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  • Reportage

Argentinien bricht auf

, Jan-Christoph Wiechmann

Argentinien ist heruntergewirtschaftet. Der neue Präsident Mauricio Macri muss eine ganze Wirtschaft vom Kopf auf die Füße stellen.

Mauricio Macri
Mauricio Macri, 57, wurde im Dezember 2015 als argentinischer Staatspräsident vereidigt. Der ehemalige Bürgermeister von Buenos Aires ist der erste Präsident seit 2003, der nicht Kirchner heißt. Foto: Getty Images

Wenn man es genau nimmt, ist der unscheinbare Bau in der Avenida Julio Roca in Buenos Aires so etwas wie die wichtigste Adresse Argentiniens. Es handelt sich weder um den Präsidentenpalast, wo der Unternehmer Mauricio Macri seit gut 100 Tagen regiert, noch um das Finanzministerium, wo derzeit an Argentiniens Wiederanschluss an die Weltmärkte gebastelt wird. Indec steht groß an dem Gebäude – Statistikamt.

Indec gibt die wichtigste Zahl des Landes bekannt – die Inflationsrate. Sie beträgt in Argentinien schon mal 33 Prozent – wie jetzt im Februar – oder auch mal 20.262 Prozent – wie im März 1990. An ihr orientieren sich die Etats der Unternehmen, die Verhandlungen der mächtigen Gewerkschaften, der Einkauf der Familien. „Unser ganzes Leben“, sagt Graciela Bevacqua. „Die Inflation hat sich in die argentinische Seele gebrannt.“

Bevacqua steht in ehrfürchtiger Distanz vor dem unscheinbaren Bau, eine 56-jährige Mathematikerin, die in Argentinien eine Märtyrerin geworden ist. Manche sehen in ihr eine moderne Jeanne d’Arc, andere eher einen Störenfried. Sie selber sieht sich als Gradmesser für den Zustand des Landes: für die Manipulationen unter Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner einerseits – und für das Reformfieber unter ihrem Nachfolger Mauricio Macri andererseits.

Vor neun Jahren war sie eine einfache Leiterin in der Abteilung Konsumentenpreise, mit 23 Jahren Erfahrung im Job. Dann tat sie, was Statistiker gemeinhin tun: Sie gab die neu berechnete Preissteigerungsrate an ihren Chef weiter, damals 2,1 Prozent im Monat, der höchste Wert seit vier Jahren. Als Antwort erhielt sie: Sie solle die Bewertung Richtung null drücken, alles andere sei unpatriotisch. Die Null sollte Cristina Kirchner zum Wahlsieg verhelfen.

Graciela Bevacqua © Irina Werning
Graciela Bevacqua weigerte sich unter Cristina Kirchner im Statistikamt die Inflationsrate zu frisieren. Sie wurde abserviert. Mauricio Macri holte sie zurück, mittlerweile hat sie die Behörde aber wieder verlassen

Bevacqua beugte sich nicht. Sie wurde versetzt, ihr Gehalt um 70 Prozent gekürzt. Wie andere unbeugsame Kollegen wurde sie durch kirchnertreue Statistiker ersetzt, die Fantasiedaten berechneten. Bevacqua veröffentlichte daraufhin ihre eigenen Daten, die den stärksten Preisanstieg in vier Jahren belegten, und wurde nun zum „Opfer systematischer Repression“, wie sie sagt: „Jobangebote wurden zurückgezogen, Freunde hielten sich fern, ich kam auf eine schwarze Liste.“ Der Innenminister verklagte die alleinerziehende Mutter dreier Kinder 2009 auf 250.000 Dollar, weil sie Konsumenten betrogen haben soll.

„Es waren schlimme Jahre“, sagt sie. „Ich war eine Persona non grata. Ich fühlte mich wie Don Quijote im Kampf gegen die Windmühlen.“

Kirchner traut man Mord zu

Inflationsrate Argentinien
Quellen: Weltbank; Statista; Bevacqua

Die Strafaktion war kennzeichnend für die acht Jahre unter der linkspopulistischen Präsidentin Kirchner. In Jahren, in denen Bevacqua und andere angesehene Statistiker 25 Prozent Inflation errechneten, kamen Kirchners Leute auf zehn. Und so wie Kirchner hemmungslos Wirtschaftszahlen frisierte, so beschnitt sie auch die Macht unliebsamer Medien und schrieb Unternehmen vor, welche Preise sie in Supermärkten zu nehmen haben. Sie verweigerte Firmen bestimmte Importe – und den eigenen Bauern die Exporte. Selbst einen Mord traute man ihren Leuten zu – ein gegen sie ermittelnder Staatsanwalt wurde im vergangenen Jahr tot aufgefunden.

Als nun vor vier Monaten der ehemalige Bauunternehmer Mauricio Macri vom Parteienbündnis Cambiemos („Lasst uns ändern“) mit knapper Mehrheit ins Amt gewählt wurde, stellte er Bevacqua wieder ein. Sie wurde die Nummer zwei bei Indec und zeitweise das Symbol für eine neue Sehnsucht nach Wahrheit. „Die Behörde lag am Boden“, sagt sie, „Experten waren durch Ideologen ersetzt worden, wir mussten bei null anfangen. Macri wollte einen neuen Preisindex in 60 Tagen, aber das war unmöglich zu schaffen.“

Sie schildert so etwas wie Argentiniens derzeitige Grundkonstellation: Cristina Kirchner hat gefälscht, Macri peitscht voran. Sie suchte die Konfrontation, er das Tempo.

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In den ersten vier Monaten legte der eher zurückhaltende Präsident ungeheures Tempo vor. Er muss zwölf Jahre populistische, oft sprunghafte Politik korrigieren und die Wirtschaft wieder in Gang bringen. Er hob die Devisenkontrollen auf und ließ Argentinier wieder Dollar kaufen. Er senkte die Einkommensteuer und die meisten Ausfuhrsteuern für die Landwirtschaft und kündigte 500 Mio. Dollar Investitionen für die Ölförderung an. Die USA, für seine Vorgängerin noch der „böse Imperialist“, machte er wieder zum Partner. Mit IWF und Weltbank, bisher als „kapitalistische Geier“ verschrien, sucht er Deals. Nur bei den aktuellen Korruptionsvorwürfen gegen Kirchner hält sich Macri zurück. Er will keine Grabenkämpfe.

„Macri trägt eine enorme Verantwortung“, sagt der Statistikprofessor Pablo Werning. „Er ist Vorreiter für ganz Lateinamerika nach mehr als zehn Jahren linkspopulistischer Regierungen.“ Auf diesem Kontinent, der immer zwischen Neoliberalismus und Linkspopulismus pendelte und seine Mitte nie fand.

Pablo Werning © Irina Werning
Pablo Werning ist Professor für Statistik und lehrt an vier argentinischen Universitäten. In dem gespaltenen Land gilt er als Institution, die sich auf keine Seite schlägt.

Werning ist eine Institution in Argentinien. Objektive Wissenschaftler, Reporter und Richter sind selten geworden in diesem polarisierten Land, in dem sich jede Regierung, links wie rechts, der Manipulation bedient hat. Bei Macri erkennt der deutschstämmige Ökonom zum ersten Mal so etwas wie ein Streben nach Objektivität und Wahrheit.

Umso schlimmer war der Imageschaden, als Macri nun in den Panama Papers auftauchte, den geleakten Unterlagen zu Briefkastenfirmen in Panama. Zwar wird er nur als Direktor einer Offshore-Firma seines Vaters genannt, der Fleg Trading Ltd., die angeblich in die Ölförderung Brasiliens investieren wollte – aber Fragen bleiben. Warum benutzte er dafür eine Briefkastenfirma? Warum verteidigte die von ihm eingesetzte Korruptionsbeauftragte ihn reflexartig, ohne die Vorwürfe zu prüfen? Warum tauchte nichts davon in seinen Steuererklärungen auf? Die Staatsanwaltschaft will ermitteln. Werning glaubt allerdings nicht, dass Macri schwerwiegend beschädigt ist: „Die Firmen waren auf seinen Vater registriert, und Macri selber war nicht aktiv. Er besaß keine Aktien und managte die Firmen nicht.“

Macri stammt zwar aus einer der reichsten Familien des Landes, aber im Gegensatz zu vielen anderen Politikern Argentiniens präsentierte er sich nie als Lebemann, sondern bevorzugte das Understatement. „Manche sagen, er sei dröge, aber er ist einfach pragmatisch“, sagt Werning. Ein Manager, der lauter nichtideologische junge Profis zwischen 30 und 50 an sich bindet. Sie haben alle eine Gemeinsamkeit: „Sie sind zweisprachig, haben Auslandserfahrung und sind Keynesianer.“ Sein Kabinett hat Macri mit Leuten aus der Wirtschaft besetzt statt aus dem Ideologielabor der Parteien. Der Finanzminister kam von JP Morgan, der Energieminister war CEO von Shell.

Auch Wernings Sohn Vladimir gehört zum Kreis, auch er kam von JP Morgan. Dort gab er einen Job als Chefanalyst auf, zog mit drei Kindern von New York nach Buenos Aires und verdient jetzt als Staatssekretär im Wirtschaftsministerium ein Dreißigstel seines Wall-Street-Gehalts. Er sieht es als Akt des Patriotismus – und als Herausforderung. Er soll mit Reformen Argentinien Schritt für Schritt aus der Isolation führen, ohne soziale Unruhen zu riskieren. „Eine Herkulesaufgabe“, findet er.

Politik auf Geldscheinen

Staatssekretär Werning strebt einen Mittelweg an, den Gradualismo. Er könnte auch gar nicht so radikal vorgehen, wie er wollte. „Macri hat die Wahl nur hauchdünn gewonnen. Und in Argentinien sind alle radikalen Ansätze von links wie rechts krachend gescheitert“, sagt er. Er nennt einige Beispiele für den Gradualismo: 14 Jahre nach der Staatspleite gelang Macri die Einigung mit den US-Hedgefonds, um Argentinien wieder den Weg an die Kapitalmärkte zu ebnen – am Sozialstaat aber rüttelt Macri nicht. Er senkt die Einkommensteuer ­– gibt aber die Subventionen für Wasser und Gas nicht komplett auf. Macris Maxime lautet: Wir dürfen der Opposition keinen Grund geben, ideologische Grabenkämpfe weiterzuführen und das Land mit Streiks stillzulegen.

Wirtschaftswachstum Argentinien
Weltbank; Statista

Werning hat noch ein kleines Beispiel parat: Kirchner hat das Konterfei des legendären Präsidenten Julio Roca von allen 100-Peso-Noten gebannt und durch Eva Perón ersetzt. Macri will sich aus solchen Kämpfen heraushalten. Er lässt jetzt Tiere draufdrucken – und vor allem dringend benötigte 500-Peso-Scheine herstellen. Kirchner hatte das stets abgelehnt, weil es ein Eingeständnis der hohen Inflation gewesen wäre.

Das große Problem, unterstreicht der Staatssekretär, ist eben diese Inflation. Auch die soll nun der Gradualismo bändigen. Beträgt sie in diesem Jahr mehr als 30 Prozent, soll sie über vier Jahre schrittweise auf fünf Prozent reduziert werden, genau wie die hohe Verschuldung. Dafür wiederum braucht Argentinien dringend frisches Kapital. Nach der Einigung mit den Hedgefonds stehen Investoren Schlange, die sich begierig auf eine Rendite von 7,5 Prozent stürzen. Den Kick für den Neustart soll die Landwirtschaft bringen.

Argentiniens ganzes Dilemma offenbart eine Fahrt übers Land: Sie führt nicht mehr wie einst durch saftige, von riesigen Rinderherden besiedelte Pampa, sondern durch endlose Sojafelder – eine unter Kirchner geschaffene Monokultur. Weil Soja dem Staat die höchsten Einnahmen brachte, besteuerte sie Mais und Weizen für den Export so sehr, dass sich der Anbau nicht mehr lohnte. Fleischexport wurde beschränkt, damit genug fürs eigene Volk blieb.

Es ist wie eine Fahrt durch die 80er-Jahre, über schlechte Straßen, entlang eines veralteten Streckennetzes der Bahn. Am Rand stehen schwer beladene Lkw, niedergerungen von tiefen Schlaglöchern. Viele Teile Perus und Kolumbiens wirken längst moderner als das einst so stolze Argentinien. „Da flossen die Investorengelder der letzten Jahre hin, nur nicht nach Argentinien“, sagt Horacio Busanello.

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Horacio Busanello © Irina Werning
Horacio Busanello, Chef des Agrarunternehmens Los Grobo. Man nennt ihn den Sojakönig Argentiniens – ihm selbst wäre „Bill Gates der Landwirtschaft“ lieber.

Busanello, Chef des Agrarunternehmens Los Grobo, ist der Sojakönig Argentiniens. Er selbst mag den Begriff nicht besonders, er fände Bill Gates der Landwirtschaft besser. Der Agrarmanager versucht, die Effizienz der Landwirtschaft ständig zu verbessern – durch den Einsatz genetisch modifizierter Saaten, Hightech, neue Herbizide und Fungizide. Nicht gerade unumstritten, wendet man ein, worauf Busanello sofort kontert: „Das seht ihr in Deutschland so. Wir haben eine andere Kultur. Hier müssen Familien ernährt werden. Die Landwirtschaft hat uns gerettet, obwohl auch die am Abgrund stand.“

Unter der Regierung Kirchner hat Los Grobo seine Produktion wie viele Agrarunternehmen fast eingestellt. Die Anbaufläche reduzierte Los Grobo von 120.000 auf 30.000 Hektar. „Keiner wollte mehr etwas produzieren, bis auf Soja. Die Ausfuhrsteuern waren einfach zu hoch.“ Auch die Rinderhaltung ist in Argentinien stark zurückgegangen, es gibt heute zehn Millionen Tiere weniger als noch vor acht Jahren. „Wir waren mal die Nummer eins weltweit, jetzt sind wir Nummer sieben oder acht.“ Wenn Argentinien noch einen guten Ruf hatte, dann für sein Fleisch, doch auch der ist dahin.

China ist hungrig

Los Grobo hat seinen Sitz in der Pampa, doch wegen der häufigen Gespräche mit der neuen Regierung unterhält Busanello auch ein Büro in der Hauptstadt, direkt am Rio de la Plata. „Schau dir das an“, sagt er und blickt spöttisch hinaus auf alte Hafenanlagen, eine „antiquierte Infrastruktur in einem Land, das mal zu den Top Ten gehörte. Wir brauchen dringend Investitionen, 30 bis 50 Mrd. Dollar. Wenn ich in China bin, fragen die mich entgeistert: ,Was habt ihr aus eurem reichen Land gemacht?‘“

Nachdem Macri die Steuern für Mais und Weizen abgeschafft und die für Soja reduziert hat, steigt die Produktion im Land wieder, allein im März um 104 Prozent. Binnen drei Jahren will Los Grobo seine Produktion um 50 Prozent steigern, auf 150 Millionen Tonnen. „Chinas Mittelklasse wird weiter hungrig sein“, sagt er. „Das ist unsere große Chance.“

Die Peronisten rüsten derweil zum Gegenschlag. Es ist Mittwochabend, vor dem Capitol versammeln sich Tausende zum Protest gegen die Reformpolitik. Auf ihren Transparenten stehen Parolen wie: „Keine Einigung mit den Geiern.“ Cristina Kirchner wird auf T-Shirts gemeinsam mit ihren Helden abgebildet: Hugo Chávez, Fidel Castro und Eva Perón. Die Demonstranten fordern jetzt vehement Macris Rücktritt wegen des Direktorenpostens bei der Offshore-Firma, allerdings sind auch Peronisten wie Kirchners Privatsekretär Daniel Muñoz auf der Liste der Panama Papers aufgetaucht.

Spricht man länger mit den Demonstranten, offenbart sich ein merkwürdiger Hang zum Isolationismus. Sie schimpfen auf Free Trade, auf Deals mit der EU oder den USA, sie verteidigen stattdessen Kirchners Vorliebe für Kuba und den Iran. Sie erinnern ein wenig an die AfD und Donald Trump, die in einer globalisierten Welt ihr Heil ebenso in Nationalismus und Protektionismus suchen. „Die Haltung entspringt einer Arroganz, die fast 100 Jahre zurückreicht“, sagt Professor Werning. „Damals war Argentinien der Gigant im Süden, die USA der im Norden. Seit jeher leben die Peronisten diese lächerliche Rivalität, die Argentinien längst verloren hat.“

Camilo Carvalo war stets Peronist, und eigentlich ist er es noch immer. Er ist einer der größten Lebensmittelhersteller im Land, er produziert Konserven. Die ersten Jahre unter Néstor Kirchner waren noch gut, schwärmt er, es gab eine seltene Stabilität – beflügelt durch die hohen Rohstoffpreise. Doch dann kamen seine Frau Cristina und ihre Ausflüge nach Absurdistan. Zu viel möchte er aus Angst vor Repressalien lieber nicht erzählen. Nur so viel: Als sein Unternehmen vor der Pleite stand, war er gezwungen, einen Kredit von der Regierung anzunehmen. Bedingung: Er musste sich dafür mit der Präsidentin fotografieren lassen – der „Beschützerin der Armen“ mit ihren 100.000-Dollar-Handtaschen.

Carvalos Gesicht verzieht sich. Er ist ein lebenslustiger Mann und galt immer als innovativ, aber die Jahre haben ihn belastet. Einen Großteil seiner Ware musste er zwangsweise für den Binnenkonsum abführen und konnte kaum exportieren. Dazu musste jedes Unternehmen Produkte unter Wert abgeben, um den Verkauf subventionierter Lebensmittel zu ermöglichen. Es fällt ihm schwer, das zu sagen, aber erst jetzt habe er wieder Hoffnung: „Wir könnten unsere Produktion leicht verdoppeln. Wir sind ein schlafender Riese mit viel Land und Wasser, optimalem Klima und gut ausgebildeten Leuten. Wenn es nur kompetente Politiker gäbe.“

Ein Gang durch die Supermärkte erzählt die ganze Absurdität nach zwölf Jahren Kirchnerismo. Das gesamte Brotregal, 30 Sorten, ist in den Händen einer einzigen Firma, Bimbo, die eng mit den Kirchners kooperierte. Das ganze Milchregal bestücken nur zwei Unternehmen. Im Bierregal stehen nur wenige Marken, und fast alle stammen vom selben Konzern – Inbev. Die Preise mussten mit dem Wirtschaftsministerium abgestimmt werden. In jedem Regal befindet sich zudem ein Produkt mit dem Hinweis „precio cuidado“, Preis mit Bedacht, das nur die Hälfte der anderen kostet. „Meine ausländischen Gäste sagen oft: Das ist ja wie in Kuba“, erzählt der Bierimporteur Luis Escobar. „Darum gehen wir Argentinier im Ausland auch als Erstes stundenlang in einen Supermarkt: Das ist wie Disneyland für uns.“

Luis Escobar © Irina Werning
Luis Escobar arbeitet seit 15 Jahren für Lebensmittelkonzerne in ganz Lateinamerika. Nirgends, sagt er, sei die Arbeit so schwierig wie in seiner Heimat Argentinien mit ihren absurden Handelsbeschränkungen.

Escobar hat die drakonische Politik der Kirchners am eigenen Leib erfahren. Er importiert Bier für die deutsche Brauerei Karlsberg. 2010 führte Cristina Kirchner ein System ein, das willkürlich über Importerlaubnisse entschied. „Wir erhielten die Genehmigung nicht, ohne jede Begründung. Wer sich wehrte, erhielt schon mal Drohanrufe, es begann die Zeit der Repression.“

Escobars Investitionen waren dahin, seine Produkte verschwanden vom Markt. Für große ausländische Unternehmen galt außerdem: Sie mussten im selben Maß exportieren, wie sie importierten. „So kam es zu solch absurden Entwicklungen, dass BMW Weine exportieren musste, um hier Autos zu verkaufen.“

Er lacht heute über so viel Regulierungswut, aber lange war ihm nicht danach. Seit 15 Jahren arbeitet er für Lebensmittelkonzerne in ganz Lateinamerika und musste feststellen, dass kein Staat so schwierig ist wie sein Heimatland. Was er aber auch lernte: Das verrückte System hat argentinische Manager in seinen Augen zu den findigsten der Welt gemacht. „Wir müssen aus jeder Situation einen Ausweg finden und in ­widrigsten Umständen überleben.“

Jetzt sitzt Escobar in seinem Büro in der Nähe des Rio de la Plata, auf dem Tisch ein Bier, gebraut nach dem Reinheitsgebot, und wartet auf die erste Lieferung: zwei Container, 100.000 Dosen deutsches Bier. „Man wird sie mir aus der Hand reißen. Wir lechzen nach Aufbruch.“ Überall im Land nimmt er diesen Wunsch wahr, die Sehnsucht nach Freiheit. „Sie wird zu einer Explosion führen“, glaubt er, „da ist so viel angestautes unternehmerisches und kreatives Potenzial.“ Davor erwartet er zwar ein hartes Jahr mit schmerzhaften Entscheidungen, aber: „Wenn wir da durch sind, beginnt das Leben.“

Die Reportage ist zuerst in Capital 05/2016 erschienen.


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