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Aufstieg und Fall der Citigroup

, Capital-Redaktion

Die Wirtschaft ist voller Skandale, Kämpfe und Meilensteine. Capital erinnert an die besten. Diesmal: der Superfinanz-Supermarkt

Citigroup © Illustration: Jindrich Novotny / Foto: Getty Images

Es gibt wohl nicht viele Menschen, die von sich sagen können, sie hätten im Leben alles richtig gemacht – und gleichzeitig: alles falsch. Sanford Weill aber, meist nur Sandy genannt, kann das von sich behaupten. Sein Name steht für eine der spektakulärsten Karrieren in der Geschichte der Wall Street – und für die Maßlosigkeit, die die Branche in ihre größte Krise stürzte. Klar, dass das am 7. April 1998 nur wenige ahnten.

An jenem Tag verkündete Weills Unternehmen, die Travelers Group, sich mit Citicorp zur Citigroup zusammenschließen zu wollen. So etwas hatte man noch nicht gesehen: einer der größten Versicherer und die größte Bank des Landes, gemeinsame Bilanz fast 700 Mrd. Dollar, 100 Millionen Kunden in 100 Ländern. Und das ungeachtet eines Gesetzes, das den Zusammenschluss von Banken und Versicherungen klar untersagte: des Glass-Steagall Act, bekannt als Trennbankengesetz.

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Doch das scherte Weill nicht: Er wollte einen globalen Supermarkt für Finanzprodukte schaffen, der vom Girokonto über die Hausratversicherung bis zur Fusionsberatung alles anbieten sollte. Eine Milliarde Kunden bis 2008 versprach er.

Um den Deal bei Kartellbehörden und Politikern durchzusetzen, verpflichtete er Ex-Präsident Gerald Ford (Republikaner) und den früheren US-Finanzminister Robert Rubin (Demokrat). Sie sorgten dafür, dass der Glass-Steagall Act, bis dahin von der Branche erfolglos bekämpft, endlich gekippt wurde. Die Fusion wurde schon vorher genehmigt, am 8. Oktober 1998 war Weill am Ziel: Im Alter von 65 Jahren, wenn andere an Rente denken, wurde der einstige Bote der Investmentbank Bear Stearns der mächtigste Banker der Welt. Jahresgehalt: 240 Mio. Dollar.

Natürlich gab es nie eine Milliarde Kunden. Stattdessen bekam der Supermarkt bald Probleme. Doch Weill hatte die Richtung vorgegeben: Nach Travelers/Citicorp kündigten auch andere Großbanken Fusionen an. Bank of America schloss sich mit der Nations Bank zusammen, Bank One mit der First Chicago und so weiter. Nur wenige warnten damals, all diese Megabanken könnten zu einer Gefahr werden, weil jede Bank für sich zu groß und wichtig sein würde, um sie pleitegehen zu lassen.

Zehn Jahre sollte es dauern, bis sich diese Warnungen als sehr berechtigt herausstellten. Allein für die Citigroup musste die US-Regierung in der Finanzkrise 45 Mrd. Dollar an direkten Staatshilfen und 300 Mrd. Dollar an Garantien aufbringen.

Hauptperson

Sanford Weill kam 1933 in New York als Sohn polnischer Juden zur Welt. Seine Karriere an der Wall Street startete er 1955 als Bote der Investmentbank Bear Stearns, 1956 wurde er Händler. In den 60er- und 70er-Jahren baute er ein eigenes Investmenthaus auf, das er 1981 an American Express verkaufte. Mit dessen Chef überwarf sich Weill aber bald darauf, 1986 landete er – milliardenschwer – auf der Straße. Erst 1992 kam er zurück, als er den Versicherer Travelers kaufte und sanierte.

 

Western von Gestern erscheint jeden Monat in Capital. Weitere Folgen: Der Crash der MetallgesellschaftDer Untergang der Siemens-HandysFalke demütigt Kunert, Ampere gegen Eon, Mein Rolls, Dein Royce, Boeings Wahnsinnsvogel 747, Der Nixdorf-Absturz und Übernahmekampf zwischen Pirelli und Continental

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