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"Betrug ist der leichteste Weg zum Millionär"

, Timo Pache und Britta Langenberg

Deutschland sei ein Paradies für windige Unternehmer und Betrüger, sagt Anlegeranwalt Dietmar Kälberer im Interview. Politik und Behörden hätten sich der Banken-Lobby gebeugt

Dietmar Kälberer © Wolfgang Stahr
Der Berliner Anlegeranwalt Dietmar Kälberer

Dietmar Kälberer ist einer der bekanntesten Anlegerschutzanwälte in Deutschland. Aktuell vertritt er Anleger gegen große Banken wie die Commerzbank genauso wie VW-Aktionäre, die durch den Dieselskandal große Verluste erlitten haben.


Infinus, S&K, German Pellets, KTG Agrar – alle zwei Monate fliegt ein neuer Finanzskandal auf, bei dem Anleger viel Geld verloren haben. Werden die Zocker gerissener, oder lernen wir einfach nicht dazu?

Ich mache seit mehr als 20 Jahren Kapitalanlagefälle, und die Muster und Maschen haben sich eigentlich nicht geändert.

Also sind wir naiv?

Ja, manchmal ist es seltsam. Es gibt so ein blindes Vertrauen, wenn es um Geldanlage und Rendite geht. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele Unternehmer hier schon saßen, die keinen Kasten Bier ohne Bargeld aus der Hand gegeben hätten. Aber 20.000 Euro steckten die mal eben in irgendeine Anlage, die ihnen zehn Prozent Gewinn versprach. Die Produkte haben sich geändert, aber die Blauäugigkeit ist geblieben.

Das erklärt nicht, warum die Zahl der Pleiten und Betrugsfälle steigt.

Weil sich die Bedingungen für Betrüger massiv verbessert haben. Die niedrigen Zinsen machen viele Menschen empfänglicher für Geldanlagen, die ihnen Gewinn versprechen. Und es müssen ja gar nicht mehr wie früher zehn oder zwölf Prozent Rendite sein, es reichen heute schon vier oder fünf. Damit lässt sich ein Schneeballsystem sogar weit länger betreiben, bevor es auffliegt.

"Die meisten Versicherungsprodukte sind eine Blackbox"

Aber auch vier oder fünf Prozent angeblich ohne Risiko müssen doch heute misstrauisch machen.

Nein, ein guter Verkäufer dreht Ihnen alles an. Zum Renditeversprechen präsentiert er Ihnen eine tolle Story: saubere Energie, ein gutes Gewissen – oder etwas ganz Solides wie Ackerflächen, Containerschiffe oder ein Bürogebäude in London. Am besten noch für die Altersvorsorge. Und schon hat er Sie. Ein Freund von mir hat sich oft lustig gemacht über die Leute, die zu mir kommen. Er liebt gute Weine, und irgendwann hat er allein aufgrund eines unerbetenen Telefonanrufs eines guten Verkäufers ganz exklusive Bordeaux-Weine bestellt, 100 Euro die Flasche – und was er bekam, war billiges Zeug. Niemand sollte glauben, er sei davor gefeit.

Sie haben die Altersvorsorge angesprochen. Welche Produkte meinen Sie konkret?

Im Grunde alles. Haben Sie verstanden, wie eine Riester-Rente konkret funktioniert? Unter diesem Namen kann man alles verkaufen.

Aber gerade die Riester-Rente gilt doch als besonders streng reguliert.

Nein, Riester-Renten sind zertifiziert, aber nur formal. Die meisten Versicherungsprodukte sind eine Blackbox. Und mit einer Blackbox können Sie superleicht betrügen.

Man hat den Eindruck, dass in Deutschland besonders viele Betrüger unterwegs sind.

Das stimmt in meinen Augen auch. Die offiziellen Zahlen sind sogar nur die Oberfläche, die wahren Schäden und die Dunkelziffer sind höher.

Warum ist das so?

Zunächst mal melden sich viele Opfer gar nicht, zum Beispiel weil es ihnen peinlich ist. Oft sind die Fälle auch schon verjährt, und das Geld ist über alle Berge. Und dann sind unsere Gesetze zu lax. Die Rechtslage ist fast schon eine Einladung für gerissene Leute.

"Da blickt keiner mehr durch"

Moment, die Bundesregierung rühmt sich doch, viel für den Anlegerschutz getan zu haben.

Ach, Unsinn. Die Gesetzeslage wird immer komplizierter. Wenn ich heute einen Fall reinbekomme, muss ich mich zwei Stunden ins stille Kämmerlein zurückziehen, um zu prüfen, welcher Paragraf überhaupt anwendbar ist. Denn oft liegt das Geschäft ja fünf oder acht Jahre zurück. Seither gab es zig Reformen und neue Urteile, da blickt keiner mehr durch. Hinzu kommt, dass die Fälle kompliziert und die Staatsanwälte überlastet sind. Strafrechtlich ist deshalb oft gar nichts zu holen. Und zivilrechtlich liegt die Beweislast komplett beim Kläger, also meinen Mandanten. Meist dauern die Strafverfahren zwischen zwei und fünf Jahre, am Ende steht eine Bewährungsstrafe oder ein Vergleich – und das Geld ist eh weg. Es ist schlimm, aber es gibt in Deutschland keinen leichteren Weg zum Millionär als den Anlagebetrug.

Was müsste sich ändern?

Als Erstes die Verjährung: Heute verjähren Schadensersatzansprüche nach zehn Jahren. Das ist viel zu kurz. Es kann Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern, bis Probleme der Anlage überhaupt erkennbar sind. Dann dauert es vielleicht noch mal zwei oder drei Jahre, bis der Anleger zu mir kommt, denn die Hoffnung stirbt zuletzt. Deshalb hinke ich meistens vier, fünf Jahre hinter der Rechtsentwicklung hinterher. Also erstens, Verjährung rauf auf 30 Jahre. Zweitens, Beweislastumkehr. In den USA muss der Beklagte quasi beweisen, dass er nicht betrogen hat. Das schreckt ab.

Woran liegt es, dass unser Rechtssystem gerade in dem Bereich zu viele Lücken hat und kompliziert ist? Ist die Materie zu komplex?

Nein, das liegt an extremem Lobbyismus. Nach der Krise am Neuen Markt vor 15 Jahren habe ich eine Regierungskommission beraten dürfen. Wir hatten ganz viele Vorschläge, was man alles machen sollte. Doch alle unsere Vorschläge wurden zunächst auf Eis gelegt und erst Jahre später so weichgespült umgesetzt, dass das Gesetz praktisch nicht anwendbar war. 2012 wurde es novelliert, aber es sind immer noch unheimlich viele Mängel drin. Kapitalanlegerrecht ist heute schlimmer als Steuerrecht. Wenn ich zwei Stunden an dem Gesetz arbeiten würde, wäre es dreimal so gut. Sie müssten nur ein paar Fristen und ein paar Beweislasten anders regeln, und schon haben Sie es.

[Seitenwechsel]

"Die Bafin macht doch nichts"

Aber man hat versucht, den Vertrieb stärker zu regulieren. Es gibt jetzt Dokumentationspflichten und Anlageprotokolle und, und, und.

Na ja, statt Anlageberatung kriegen Sie jetzt ein standardisiertes Anlageprotokoll. Da steht jetzt auf vier, fünf Seiten alles Mögliche zu Risiken drin. Doch die Qualität der Beratung ist in keinster Weise besser geworden. Statt mehr Anlegerschutz hat man eine standardisierte Schutzhülle für Banken und Berater gemacht. Ich sehe keinen Fortschritt – im Gegenteil. Das beste Beratungsprotokoll wäre, wenn der Anleger selbst aufschreibt, was er sich an Sicherheit und Rendite vorstellt. Wenn man sicher anlegen will, dann muss man es schreiben – am besten auf dem Beratungsprotokoll unterschrieben und vom Berater gegengezeichnet.

Und die Bundesanstalt für Finanzmarktaufsicht geht jetzt stärker in den grauen Kapitalmarkt rein.

Okay, sie wollen jetzt Bonitätsanleihen verbieten. Gut so! Aber ansonsten macht die Bafin doch nichts. Sie prüft die Prospekte nur formal, nicht inhaltlich. Trotzdem schreiben die Anbieter drauf: „Bafin-geprüft“. Da denkt doch jeder: Dann muss ja alles okay sein. Wenn man Anlegerschutz ernst meint, sollte die Bafin jedes Produkt inhaltlich prüfen, bevor es auf den Markt kommt. Wahrscheinlich werden die Angebote dann etwas teurer, und wir haben nicht mehr Millionen von Anlageprodukten, sondern Hunderttausende. Aber ich glaube, das genügt.

Ist das nicht das eigentliche Problem: Viele Anbieter und Produkte sind so kompliziert gebaut, dass keiner mehr durchsteigt.

Das stimmt. Ich hatte mal einen Mandanten, der hatte ein Zertifikat gekauft, das nur am 7. Januar eines Jahres verkäuflich war. Im Rest des Jahres hatte es praktisch keinen Wert. Ich musste mir 400 Seiten des Anlageprospekts auf Englisch durchlesen, um zu verstehen, wie das Produkt funktioniert. Das macht doch keiner. Und ja, die Strukturen werden auch immer komplizierter. Bei einer Aktiengesellschaft ist es immer noch relativ einfach, Ansprüche durchzusetzen. Aber wenn man zwei oder drei GmbHs dazwischenbaut, am besten noch im Ausland, dann ist man verloren. Und das ist ja genau die Absicht dahinter.

"Meiden Sie ausländische GmbHs"

Was machen Sie in solchen Fällen?

Ganz ehrlich: Ich nehme sie meist gar nicht an. Die Chance, dass ich in einem Fall wie German Pellets oder KTG Agrar bei den Hauptschuldigen etwas zurückhole, ist gleich null – selbst wenn das Geld irgendwo liegt. In der Regel schaue ich, ob irgendein Vermittler dazwischen war, der haften könnte. Den nimmt man aufs Korn. Manche Kollegen machen daraus ein richtiges Geschäft und nehmen Tausende Anleger an, verwalten die zwei, drei Jahre und verschicken nutzlose Mahnbescheide. Aber am Ende kommt außer Anwaltsgebühren für die Anleger nichts heraus. Das mache ich nicht.

Haben Sie einen Rat für Anleger?

Ja, gehen Sie zu großen Anbietern, egal ob Banken oder Versicherungen. Wenn die Mist bauen, können Sie sie wenigstens verklagen. Meiden Sie ausländische GmbHs und kleine Läden. Im Ausland haben die Richter wenig Mitleid mit deutschen Anlegern. Wenn Sie das Produkt nicht nachvollziehen können, ist es schlecht. Hohe Zinsen sind ein Alarmsignal, aber nicht nur. Denn das wissen die Betrüger auch.

Der Beitrag ist zuerst in Capital 11/2016 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon


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