• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Lesestoff

Aussendienst

, Jens Brambusch und Jenny von Zepelin

Konzerne und Unternehmen entdecken die Vorteile des flexiblen Arbeitens. Sie lassen ihre Mitarbeiter am Strand, im Café oder im Wohnzimmer ihre Laptops aufklappen. Brauchen wir bald alle keine Büros mehr?

Arbeiten, wo andere Urlaub machen. Das macht auch Julia Koplin auf Gran Canaria © Mustafah Abdulaziz
Arbeiten, wo andere Urlaub machen. Das macht auch Julia Koplin auf Gran Canaria

Auch unter der Sonne des Südens kann Julia Koplin nicht anders. Um 7 Uhr klingelt der Wecker. Typisch deutsch! Der erste Blick geht zum Smartphone, Mails checken. Der zweite geht zum Strand, Wellen checken. Es fühlt sich ein bisschen an wie Urlaub, aber es ist die Arbeit, die die Diplom-Pflegewirtin nach Gran Canaria verschlagen hat. Es hätte aber auch Mallorca sein können, Thailand, irgendein Ort auf der Welt. Alles, was Koplin braucht, ist ein Internetanschluss – und eine Atmosphäre, die sie beflügelt. Wind, der den Kopf freipustet. Der körperliche Ausgleich zur geistigen Arbeit.

Für die Hamburger Schulbehörde arbeitet die 42-Jährige an einem Konzept zur Inklusion von Kindern mit besonderem medizinischen und pflegerischen Bedarf. Wo sie das macht – egal! Und deshalb ist sie hier, auf Gran Canaria. Im Surf Office. Einem kleinen Hotel, das neben einigen Zimmern auch Arbeitsplätze bietet und sich rühmt, das schnellste Internet der Insel zu haben. Den Schlaf- und Arbeitsplatz in Kombination gibt es für 300 Euro pro Woche. Viele Freiberufler nutzen das Angebot, aber auch immer mehr Festangestellte aus der ganzen Welt. T-Mobile, Facebook, AT&T, Avast und CGI stehen auf der Referenzliste des Surf Office.

Um 10 Uhr geht's aufs Wasser

Für Koplin ist es der perfekte Ort, wenn sie an Konzepten feilt. Sie ist bereits zum dritten Mal hier. Bis zu drei Wochen verabschiedet sie sich auf die Insel. „Hier wird mein Tagesablauf weniger fremdbestimmt, ich kann konzentriert an komplexen Fragen arbeiten, ohne allzu viele Ablenkungen durch Meetings, Anrufe, Beratungsgespräche und private Verpflichtungen“, sagt die Hamburgerin. Der große Vorteil: „Wohnung, Büro und Surfstrand sind maximal drei Minuten voneinander entfernt.“

Ihre Tage hat Koplin klar strukturiert. Nachdem sie die ersten Stunden gearbeitet hat, schnappt sie sich gegen 10 Uhr eines der Surfbretter, die in dem loftartigen Büro an der Wand lehnen. Zeit zum Surfen. Bis zum Atlantik sind es nur wenige Meter. Das Brett klatscht auf das kristallklare Wasser. Ein paar kräftige Armzüge, dann ist die Brandung überwunden. Auf der perfekten Welle geht es zurück Richtung Strand, immer und immer wieder. Nach dem Mittagessen hält sie kurz Siesta, ganz landestypisch. Dann sitzt Koplin am Laptop – bis in den Abend, der meist mit den Kollegen auf Zeit in einer Tapasbar oder bei einem Bier in der Bar am Strand endet. So kann Arbeit im Jahr 2014 aussehen.

Das Surfoffice auf Gran Canaria ist Hotel und Büro in einem © Mustafah Abdulaziz
Das Surfoffice auf Gran Canaria ist Hotel und Büro in einem

Historische Zäsur für die Arbeitswelt

Keine Grenzen, kein festes Büro, keine Anwesenheitspflicht, keine festen Zeiten – das Surf Office ist ein schillerndes Beispiel für eine schöne neue Arbeitswelt, die vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Zum einen fehlte es bis vor Kurzem an den technischen Voraussetzungen, an jedem Ort der Erde einfach sein Büro aufzustellen. Zum anderen musste in den Köpfen erst die Erkenntnis reifen, dass der beste Arbeitsplatz nicht immer das Zimmer in der Firmenzentrale ist. 230 sogenannte Co-working-Areas wie das Surf Office gibt es allein in Deutschland, etwa 2 500 verteilt um den gesamten Globus. Sie sind das Fundament für die neue Freiheit, die anfangs hauptsächlich von Selbstständigen und Freiberuflern gelebt wurde. Mittlerweile sind die Modelle für flexibles Arbeiten aber auch in den Vorstandsetagen großer Unternehmen angekommen.

Möglicherweise steht die deutsche Wirtschaft vor einem tief greifenden Umbruch. Von einer „historischen Zäsur für die Arbeitswelt, in der ein global vernetzter Informations- und Arbeitsraum entsteht“ spricht Andreas Boes, Arbeitsforscher und Vorstand des Instituts für Sozialwissenschaftliche Forschung München (ISF). Die Veränderung ließe sich sogar mit der Entstehung des Taylorismus vergleichen, mit dem Handarbeit industrialisiert wurde und der die Arbeitskultur des 20. Jahrhunderts prägte. Genauso könne nun ein enormer Produktivitätsschub für die Kopfarbeit anstehen.

Arbeiten, Surfen, Party - unter Gleichgesinnten fällt alles leicht © Mustafah Abdulaziz
Arbeiten, Surfen, Party - unter Gleichgesinnten fällt alles leicht

Das Modell der Zukunft

„Flexibles Arbeiten ist seit zwei, drei Jahren eines der Hauptthemen in der deutschen Wirtschaft“, bestätigt Werner Eichhorst vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA). Und das werde es auch in den nächsten fünf bis zehn Jahren bleiben – schon allein wegen des demoskopischen Wandels. Er prophezeit: „Die alternierende Heimarbeit wird das Modell der Zukunft sein. Ein bis zwei Arbeitstage zu Hause kombiniert mit Kommunikation und Interaktion im Unternehmen.“

Auch der Unternehmensberater Heiko Pobbig, der Firmen beim Umsetzen flexibler Arbeitszeitmodelle unterstützt, schätzt die Bereitschaft zur flexiblen Arbeit hoch ein: „80 Prozent der Deutschen würden heute schon gerne von zu Hause aus arbeiten“, glaubt er. Vielleicht können sie das bald auch tatsächlich tun.

[Seitenwechsel]

Verwaiste Büros

Manchmal fühlt sich Nicola Rodegra ein wenig einsam. Dann, wenn sie morgens in das verwaiste Großraumbüro in Unterschleißheim kommt, vor leeren Tischen steht und das Lauteste, was sie hört, ihr brodelndes Teewasser in der Küche ist. Rodegra ist Vertriebsleiterin bei Microsoft. Sie betreut Großkunden aus den Bereichen Medien und Kommunikation. Ihr 20-köpfiges Team sieht Rodegra, die vor zwölf Jahren bei dem Softwarekonzern angefangen hat, meist nur über Videochat. Denn seit neun Jahren schickt Microsoft seine Mitarbeiter zunehmend zum Arbeiten nach Hause – und ist damit in Deutschland ein Homeoffice-Pionier.

Das Großraumbüro, in dem sie steht, hat Loftcharakter. Wie bunte Farbkleckse heben sich die orangefarbenen Sitzecken mit Sofas und Sesseln von dem grauen Teppich ab. „Meeting-Welten“ nennt Microsoft das. Es gibt sechs Arbeitsinseln mit jeweils sechs Plätzen, dazwischen Stehpulte und Kabinen für ungestörte Telefonate. Niemand hat einen festen Arbeitsplatz. Wer kommt, setzt sich hin, wo immer er will. Auch hat niemand bei Microsoft ein eigenes Büro. Selbst die Geschäftsführung sitzt in einem Großraum. Türen findet man nur vor den Toiletten. Oder vor den Glaskabinen, in denen Einzelgespräche geführt werden.

Nicola Rodegra leitet bei Microsoft ein Team, das hauptsächlich im Homeoffice arbeitet © Markus Burke
Nicola Rodegra leitet bei Microsoft ein Team, das hauptsächlich im Homeoffice arbeitet

Jeder ist für sich selbst verantwortlich

Aus einem Schließfach mit der Nummer 47 holt Rodegra ihr ganzes Equipment: Laptop und Headset. An der ersten Arbeitsinsel, ganz rechts, dockt sie den Computer an das Netzwerk und sieht auf einen Blick, welche ihrer Mitarbeiter am Schreibtisch sitzen. „Niemand muss sich abmelden“, sagt sie. Jeder sei selbst verantwortlich, wann, wo und wie er arbeitet.

Während Nicola Rodegra ihren Arbeitstag in der Zentrale beginnt, sitzt zum Beispiel Sandro Stark an seinem Laptop in seiner Wohnung in Schwabing. Er ist einer von Rodegras 20 Mitarbeitern und betreut von zu Hause aus Kunden in ganz Deutschland. Stark kam 2013 direkt von der Universität zu Microsoft, und daran, dass es bei seiner Arbeit keine Präsenzpflicht gibt, musste er sich erst gewöhnen. Doch die Freiheit gefällt ihm, denn sein Arbeitgeber schenkt ihm damit vor allem: Zeit.

Anfahrtsweg gespart

Statt morgens und abends jeweils 45 Minuten lang in einer überfüllten S-Bahn von München nach Unterschleißheim zu fahren, dauert sein Weg zur Arbeit nur wenige Sekunden. Die eineinhalb gewonnenen Stunden pro Tag lassen sich sinnvoller nutzen, findet er – für Freizeit, Arbeit oder Familie. Viele seiner Kollegen klinken sich etwa mittags aus, holen ihre Kinder vom Kindergarten ab und kochen für die Familie, bevor es zurück an den heimischen Schreibtisch geht. In der Zwischenzeit sind sie eben nicht erreichbar. Die Software, die Microsoft benutzt, zeigt ihre Abwesenheit so lange an, und penetrante Nachfragen erübrigen sich. Eine Kollegin habe neulich eine Woche von der Schweiz aus gearbeitet, weil dort ihr Freund lebt. Hätte sie es nicht beiläufig erwähnt, niemand hätte es mitbekommen.

Zufrieden trotz Mehrarbeit

Stark gibt zu, dass er erst lernen musste, mit der neuen Freiheit umzugehen: „Selbstdisziplin ist wichtig“, sagt er. Wer Arbeit und Freizeit räumlich nicht trenne, laufe Gefahr, beides verschwimmen zu lassen. Manchmal habe er sich zwingen müssen, abends nicht mehr in die Mails zu schauen. Das in ihn investierte Vertrauen aber zahlt er gerne zurück. Durch Leistung und Loyalität. Studien belegen, dass Mitarbeiter im Homeoffice meist länger und effizienter arbeiten als ihre Kollegen in den Büros. Und sie sind dabei zufriedener, wechseln seltener ihren Job.

Aber nicht nur Freiberufler und Nachwuchskräfte, auch gestandene Manager mit Vollzeitstelle erkennen mittlerweile die Vorteile von Jobs, die nicht an Anwesenheitspflicht gefesselt sind. Laut einer Umfrage der Personalberatung Odgers Berndtson unter 1 200 Führungskräften sind mehr als ein Drittel der Befragten unzufrieden mit dem klassischen Büroalltag. Sie fordern eine höhere Flexibilität und wünschen sich an erster Stelle ein größeres Angebot von Heimarbeitsplätzen. Unternehmen, die das erkannt haben, seien bei der Akquisition und Bindung von Führungskräften klar im Vorteil, so das Resümee der Personalberater. Attraktive Arbeitsbedingungen haben längst die Höhe des Gehalts als Anreiz abgelöst. Der neue Luxus heißt Flexibilität und Freiheit.

[Seitenwechsel]

Teamsitzung bei Microsoft. Nur wenige Mitarbeiter sind in der Zentrale, der Rest ist zugeschaltet © Markus Burke
Teamsitzung bei Microsoft. Nur wenige Mitarbeiter sind in der Zentrale, der Rest ist zugeschaltet

Ansprüche der "Generation Y"

Und so wirbt mittlerweile fast jeder Konzern mit flexiblen Arbeitsmodellen, reagiert auf die Ansprüche der sogenannten „Generation Y“. Freiheitsliebend, gut ausgebildet und selbstbewusst fordern die Führungskräfte von morgen vor allem Unabhängigkeit und Zeitsouveränität. Jahrzehntelang war es andersherum, da wurde die Flexibilität allein von den Jobsuchern erwartet. Jetzt sind die Unternehmen gefordert.

19 Prozent der deutschen Unternehmen wollen mehr Homeoffice-Arbeitsplätze einführen, hat die vierteljährlich erhobene Flexindex-Studie von Randstad und dem Ifo-Institut festgestellt. Jeder dritte Industriebetrieb plant, Homeoffice künftig verstärkt zu nutzen, im Handel und im Dienstleistungsbereich sind es 13 beziehungsweise 15 Prozent. Vor allem in großen Unternehmen mit 250 und mehr Beschäftigten spielt die Arbeit von zu Hause heute schon eine größere Rolle, kleine Firmen halten sich eher zurück. Insgesamt aber bietet der Studie zufolge schon jedes dritte Unternehmen Homeoffice­Arbeitsplätze an, und 62 Prozent der Befragten gaben an, das Angebot in den vergangenen Jahren deutlich ausgebaut zu haben.

Beispiele gibt es überall. Bosch etwa erprobt nach eigenen Angaben über 100 verschiedene Arbeitszeitmodelle. Da sich ein neues System in einer Organisation meist am besten durchsetzt, wenn die Chefs vorangehen, schickt das schwäbische Unternehmen auch seine Manager nach Hause: In einem Projekt arbeiten weltweit 500 Führungskräfte für mindestens drei Monate einen halben oder ganzen Tag von zu Hause aus oder in Teilzeit. Auch der Maschinen- und Laserhersteller Trumpf hat bereits vor drei Jahren ein Projekt gestartet, bei dem Mitarbeiter ihre Arbeitszeit jeweils für zwei Jahre im Voraus selbst bestimmen können – in einem Korridor von 15 bis 40 Wochenstunden.

Eigentlich gibt es nur Gewinner

BMW hat in München eine neue Bürolandschaft entstehen lassen, mit gemeinschaftlich genutzten Schreibtischen und sogenannten Arbeitswelten. Statt 560 fest zugeordneter Schreibtische gibt es jetzt nur noch 450 frei verfügbare, denn viele der Angestellten kommen für die Arbeit gar nicht mehr ins Haus. Seit Oktober 2012 läuft das Modell. Die Resonanz sei gut, sagt BMW. Zudem ließen sich 15 bis 20 Prozent ungenutzter Fläche und damit Betriebskosten einsparen. Ein Fakt, der auch kühl rechnende Zahlenschieber in den Unternehmen überzeugt.

Mittlerweile schätzten selbst Verkehrsplaner die Heimarbeit, sagt Heiko Pobbig, der Unternehmensberater. Pendlerströme ließen sich so entzerren, der öffentliche Nahverkehr könne besser ausgenutzt werden. Nicht zuletzt profitiere die Umwelt vom Homeoffice: Denn wer zu Hause bleibe, produziere weniger CO2. Sein Resümee: „Wenn flexibles Arbeiten in einem Unternehmen richtig implementiert ist, gibt es eigentlich nur Gewinner.“

Führen muss gelernt sein

Im Großraumbüro von Microsoft konferiert heute das Team von Nicola Rodegra bei seinem Monatsmeeting. Zeit für Umsatzzahlen und Kritik, für Pläne und Projekte. Sandro Stark hat extra den Weg nach Unterschleißheim auf sich genommen. Aber er ist einer der wenigen, die tatsächlich physisch anwesend sind. In der Mitte des kleinen Konferenzraumes steht eine 360-­Grad­-Kamera. Sie richtet sich automatisch auf denjenigen, der spricht, und zoomt heran. Dokumente teilen die Kollegen untereinander über das Netz, Präsentationen werden herumgeschickt, jeder Teilnehmer hat jedes Schriftstück auf dem Bildschirm. Bis zu 30 Mitarbeiter schalten sich bei den Monatsmeetings von Rodegra zu. Einige fläzen sich in bequemen Sesseln in ihren Wohnzimmern, andere schlürfen Kaffee in der Küche. Trotz Plauderatmosphäre, dem verordneten Du und der lockeren Atmosphäre aber sind die Ansprüche an die Mitarbeiter hoch. „Wir haben sportliche Ziele“, sagt Rodegra. Und vielleicht gerade deshalb ist es notwendig, den Mitarbeitern im Gegenzug die größtmöglichen Freiheiten zu gewähren.

Natürlich hat die Flexibilität auch ihre Nachteile. „Die Technik“, sagt Rodegra, „ersetzt nicht das Menschliche.“ Deshalb führt sie einmal im Monat mit jedem Mitarbeiter ein Einzelgespräch. Sie will Kummerkasten sein, wissen, wenn jemand Probleme hat – im Job oder privat. Am Telefon oder in einer Videokonferenz sei das nicht möglich. 100 Prozent Homeoffice hält Rodegra deshalb für falsch. „Die Mitarbeiter müssen sich als Teil eines Teams verstehen, müssen das Gefühl haben, dazuzugehören.“ Nur so könne eine emotionale Bindung zum Unternehmen aufgebaut werden.

[Seitenwechsel]

Die Technik muss stimmen. Bei Microsoft ist modernste Ausstattung ein Muss © Markus Burke
Die Technik muss stimmen. Bei Microsoft ist modernste Ausstattung ein Muss

Wie bezahlt man einen Mitarbeiter, den man kaum sieht?

Der Begriff „Führungskraft“ hat darum bei Microsoft eine Renaissance erlebt. Teamchefs müssen nicht glänzen, sondern führen können. Und das auf Distanz. „Gute Antennen für die Mitarbeiter sind unbedingt nötig“, sagt Elke Frank, die Personalchefin von Microsoft Deutschland. Sie vergleicht die Aufgabe mit dem Job eines Fußballtrainers. „Der muss auch nicht der beste Fußballer sein. Aber er muss aus seinem Team das Beste herausholen können. Und dafür muss er die Stärken jedes Einzelnen genau kennen, sie fördern und einzusetzen wissen.“

Doch wie beurteilt man einen Mitarbeiter, den man kaum sieht? Wie entlohnt man ihn? „Wir arbeiten mit Zielvereinbarungen“, sagt Rodegra. Hinzu kommen weiche Kriterien. Kunden werden gebeten, Feedbacks zu den Mitarbeitern abzugeben. Die Ergebnisse fließen in die Bezahlung mit ein. Auch intern können sich die Angestellten gegenseitig bewerten – anonym. Kudos heißen die virtuellen Taler, die auf ein Konto eines Mitarbeiters eingezahlt werden können. Beispielsweise, wenn die Zusammenarbeit besonders effizient oder einfach nur angenehm ist.

Anfang September dieses Jahres hat Microsoft dem Homeoffice nun auch einen rechtlichen Rahmen gegeben. „Vertrauensarbeitsort“ nennt Microsoft das. Jeder Mitarbeiter kann selbst entscheiden, wo er arbeitet – vertraglich geregelt. 90 Prozent der 2 700 Angestellten von Microsoft Deutschland nutzen das Angebot zum flexiblen Arbeiten bereits.

Betriebsratschef Andreas Pagel ist jedenfalls zufrieden: „Mit der Gesamtbetriebsvereinbarung schaffen wir einen verbindlichen Rahmen, wie wir bei Microsoft den Arbeitsplatz definieren, und liefern damit die notwendige Klarheit für alle Mitarbeiter und Führungskräfte.“

Urlaub, so viel Du willst

Doch Homeoffice ist bei Weitem kein Selbstläufer. So hat Marissa Mayer kurz nach ihrem Antritt als neue Yahoo-Chefin für Aufsehen gesorgt, als sie im Februar 2012 ankündigte, dass sie das bei dem Internetportal etablierte Homeoffice wieder abschaffen werde. Mayer beorderte alle Mitarbeiter zurück ins Büro. Gleichzeitig verschärfte sie die Beurteilungsverfahren und startete einen harten Ausleseprozess. Angeblich sollen etliche Yahoo-Mitarbeiter die ihnen gewährte Freiheit für andere Projekte missbraucht haben.

Auch Gewerkschaften warnen vor den verlockenden Heimarbeitsangeboten. Sie befürchten eine Finte der Unternehmen, um unliebsame Kollegen loszuwerden. „Der Trend zu flexiblem Arbeiten wird nicht aufzuhalten sein“, fürchtet Bert Stach, bei Verdi für IT-Unternehmen zuständig. Generell habe er auch keine Probleme mit dem Homeoffice, solange die Rahmenbedingungen in ordentlichen Vereinbarungen geregelt seien und der Arbeitgeber Verantwortung für den Heimarbeitsplatz trage, sagt der Gewerkschafter. Aber: Sollte die Abkopplung von festen Schreibtischen im Büro dazu führen, dass Unternehmen die Arbeit tatsächlich im großen Stil an Freie auslagern, hätten die Gewerkschaften kaum mehr direkte Möglichkeiten, Arbeitszeiten, Gehälter, soziale Absicherungen, Weiterbildung, Datenschutz oder Kontrollmechanismen mitzubestimmen. Und deshalb fordert Stach: „Die Diskussion muss in Politik und Gesellschaft geführt werden.“

Schöne, neue Arbeitswelt

Noch steht sie am Anfang, die schöne neue Arbeitswelt – und auch die Diskussion darüber. Vermutlich aber dürfte es nicht mehr lange dauern, bis Stellenausschreibungen wie die des IT-Unternehmens Uberspace normal sind. Im vergangenen Jahr suchte die Firma online nach neuen Mitarbeitern, und zwar mit folgendem Text: „Bei uns laufen manche Dinge etwas anders – darüber solltest du dir im Klaren sein. Wir verfolgen die strikte Strategie, dass die Arbeit sich deinen Lebensumständen anzupassen hat und nicht umgekehrt.“ Für alle, die gerne bis nachmittags schlafen, im Herbst nur schwer auf Touren kommen oder gerade bis über beide Ohren verliebt sind, zeigt das Unternehmen vollstes Verständnis. „Es gibt weder feste Arbeitszeiten noch ein festes Arbeitspensum. Letzteres heißt im Klartext auch: Urlaub, so viel du brauchst.“

Klingt vielversprechend. Aber Uberspace-Chef Jonas Pasche schränkte in der Anzeige gleich ein: „Bevor du nun ‚Yeah! Dann mach ich immer Urlaub und krieg dafür noch Gehalt!‘ jubelst: So einfach ist die Sache nicht. Letztlich bedeutet große Freiheit auch große Verantwortung, deinen eigenen Tag zu gestalten, denn es gibt eben niemanden, der dir um 17 Uhr auf die Schulter klopft und dich zum Absitzen deiner Stunden beglückwünscht.“

Die Resonanz auf die Anzeige war trotzdem enorm. Binnen Stunden hatte Pasche 50 Bewerbungen auf dem Tisch.

Der Text "Außendienst" erschien zuerst in der Capital-Ausgabe 10/2014


Artikel zum Thema

LESERKOMMENTARE

 

Kommentare Einblenden

Datenschutz

Die Kommentarfunktion "Disqus" wird von der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Moderation

Die Kommentare werden von Capital moderiert. Das heißt, Kommentare werden von der Redaktion freigeschaltet. Kritik und auch in der Sache harte Diskussionen sind willkommen, Beleidigungen werden wir dagegen nicht zulassen. Näheres hierzu finden Sie in unserer Netiquette.