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"Die Leute erschiessen sich oder hängen sich auf"

, von Horst von Buttlar

Der Nobelpreisträger Angus Deaton hat die Nöte weißer Amerikaner untersucht – und dramatische Entdeckungen gemacht

Angus Deaton © Getty Images
Angus Deaton

Der Schotte Angus Deaton ist emeritierter Wirtschaftsprofessor der Universität Princeton. 2015 erhielt er für seine Forschung über die Ursachen von Armut den Nobelpreis. Das Wall Street Journal hat in der vergangenen Woche neue Erkenntnisse über die Sterblichkeit weißer Amerikaner veröffentlicht (kostenpflichtig).


Mr Deaton, es scheint viel Unzufriedenheit und Aufruhr in der Welt zu geben. Wir sehen Demonstrationen und immer mehr Protestwähler. Was sind die Wurzeln dieser Unzufriedenheit?

Ich wende mich gegen die Ansicht, dass das Phänomen, das Sie ansprechen, überall gleichermaßen feststellbar ist. Natürlich gibt es ähnliche Bedrohungen und Herausforderungen in vielen Ländern, etwa massive Sorgen über die Einwanderung und die Auswirkungen der Globalisierung. Aber der Brexit hat auch andere Ursachen als die Wahl von Donald Trump. In jedem Land gibt es eigene Besonderheiten und Probleme. Daher gibt es kein einfaches Gegenrezept.

Also brauchen wir unterschiedliche Lösungen für unterschiedliche Arten der Unzufriedenheit?

Ja, das glaube ich. Die Leute hacken gern auf der Ungleichheit und der Globalisierung herum, weil beide Entwicklungen globale Kräfte sind. Aber in jedem Land gibt es immer besondere lokale Faktoren. Als etwa China im Jahr 2001 der Welthandelsorganisation beitrat, wurde es für das Land leichter, billige Produkte zu exportieren. Die Folgen waren für Deutschland ganz andere als für die USA. Deutschland konnte im Gegenzug seine Hightechmaschinen und Autos nach China exportieren. Die USA konnten das nicht, aus unterschiedlichen Gründen. Deshalb sind die politischen Schlussfolgerungen in Deutschland andere als in den USA.

Was ist dann die Lösung für die USA? Protektionismus und eine Politik des „America first“, wie sie Trump angekündigt hat?

Viele Leute, die für ihn gestimmt haben, waren wirklich verärgert und wollten irgendeine Art des Politikwechsels. Und Trump hat versprochen, diesen Wechsel zu liefern. Seine Politik wird ihre Lage wahrscheinlich nicht verbessern. Aber das wissen seine Wähler nicht. Sie sind in ihrem Leben gut zurechtgekommen, ohne Finanzzeitungen zu lesen oder über die Vorteile des Freihandels nachzudenken.

"Die Wirtschaft ist ein großes, wildes Tier wie ein Elefant"

Was erwarten Sie von diesem Jahr und von Präsident Trump?

Zunächst einmal sind die USA derzeit in einer guten Ausgangslage. Die Wirtschaft befindet sich in einer viel besseren Verfassung, als es Trump dargestellt hat. Die Arbeitslosenquote liegt unter fünf Prozent. Die Realeinkommen wachsen, auch die unteren. Zweitens sollte man den Einfluss, den eine Regierung auf die Wirtschaft hat, nicht überschätzen. Die Wirtschaft ist ein großes, wildes Tier wie ein Elefant. Die Regierung hat nur wenige Hebel in der Hand, um es im Zaum zu halten. Auf längere Sicht könnte jedoch die neue Regierung, drittens, mit ihrer Politik einen Handelskrieg auslösen. Dieser wäre dann sehr schädlich.

Wer wäre der Verlierer eines Handelskriegs? China? Mexiko? Deutschland?

Alle würden verlieren. Freihandel ist einer der Gründe, warum es uns so viel besser geht als vor 70 Jahren. Das gilt nicht nur für den Austausch von Waren, sondern auch für Ideen. Allein in meinem Fach sind 70 Prozent aller PhD-Absolventen in den USA nicht in Amerika geboren worden. Diese Leute haben die Volkswirtschaftslehre verändert, indem sie ihr eigenes Wertesystem und eigene Überzeugungen aus ihrer Heimat eingebracht haben. Als ich 2015 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, gingen vier Preise in die USA. Drei der Gewinner waren Einwanderer, der vierte war der Sohn eines Einwanderers. Das Beste an amerikanischer Kreativität ist stets von außerhalb gekommen, von Leuten, die zu uns eingewandert sind. Das sollten wir nicht verlieren.

Es gibt viele Diskussionen darüber, was wir von Donald Trump erwarten können. Was sagen Sie voraus?

Ich weiß es nicht. Und ich vermute, dass es nicht einmal Trump selbst weiß. Das Problem, vor dem wir stehen, ist die neue Unsicherheit. Daher gibt es immer zwei Arten der Sichtweisen und Prognosen: eine positive und eine negative.

Teil der positiven Sicht ist die Steuerreform, die Trump versprochen hat. Was halten Sie davon?

Seit 1986 haben wir keine größere Steuerreform gehabt. Daher benötigen wir dringend eine. Es gibt eine Menge Schlupflöcher, die wir schließen sollten. Und eine Reform der Unternehmensbesteuerung könnte das Wachstum ankurbeln.

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Lebenserwartung für Amerikaner ist gesunken

Sie erforschen Armut und Lebensbedingungen der Menschen. Viel wird von der „Krise der weißen Mittelschicht“ gesprochen. Deckt sich das mit Ihren Daten?

Wir haben uns bei unseren Studien insbesondere mit Sterblichkeitsraten beschäftigt. Allgemein ist es so, dass die Sterblichkeitsrate auf der Welt seit etwa 100 Jahren sinkt. Überall leben die Menschen gesünder und länger. Aber für Amerikaner im mittleren Lebensalter zwischen 45 und 54 Jahren ist die Lebenserwartung gefallen. Die Sterblichkeitsrate dagegen ist zwischen 1999 und 2013 signifikant gestiegen. Eine solche Trendumkehr gab es in keinem anderen reichen Land außer den USA. Sie beseitigt den Fortschritt vieler Jahrzehnte.

Wo in den USA zeigt sich das?

Das Phänomen ist im gesamten Land verbreitet. Aber ganz besonders beobachten wir es bei Weißen, die zwar die Highschool besucht, aber keinen College-Abschluss gemacht haben. Diese Leute decken sich stark mit Trumps Wählerschaft. Die Daten zur Sterblichkeit sind ein Warnsystem wie früher der Kanarienvogel in der Kohlemine. Sie zeigen, dass etwas falsch läuft.

Was sind die Ursachen für die höhere Sterblichkeit?

Selbsttötungen, Alkohol, Drogenmissbrauch und die Abhängigkeit von Schmerzmitteln, die von Ärzten verschrieben werden. Darüber hinaus haben wir auch festgestellt, dass sich der Rückgang von Herzerkrankungen verlangsamt hat.

Aber solche Probleme lassen sich doch leichter lösen als beispielsweise die globalen Ungleichheiten.

Ja, man könnte politische Lösungen finden. Aber wenn man den Leuten die Drogen nimmt, stecken sie immer noch in der Krise. Die Leute wollen Schmerzmittel, und Pharmakonzerne sind sehr mächtig. Alarmierend sind auch die Selbstmordraten. Die Leute erschießen sich oder hängen sich auf. Auch die Zahl derjenigen, die sich buchstäblich mit Alkohol zu Tode trinken, nimmt stark zu. Wir nennen es death of despair, Tod aus Verzweiflung.

Problem betrifft vor allem die weiße Bevölkerung

Wo kommt diese Verzweiflung her?

Ein Grund sind finanzielle Sorgen. Beschäftigte ohne College-Abschluss haben in der Vergangenheit besonders in der Industrie und in der Baubranche Jobs gefunden. Diese Jobs sind im Verlauf der letzten Jahrzehnte verschwunden. Viele aus der Babyboomergeneration, die in den 60er-Jahren geboren wurden, stellen in der Mitte ihres Lebens fest, dass es ihnen nicht besser geht als ihren Eltern. Das hat es vorher noch nie gegeben. Sie haben Mitte der 70er-Jahre die Highschool abgeschlossen und haben einen Job in einer Auto- oder Bekleidungsfabrik gefunden, für den es ziemlich gute Löhne gab. Sie haben eine Familie gegründet, ein Haus gekauft und ihren Kindern eine gute Ausbildung bezahlt. Das alles ist weggefallen.

Ist das nicht ein Klischee?

Es ist ein bisschen zugespitzt. Aber das Muster haben wir in unseren Studien festgestellt.

Steigt die Sterblichkeitsrate auch unter Schwarzen und Latinos?

Nein. Bei diesen Gruppen ist die Rate noch höher als bei Weißen, aber sie sinkt. Bei den Schwarzen fällt sie sogar sehr schnell. Bei Latinos sinkt sie – ähnlich wie bei den Deutschen – um etwa zwei Prozent pro Jahr. Das zeigt: Das Problem betrifft im Besonderen Teile der weißen Bevölkerung in den USA.

Auch in Deutschland wurden viele Fabriken dichtgemacht.

Aber nicht in dem gleichen Ausmaß. Und in Deutschland gibt es ein soziales Sicherungsnetz.

Lässt sich der Aufstieg eines Donald Trump denn tatsächlich mit der Entwicklung der Sterblichkeitsrate erklären?

Ein Anstieg der Drogenabhängigkeit und der Sterblichkeitsrate sind lediglich Symptome, ein Teil eines Puzzles. Viele Menschen sind einfach nicht mehr glücklich und sehen für sich keine Zukunft mehr.

[Seitenwechsel]

"Diese Leute wollen die Kontrolle zurück"

In Davos haben viele Politiker und Konzernchefs davon gesprochen, dass wir inclusive growth benötigen – ein Wachstum, das nicht nur den Superreichen nützt, sondern den 99 Prozent, die nicht superreich sind. Was halten Sie davon?

Mich amüsiert dieser Ausdruck. Schon lange wurde über das Wachstumsproblem diskutiert. Nun stellen die Leute einfach den Begriff inclusive voran – nicht nur beim Wachstum, auch bei Innovationen, Produktivität und so weiter. Aber ich habe bislang wenig darüber gehört, mit welchen Lösungen wir dahin kommen können. So einfach ist es eben nicht. Wir beobachten, dass es in den Industrieländern viele Menschen gibt, die das Gefühl haben, dass ihr Leben außer Kontrolle ist. Diese Leute wollen die Kontrolle zurück.

„Take back control“ war der Leitspruch der Pro-Brexit-Kampagne. Aber lässt sich Kontrolle wirklich zurückgewinnen?

Ich denke, einen Teil davon gibt es wirklich. Das Leben besteht nicht nur aus Ökonomie. Viele Leute, die für den Brexit gestimmt haben, sind nicht ökonomischen Argumenten gefolgt. Sie wollten nur das Gefühl zurück, dass sie die Dinge selbst kontrollieren. Das ist Teil des kollektiven Gedächtnisses in Großbritannien. Auch in Spanien gibt es viele Menschen, die unzufrieden mit der EU und ihrem Demokratiedefizit sind. Aber wenn die Spanier in die Geschichte ihres Landes zurückblicken, sehen sie, dass die Alternative zur EU die Franco-Diktatur war. Deshalb sind sie proeuropäischer. Wenn die Briten zurückblicken, sehen sie Winston Churchill.

Und die Deutschen?

In Deutschland und Frankreich sehen viele die EU immer noch als Garantie dafür, dass der jahrhundertelange Konflikt zwischen beiden Ländern Geschichte ist.

In Ihrem Buch „The Great Escape“ erklären Sie, dass sich unser Leben in den vergangenen 150 Jahren stetig verbessert hat. Ist die Entwicklung nun an ihr Ende gekommen?

Wir beachten die Verbesserungen nicht ausreichend. Wir verfolgen die Kriege in Syrien und in der Ukraine und glauben, die gesamte Welt stecke in tiefen Schwierigkeiten. Doch man muss auch auf die großen Trends schauen, nicht nur auf die Überschriften. Unser materielles und nichtmaterielles Wohlbefinden hat sich in den vergangenen 250 Jahren dramatisch verbessert. Der Fortschritt der Menschheit ist wirklich erstaunlich. Weltweit gibt es mehr Demokratie, mehr Religionsfreiheit, die Menschen sind viel gesünder. Minderheiten werden seltener diskriminiert, auch die Bildung hat sich verbessert. Natürlich gab es schlimme Rückschritte. Aber die Lektion ist: Wir haben es immer geschafft, sie zu überwinden.

"Ungleichheit ist auch ein Indikator für Fortschritt"

Nun fürchten viele Menschen, dass sie ihre Jobs verlieren, weil sie von Robotern ersetzt werden. Was hilft es da, wenn sie wissen, dass es der Menschheit insgesamt heute besser geht als vor 250 Jahren?

Da haben Sie recht. Aber die Erkenntnis von „The Great Escape“ ist: Die Roboter sorgen dafür, dass eure Kinder und Enkel ein viel besseres Leben haben werden. Wir müssen eine andere Haltung gegenüber dem Wandel einnehmen. Das ist für Menschen, die schon Mitte 50 sind, natürlich nicht einfach.

Was raten Sie den Politikern, um die soziale Ungleichheit in vielen Ländern anzugehen?

Ungleichheit ist nicht das vordringliche Problem. Ein Teil der Ungleichheit geht auf neue Erfindungen zurück, die ihre Schöpfer reich machen. Das bedeutet: Ungleichheit ist auch ein Indikator für Fortschritt, und Fortschritt darf man niemals bekämpfen. Der Kampf sollte sich gegen Lobbyismus und Akteure richten, die nur auf ihren eigenen Vorteil achten, ohne der Gesellschaft Fortschritt zu liefern. Diese Leute werden reich auf dem Rücken der anderen.

Sollten die Regierungen die Reichen stärker besteuern?

Das ist nicht der richtige Weg. Ein hoher Steuertarif ist gefährlich, weil er Innovationen und Unternehmergeist abwürgt. Besser ist es, gegen Leute vorzugehen, die unrechtmäßige Gewinne kassieren. Wenn Sie die Reichen in den USA stärker besteuern und das Geld den Armen geben, werden Sie sehen: Die Armen wollen lieber Jobs als Almosen.

Das Interview ist zuerst in Capital 03/2017 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon

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