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Hier sehen Sie das Problem von China

, Finn Mayer-Kuckuk

Chinas Regierung hat der extremen Luftverschmutzung den Kampf angesagt. Doch die Energiewende kostet das Land Wirtschaftswachstum, das es dringend braucht. Ein gewagtes Unterfangen

Nur langsam entwickelt sich in China die Weitsicht © Getty Images
Nur langsam entwickelt sich in China die Weitsicht

Li Lin wollte zu denen gehören, die im feuerroten Ferrari durch die Stadt brausen. So wie viele seiner Bekannten, die als Bauern auf den Feldern geschuftet hatten und dann eines Tages im Sportwagen über die sandigen Pisten rund um die Bergbaustadt Shenmu holperten. Mit ein paar Partnern nahm Li Lin einen Millionenkredit auf und kaufte 20 Lastwagen. Als selbstständiger Fuhrunternehmer transportierte er seitdem Kohle von den Gruben zu den Kraftwerken. Damals, vor vier Jahren, ließ sich Kohle praktisch direkt in das Gold umwandeln, das Chinas Reiche so lieben. Der Energiehunger des Riesenreiches hatte auch Shenmu, einem Kreis mit 370 000 Einwohnern in der zentralen Provinz Shaanxi, einen gewaltigen Aufschwung beschert. Oft stauten sich die Kohlelaster über Kilometer in der kargen Landschaft.

Vorbei. Li hat seinen Schreibtisch in die Ecke einer der Baracken geschoben, die er für seine Fernfahrer gebaut hatte. Aus der Traum vom Penthouse-Büro in einem der modernen Hochhäuser der Stadt. Li trägt Sonnenbrille, obwohl es im Raum halbdunkel ist. Nur eine schwarze Katze leistet ihm Gesellschaft. Den Tag verbringt er mit der Pflege seiner Topfpflanzen. Demnächst wird er Insolvenz anmelden.

Mit eiserner Faust

„Keiner hatte mit so einem Absturz gerechnet, keiner“, sagt der 50-Jährige. Doch wie ihm ist es vielen Unternehmern in der Region ergangen. Denn die Regierung in Peking hat einen gewaltigen Umbruch eingeleitet: weg von der Kohleabhängigkeit und den veralteten Schwerindustrien. Die Zeit des Wirtschaftswachstums um jeden Preis sei vorbei, hat Premier Li Keqiang vor zwei Jahren erklärt und angekündigt: „Wir müssen die Luftverschmutzung mit eiserner Faust bekämpfen.“

Tatsächlich hat die Umweltbelastung in China ein Ausmaß erreicht, das die Behörden zum Umdenken zwingt. Der Smog gefährdet nicht nur die Gesundheit, er belastet auch die Wirtschaft. Firmen in Peking berichten, dass internationale Fachkräfte abgeschreckt würden. Überall im Land flammen Proteste auf. Der Dokumentarfilm „Unter der Glocke“ der ehemaligen Fernsehmoderatorin Chai Jing wurde sofort zum Internetrenner – bis ihn die Zensur nach kurzer Zeit blockierte.

So autoritär, wie sie Proteste unterdrückt, setzt die Führung auch ihren Plan zur Energiewende um. Die anfängliche Hoffnung des Fuhrunternehmers Li, „dass Kohle weiter gebraucht wird und unsere Story weitergeht“, erwies sich als Illusion.

Verlierer sind die einstigen Boom-Regionen

China steuert um. Im vergangenen Jahr allein sind 23 Gigawatt an potenzieller Windleistung ans Netz gegangen. Damit können die Windräder an guten Tagen mehr Strom erzeugen als alle Atomkraftwerke der USA zusammen. In diesem Jahr sollen Solarzellen mit einer Leistung von 18,4 Gigawatt dazukommen. Wenn die Sonne scheint, produzieren sie theoretisch so viel Strom wie zwei Dutzend konventionelle Kraftwerke. Der Ausbau der Erneuerbaren wird flankiert von der Steigerung der Energieeffizienz. Vor Kurzem hat der Premier angekündigt, den Energieeinsatz pro Einheit Wirtschaftsleistung um drei Prozent senken zu wollen.

Opfer der Energiewende sind die einstigen Boom-Regionen, die von der Kohle und Schwerindustrie lebten. Gleich im ersten Jahr seiner Amtszeit hat der Premier in Pekings Nachbarprovinz Hebei 8 500 schmutzige Stahlhütten, Chemiebetriebe und Kraftwerke schließen lassen.

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Li Lin hat sich vom Bergarbeiter zum Kohleunternehmer hochgearbeitet. Jetzt steht er vor der Pleite © Benedikt Partenheimer
Li Lin hat sich vom Bergarbeiter zum Kohleunternehmer hochgearbeitet. Jetzt steht er vor der Pleite

Als Li Lin sein Business gründete, kostete die Tonne Kohle 500 bis 1 000 Yuan (140 Euro). Der Preis ist auf 190 Yuan gefallen. Von den 36 größten Kohleproduzenten machen 20 Verluste. In Shenmu ist das Wirtschaftswachstum 2013 offiziell auf ein Prozent abgesackt – für chinesische Verhältnisse ein unerhört nie­driger Wert, zumal die Statistik meist geschönt ist. Zuerst schlossen ineffiziente kleine Kohlegruppen, dann folgte eine Fusionswelle. Acht von zehn Firmen sind nach Schätzungen in Shaanxi verschwunden.

„Die Region ist von der Kohle abhängig“, sagt Cao Hanwu, Ökonom an der Parteischule der Kommunistischen Partei in Yulin. „Wir stehen vor einer örtlichen Krise.“ 

Li Xiaolin weiß genau, wovon der Wissenschaftler spricht. „Die Zeit der Protzautos ist hier vorbei“, sagt er. Der Mittfünfziger war wie Li Lin in das lukrative Geschäft mit dem Kohletransport eingestiegen. Heute fährt er Taxi, auch wenn er klagt: „Die Leute nehmen heute kein Taxi mehr.“ Sein Leidensgenosse Bai versucht gar nicht erst, einen neuen Job zu finden. Der 40-Jährige hängt im Teehaus ab oder sinnt während langer Spaziergänge den Zeiten nach, als er auf bestem Weg war, reich zu werden. „Glücklicherweise haben wir uns nicht für einen Sportwagen verschuldet“, sagt Bai. „Wir backen einfach heute kleinere Brötchen.“ In seiner Familie gebe es nur noch selten Fleisch. „Gemüse ist billiger.“

Neubauten modern vor sich hin

Am Rande der Stadt verrottet ein fertiges, aber nie bezogenes Einkaufszentrum. Die Hochhäuser daneben sollten wohl so etwas wie ein Finanzviertel werden. Doch nur eines hat eine Glasfassade erhalten. Löcher prangen dort, wo die Scheiben schon abgefallen sind. Als Bauruinen modern die Gebäude vor sich hin.

Es sind die Überbleibsel eines Immobilienbooms, den die fetten Kohlejahre der Stadt beschert hatten. Plötzlich war das Land der Bauern Millionen wert. Rund um Shenmu wuchsen Wohnprojekte aus dem gelben Sand der Lösslandschaft. So wie die „Neue Glücksstadt“: Triumphbögen, mannshohe Löwenstatuen, Fontänen, vergoldete Statuen antiker Krieger und im Zentrum ein Swimmingpool mit intensiv blauen Kacheln. Die neureichen Bewohner spuckten zwar weiterhin ihren Speichel auf ihre (Marmor-)Böden, spülten nun aber mit altem Cognac nach. Heute fallen die Fassadenplatten ab, den Poolboden bedeckt Kohlestaub. Ein knurrender Hund streicht durch das Dickicht, das zwischen den Gebäuden hervorgewuchert ist. 

Leben unter einer gelben Smog-Glocke

Im Rückblick räumt selbst Li Lin ein, dass die Wende unvermeidlich war. Er hat die Folgen des Kohlebooms am eigenen Leib erlebt. Auf der Innenseite seiner Lunge hat sich Kohlestaub abgesetzt und ist mit dem Gewebe verschmolzen. Die Krankheit heißt Anthrakose. Als einfacher Bergarbeiter hatte er 1983 unter Tage angefangen. Nicht nur bei der Arbeit, selbst über Tage hat er jahrzehntelang den Smog geatmet, der hier im Revier als Luft durchgeht. Trotz
des Minensterbens liegt über Shenmu auch heute fast ständig eine gelbe Smog-Glocke.

Die Medikamente, die Li vom Krankenhaus bekommt, hat er vor einigen Monaten eigenmächtig abgesetzt – „die haben bei mir nur den Hustenreiz verstärkt“. Er behandelt sich nun selbst mit traditioneller chinesischer Medizin, darunter einem Ginsengaufguss, den er sich selbst in seiner Büroecke zubereitet. Der Regierung macht er keinen Vorwurf. „Die Wirtschaft musste weg von der Kohle, das ist eigentlich ganz klar.“

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Einige Schornsteine des Kohlekraftwerks Yushe qualmen noch. Viele Anlagen wurden aber schon geschlossen © Benedikt Partenheimer
Einige Schornsteine des Kohlekraftwerks Yushe qualmen noch. Viele Anlagen wurden aber schon geschlossen

Doch der Umbau des Wirtschaftsmodells ist für China ein gewagtes Experiment. Denn das hohe Wachstum der Vergangenheit verdankt das Land vor allem Investitionen – und zwar auch in schmutzige Energieträger und die Schwerindustrie. Die Bergbaufirmen eröffneten eine Mine nach der anderen, mit jedem Mal fielen die Kohlebergwerke und Hochöfen gigantischer aus. Auch in entlegenen Gegenden wurde in großem Stil gebaut: Wohnungen und Büros. In jeder Runde wurden die Projekte prächtiger. Und so erbte Premier Li Keqiang von seinem Vorgänger zwar eine Hochkonjunktur: aber eine, die die Umwelt an die Grenzen ihrer Belastbarkeit geführt hat.

Li Keqiang steht nun in der Pflicht, die versprochenen Erfolge im Kampf gegen die Verschmutzung zu liefern. Es sind die Städter, die politisch ausschlaggebend sind – und in der wachsenden Mittelschicht ist die Forderung nach besseren Lebensbedingungen unüberhörbar. Angesichts von Feinstaubwerten, die jeden Grenzwert sprengen, sorgen sich viele um die Gesundheit der Kinder.

Dank der Maßnahmen hat sich die Luftqualität in den Großstädten tatsächlich etwas verbessert. Im vergangenen Jahr sind die Emissionen zum ersten Mal in Jahrzehnten gesunken. Dafür hat die Politik in Kauf genommen, dass die alten Strukturen zusammenbrechen – ohne den Übergang mit Subventionen abzufedern. Eine Schocktherapie.

Kohlekrise bremst Konjunktur

Die Hoffnung, dass rasch anderswo neue Jobs entstehen, auf die Beschäftigte der alten Industrien ausweichen können, hat sich bisher nicht erfüllt. Verlässliche Zahlen zur Arbeitslosigkeit gibt es nicht. Aber so wie Li Lin, der alle seine 20 fest angestellten Fahrer entlassen hat, haben viele Firmen reagiert.

Brisant wird es für Peking, weil die Kohlekrise die ohnehin verlangsamte Konjunktur zusätzlich bremst. „Die Situation in den Kohleregionen hat auch Auswirkungen auf die makroökonomische Situation“, sagt Xu Hongcai vom China Center for International Economic Exchanges. Im Klartext: Der Wandel in den Kohleprovinzen kostet Wachstumspunkte.

Ein kräftiger Anstieg des Konsums in den Städten mildert den Effekt. Doch der Anstieg des Bruttoinlandprodukts ist so niedrig wie seit vielen Jahren nicht. Im ersten Quartal 2015 ist die Wirtschaft nur um sieben Prozent gewachsen, deutlich unter dem Durchschnitt der vergangenen Jahrzehnte von zehn Prozent. Das Schwellenland aber braucht hohe Wachstumsraten, um genügend Jobs für seine Bevölkerung zu schaffen und die sozialen Bedingungen zu verbessern.

Zehn Millionen neue Jobs

Ökonomen befürchten, dass die in der Einöde um Shenmu versandeten Milliardeninvestitionen an anderer Stelle fehlen. Die Indu­s­trial and Commercial Bank of China (ICBC) warnt im aktuellen Jahresbericht ausdrücklich vor Risiken „infolge des Rückgangs der Kohlepreise und der Fähigkeit der damit verbundenen Branchen, ihre Kredite zu bedienen“. Laut der Bank of ­China hat sich das Volumen fauler Kredite in den Bergbauregionen West- und Zentralchinas binnen Jahresfrist verdoppelt. Das ist Gift für die Wirtschaft. Denn die Banken müssen höhere Vorsorge für Risiken treffen und kürzen ihre Kreditvergabe.

Shaanxis Politiker prüfen, was sich von den Resten des Investmentbooms noch retten lässt. Die Kohleförderung hat sich bereits auf große, überwiegend staatliche Förderer konzentriert. Schwerer wird es, die Folgen der Investitionsblase zu verarbeiten. „Es wird Zeit brauchen, die Bauprojekte zu absorbieren“, sagt Ökonom Cao. Aber es gebe bereits Konzepte, um mit der Situation umzugehen: „Die Regierung könnte die Initiative ergreifen und die leer stehenden Apartmentblöcke in Sozialwohnungen umwandeln.“

Seit sich die alarmierenden Konjunkturmeldungen häufen, entfaltet Peking tatsächlich Aktionismus. Premier Li hat das Ziel gesetzt, in diesem Jahr in den Städten zehn Millionen neue Jobs zu schaffen, vor allem im Dienstleistungssektor. Es gibt eine Sonderförderung für Gründer, die ihr eigenes Geschäft eröffnen wollen. Die Geldpolitik wurde gelockert, damit die Banken mehr Kredite vergeben. Und die Regierung investiert in Infrastrukturprojekte.

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Die Siedlungen für Kohlekumpel in Shenmu stehen heute weitgehend leer © Benedikt Partenheimer
Die Siedlungen für Kohlekumpel in Shenmu stehen heute weitgehend leer

Auch in Shenmu: Rund um die Stadt werden Brücken und Bahnlinien gebaut – anders als in den Pleiteprojekten werkeln hier tatsächlich Bauarbeiter. Schon heute verfügt China über 16 000 Kilometer Schienen für Hochgeschwindigkeitszüge, die Hälfte des weltweiten Netzes. Im Auftrag der Regierung baut die staatliche Eisenbahngesellschaft rasch weiter aus – auch in abgelegene Regionen. Rentabilität ungewiss.

Die Führung will eines unbedingt vermeiden: Landflucht. Um Peking und Shanghai sollen sich keine Slums bilden, auch wenn in Kohle- und Stahlprovinzen wie Shaanxi, Shanxi oder Hebei die alten Strukturen zerfallen. Die Leute sollen zwar zu Städtern werden – aber in den Oberzen­tren ihrer Heimatregion, nicht in den überbevölkerten Landstrichen an der Pazifikküste. Der Apple-Auftragshersteller Foxconn beispielsweise investiert auf staatlichen Druck hin verstärkt in abgelegenen Provinzen.

Chinesisches Fondue statt gewaltiger Trucks

Der rapide Abschwung gefährdet diese Regionalisierungsstrategie. Li Lins 23-jähriger Sohn beispielsweise weiß nicht, ob er in seiner Heimat noch eine Perspektive hat. Der junge Mann, eine deutlich schmalere Version seine Vaters, hängt wie seine Altersgenossen in den Städten pausenlos am Smartphone. Mit seinen feinen Gesichtszügen scheint er in eine der Metropolen ohnehin besser zu passen als hier ins Kohlerevier.

Sein Vater dagegen tut das, was die Regierung von ihm erwartet. Er versucht sich nun im Dienstleistungssektor. Seine Frau und der Sohn haben letztes Jahr ein Restaurant aufgemacht, um sich trotz des finanziellen Desasters des Vaters über Wasser zu halten. Nun will Li Lin einsteigen. Er hat Bankschulden, für die er 600 Yuan Zinsen per Arbeitstag aufbringen muss.

Statt gewaltige Trucks mit 55 Tonnen Kohle auf die Reise zu schicken, will Li Lin künftig mit einem Lächeln chinesisches Fondue servieren, „Unser Hotpot ist der beste weit und breit“, übt er sich im Marketing seiner neuen Branche. Sein Sohn teilt diesen Enthusiasmus nicht: „Im Abschwung gehen die Leute auch immer seltener essen.“

Die Reportage ist unter dem Titel „Hier sehen Sie das Problem von China" zuerst in Capital 06/2015 erschienen.


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