wird genau genommen aber „zu einer historischen Veränderung der Marktposition etlicher Geldinstitute führen“, sagt Hans Kraus von der Beraterfirma Capco. „Das Banking wird von den Banken abgekoppelt.“

Hintergrund: Durch PSD2 müssen sich die Banken das Auslesen ihrer Konten nicht mehr nur gefallen lassen, sondern das Prozedere durch die entsprechende Aufbereitung ihrer Schnittstellen sogar unterstützen. Klar, dass etablierte Banken und deren Lobbyisten die neue Richtlinie alles andere als lustig finden. Die Institute würden damit verpflichtet, Drittanbietern die eigene Infrastruktur „kostenlos zur Verfügung zu stellen und auch noch die Verantwortung für die damit verbundene Sicherheit zu übernehmen. Das bedeutet weitere Kostenbelastungen“, kritisiert etwa Andreas Martin, Vorstand beim genossenschaftlichen Bankenverband BVR.

Tatsächlich haben Lobbyisten wie Martin jahrelang gegen die PSD2 gekämpft. Die EU-Kommission allerdings war fest entschlossen, das Projekt durchzuziehen. Sie erhofft sich von der neuen Richtlinie ein „Level Playing Field“, wie das in der Regulierersprache heißt, also gleiche Chancen für alle. Wäre die Welt noch wie vor zehn Jahren, könnte man nun sagen: Ein bisschen Konkurrenz kann die Branche ganz gut vertragen. Stattdessen fällt die Einführung von PSD2 nun in eine Zeit, in der viele Banken – geschwächt durch die Finanzkrise und entkräftet von den niedrigen Zinsen – ohnehin nicht mehr weiterwissen. Und nun auch noch das.

PSD2 könne sich „als veritabler Gamechanger erweisen“, sagt Peter Bosek, der Privatkundenvorstand der österreichischen Großsparkasse Erste Group. Bloß: In welche Richtung dreht sich das Spiel? Und sind es, wie es der erste Gedanke vielleicht nahelegt, die Fintechs, die am stärksten profitieren – also jene Finanz-Start-ups, die den Banken seit einigen Jahren mit schicken Apps und innovativen Techniklösungen das Leben schwer machen? Oder verändert sich zwar das Spiel, die wichtigsten Spieler aber bleiben dieselben?

George aus Österreich

Wer sich vom Wiener Hauptbahnhof in Richtung Erste Bank aufmacht, der hält intuitiv nach einem klotzigen Bankenturm Ausschau. Stattdessen führt einen Google Maps in ein campusartiges Gelände mit mittelhohen Glasbauten und viel Grün dazwischen. Vor einem Jahr hat die größte österreichische Bank ihre neue Zentrale nahe dem Belvedere-Garten bezogen. Die offene Architektur korrespondiert mit dem neuen Denken, das die Erste Group erfasst hat.

Peter Bosek, also der Mann, der vom „Gamechanger“ spricht, empfängt auf einer Terrasse. Es ist angenehm warm, er zieht das Jackett aus, eine Krawatte trägt er ohnehin nicht, was in Boseks Fall mehr ist als ein flüchtiges Statement: „Ich bin ganz grundsätzlich der Meinung, dass man das Banking entkrawattisieren sollte. Unsere Branche ähnelt mittlerweile in vielem der öffentlichen Hand, etwa was die starren Personalsysteme betrifft oder das Prinzip von Über- und Unterordnung. Und dafür steht stellvertretend auch die Kleidung.“

Boseks These ist, dass die Banken inzwischen stärker von der Regulatorik als vom Unternehmertum geprägt sind – und dass das durchaus so gewollt sei. „Der europäischen Politik wäre es am liebsten, wenn die Banken nur noch die Infrastruktur bereitstellen, ähnlich wie die Telekomkonzerne für die Internetwirtschaft. Mein Problem allerdings ist, dass ich als reiner Serviceprovider den direkten Kontakt zum Kunden verliere.“

Bei der Erste Group haben sie darum vor Jahren eine strategische Grundsatzentscheidung getroffen – nämlich selbst eine Art Start-up zu gründen. 2012 war das, als im deutschsprachigen Raum von Fintechs, APIs oder PSD2 noch kaum die Rede war. „Die neue Entity“, wie Bosek das ausdrückt, wurde neben die eigentliche Bank gesetzt, mit Kreativen und IT-Nerds bevölkert, und schließlich ging aus der „Entity“ Anfang 2014 George hervor.

George? Das ist eine der ersten und – das bestätigen alle Experten – vor allem besten Finanz-Apps in Europa. Schon jetzt hat die Plattform knapp eine Million Nutzer.

Doch für Bosek geht das Spiel jetzt erst los. George soll nämlich nicht nur die eigenen Kunden mit den eigenen Produkten verlinken – sondern weit darüber hinausgehen. „‚Wir haben von Anfang darauf geachtet, dass George eine eigene API hat. Und warum? Weil wir sicherstellen wollten, dass die Nutzer von den Dienstleistungen Dritter profitieren können“, sagt Bosek. Seine Vision gehe deshalb über die Entwicklung einer schicken App weit hinaus: „Wir wollen mit George eines Tages zu einer paneuropäischen Bankenplattform werden. Eine Art iTunes für Banking.“

Auch wenn dieses Ziel vermutlich ein bisschen hoch gesetzt ist: Inzwischen folgen auch hierzulande immer mehr Banken der Plattformidee der Erste Group. Zum Beispiel die Comdirect. Und selbst die Deutsche Bank. Darum hat sie ihr Online- und Mobilebanking kürzlich um eine „Multibanking“ genannte Funktion erweitert. Deren Sinn: Dank der – von Bajorats Figo – konzipierten API können die Kunden mit der Deutsche-Bank-App nun auch auf sämtliche Konten, Karten, Kredite oder Depots zugreifen, die sie bei anderen Geldinstituten haben. In Bajorats Terminologie ist die Deutsche Bank damit nicht mehr nur eine „Financial Source“, die von anderen angezapft wird – sondern sie zapft jetzt auch selbst bei anderen an.

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Eine Chance für die Großen

Sieht so die Zukunft des Bankings aus: Man nutzt die API – oder man wird geapit? Zumindest spricht für die These einiges: Seit Jahren heißt es ja immer wieder, die finanzielle Wertschöpfungskette der Banken werde durch die Fintechs aufgebrochen. „Diese Entwicklung ist aber abgeschlossen. Jedes Produkt, das früher klassischerweise von einer Bank kam, kann der Kunde heutzutage bei einem Fintech kaufen – wie in einem hoch spezialisierten Feinkostladen“, sagt Karsten Junge von der Beraterfirma Consileon. Die Frage allerdings sei: „Will der Kunde das überhaupt? Oder sucht er sich letzten Endes doch nicht lieber einen Aggregator, der das für ihn erledigt?“

Anders ausgedrückt: Überlebt das Hausbankprinzip womöglich doch? Auch wenn es nicht auf dem Girokonto, sondern – mit Junge gesprochen – auf der Aggregatorfunktion beruht?

Die Strategie der Erste Group und Deutschen Bank scheint darauf jedenfalls hinauszulaufen. „Es geht darum, das Frontend zu besetzen und damit die erste Anlaufstelle für den Kunden zu bleiben“, sagt Dirk Franzmeyer, Ex-Vorstand der Biw Bank. Gerhard Kebbel, digitaler Vordenker der Helaba, sieht das ähnlich: „Das Frontend soll zum Hub nicht nur für die eigenen, sondern auch für die Produkte fremder Banken werden – ähnlich wie in einem Supermarkt.“

Der Vorteil: Selbst wenn der Kunde lieber zum Produkt des Wettbewerbers greift, bleibt er doch „im Ökosystem der eigenen Bank“, wie Erste-Group-Mann Bosek das nennt. Nebeneffekt: Die Bank erhält vom Produktanbieter eine Vertriebsprovision. Die Commerzbank wendet dieses Prinzip schon seit Jahren in der Baufinanzierung an. Und die Deutsche Bank hat angekündigt, in ihr „Multibanking“-Schaufenster neben das eigene Tagesgeldangebot demnächst auch höher verzinste Sparprodukte anderer Banken zu stellen.

Ein Wettstreit widerstreitender Ökosysteme bahnt sich an. Gegen die Georges und Multibankings treten Start-ups wie die Münchner Outbank oder die Schweizer Numbrs an. Anders als klassische Banken und anders auch als das Berliner Vorzeige-Fintech N26 verzichten diese beiden Anbieter auf eine eigene Bilanzsumme aus Einlagen und Krediten. Stattdessen wollen sie nur noch Supermarkt sein. Um ihre Regale zu füllen, greifen sie ausschließlich auf die Produkte von Banken oder anderen Fintechs zurück. Vom Robo-Advisor für die Wertpapieranlage bis hin zum Festgeldvermittler für die Spareinlagen.

Daneben dürften bald weitere Akteure ins Spiel eingreifen. Das Münchner Vergleichsportal Check24 zum Beispiel startet im Juli mit einem digitalen Bankordner. „Dort können unsere Kunden dann alle ihre Konten, Geldanlagen und Kredite zentral verwalten – egal ob sie die Produkte über uns abgeschlossen haben oder nicht“, sagt Geschäftsführer Christoph Röttele. Auch von Apple oder Google heißt es immer wieder, sie könnten über ihre Wallet genannten Proto-Konten demnächst ins richtige Bankgeschäft einsteigen. Andere Kandidaten dürften Facebook oder Paypal sein.

Und wo werden bei alldem letztlich die guten alten Sparkassen und Volksbanken bleiben? Für die müsse man vielleicht gar nicht so schwarzsehen, wie es immer heiße, sagt Bankingexperte Junge: „Natürlich kann ein hoch spezialisiertes Fintech jede einzelne Leistung ein wenig besser anbieten, als das eine Sparkasse kann. Wenn der Kunde aber das Gefühl hat, seine Hausbank bietet ihm die komplette Produktpalette in vergleichbarer Qualität und zu fairen Preisen – dann geht er weiter dorthin. Das ist eben auch wie mit Rewe und Edeka.“

Der Beitrag ist zuerst in Capital 06/2017 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon

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