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Angst vor der Kohlenstoffblase

, von Nils Kreimeier

An den Finanzmärkten geht Angst um: Öl, Gas und Kohle gelten als notorisch überbewertet, weil sich der Abbau der Reserven immer weniger lohnt. Die ersten Investoren ziehen sich bereits zurück

Ölpumpen im Kern River Oil Field – einem Fördergebiet im San Joaquin Valley in Kalifornien © Getty Images
Ölpumpen im Kern River Oil Field – einem Fördergebiet im San Joaquin Valley in Kalifornien

Sie treffen sich seit einem halben Jahr in gut klimatisierten Räumen im saudischen Dhahran, in Londoner Hinterzimmern oder in New York: Berater, die von einigen der wichtigsten Banken der Welt kommen. HSBC, JP Morgan, Morgan Stanley. Ihr Auftrag: den größten Börsengang aller Zeiten vorzubereiten.

Saudi Aramco, der staatliche Ölriese Saudi-Arabiens, soll im kommenden Jahr an die Börse gehen. Nur mit einem Anteil von fünf Prozent zwar – aber schon das lässt die Märkte heißlaufen. Saudi Aramco, das heißt: eine Quelle sprudelnden Öls, eines überall begehrten Rohstoffs. Eine Gelddruckmaschine. Bis zu 2000 Mrd. Dollar sei der gesamte Konzern wert, hatte das saudische Königshaus verkündet. Mehr als Apple, Microsoft und die Google-Mutter Alphabet zusammen.

Aber stimmt das überhaupt? Noch während die internationalen Berater rechnen, sind erhebliche Zweifel laut geworden. Branchenexperten geben deutlich niedrigere Bewertungen ab. Auch das Bankenteam selbst kommt Medienberichten zufolge beim besten Willen nicht auf den ursprünglich angestrebten Preis. Zum einen weiß niemand, ob die Ölvorräte der Saudis tatsächlich so groß sind wie offiziell angegeben. Das ist ein altes Problem, schwerer wiegt jedoch ein neuer Zweifel: Investoren fürchten, dass die Reserven in den kommenden Jahren massiv an Wert verlieren.

Seit der Klimakonferenz von Paris im Jahr 2015 machen viele Regierungen ernst mit dem Kampf gegen Kohlendioxid. Energierohstoffe könnten bald nicht mehr so gefragt sein wie bisher – und dramatisch an Wert verlieren. Das trifft nicht nur Saudi Aramco, sondern alle Produzenten von Erdöl, Gas oder Kohle. Und das Problem hat einen Namen: carbon bubble. Kohlenstoffblase.

„Wir haben in den vergangenen Jahren einen faszinierenden Wandel beobachtet“, sagt Frédéric Samama, der beim französischen Vermögensverwalter Amundi das Geschäft mit institutionellen Anlegern verantwortet. „Bis dahin war der Kampf gegen den Klimawandel eine rein politische Angelegenheit. Jetzt sehen wir, dass Anleger ihre Strategie danach ausrichten.“

Samama kann genau sagen, wann ihm klar wurde, dass sie es mit etwas Großem zu tun haben. Im August 2014 wollte der Finanzfachmann in den Urlaub fahren, die Koffer waren gepackt. Amundi plante einen Indexfonds, der den CO₂-Footprint halbieren sollte, aber den gab es bis dahin nur als Prototyp. „Da rief ein Kunde bei uns an, der wollte, dass wir sofort richtig damit loslegen“, sagt Samama. „Und er wollte 1 Mrd. Euro da reinstecken.“ Ab da wusste er, dass es ernst wird. Der Urlaub musste warten.

Klimaindex performt gut

Samama verfolgt das Thema auch deshalb, weil er seinen Fonds an den Mann bringen will. Doch die Furcht vor der Rohstoffblase treibt viele um. Norwegens Staatsfonds, der größte der Welt, will sein Geld aus Industrien mit hohem CO₂-Ausstoß abziehen – das Geld, das er vor allem dank des Exports von Öl eingenommen hat. Die Allianz investiert nicht mehr in Unternehmen, die über 30 Prozent ihres Umsatzes aus dem Abbau oder der Verbrennung von Kohle beziehen. Klimaorientierte Indexfonds wie der MSCI Low Carbon Target Index schlagen ihre traditionellen Vergleichswerte in der Performance.

Mark Carney, Gouverneur der Bank of England, warnte in einer viel beachteten Rede, ein plötzlicher Einbruch der Energiewerte gefährde die Stabilität der Finanzmärkte. Auch Privatanleger könnten das Problem zu spüren bekommen – in ihren Pensionsfonds und Sparplänen.

Die große Frage ist nun, ob dieser Wandel bereits eingepreist ist oder den Anlegern noch weitaus größere Überraschungen bevorstehen. Für viel Aufsehen sorgte im Herbst eine 16-seitige Studie der Fondsgesellschaft Blackrock. Unter dem unscheinbaren Titel „Die Anpassung von Portfolios an den Klimawandel“ kam der größte Vermögensverwalter der Welt zu einem beunruhigenden Urteil: „Wir glauben, dass Klimafaktoren unterschätzt und zu niedrig eingepreist worden sind“, heißt es da. „Das aber könnte sich ändern, wenn die Folgen des Klimawandels deutlicher sichtbar werden.“ Selbst wer nicht an die Theorie von der menschengemachten Erderwärmung glaube, so die Autoren, könne die „Flut von klimabezogenen Regulierungsschritten“ nicht ignorieren.

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Es ist ein Argument, das unter den Vermögensverwaltern immer wieder zur Sprache kommt: Der Klimawandel selbst mag ein Problem sein, dessen Auswüchse nur allmählich spürbar werden und an das sich eine Anlagestrategie langsam anpassen ließe. Politische Eingriffe aber wirken oft sofort, weil sie das Geschäft mit der CO₂-belasteten Energie unmittelbar teurer werden lassen. „Klimarisiken werden somit schnell zu Anlagerisiken in den Portfolios. Das führt dann zu einer Art Gruppenzwang und zu einem steigenden Druck, sich auf eine kohlenstoffarme Volkswirtschaft auszurichten“, sagt Samama.

Besonders beeindruckt hat die Branche China, also das Land, das zuletzt noch jedem globalen ökonomischen Trend so richtig Wucht verliehen hat. Seit die Chinesen mit einer Welle von Gesetzen gegen den Smog in ihren Innenstädten vorgehen und Elektroautos fördern, glauben auch die größten Skeptiker an einen tief greifenden technologischen Wandel. „Industrien und Geschäftsmodelle, die auf fossilen Brennstoffen beruhen, sehen sich derzeit gravierenden Einschränkungen und schärferen Regulierungen durch die Politik ausgesetzt“, sagt Heinz-Werner Rapp, Gründer des Feri Cognitive Finance Institute und Initiator einer Studie zur Kohlenstoffblase. In einzelnen Sektoren der Aktienmärkte seien Abwertungen von 50 Prozent und mehr denkbar – bei Rohstoffen ebenso wie im Transportsektor. Auch Staaten, die heute noch überwiegend an den Einnahmen aus Öl und Gas hängen, wären gefährdet.

Bank-of-England-Chef Carney nimmt die Gefahr so ernst, dass er Anbieter von Finanzprodukten dazu bringen will, ihre Abhängigkeit von CO₂-intensiven Investitionen offenzulegen. Als Vorsitzender des Financial Stability Board, einer Kontrollinstanz für das weltweite Finanzsystem, hat Carney dazu eine eigene Taskforce ins Leben gerufen. Sie soll einen Informationsstandard entwickeln, mit dem jeder Anleger erkennen kann, wie stark ein Fonds in Öl-, Gas- oder Kohlefirmen investiert ist. „Investoren können dann einschätzen, wie riskant das jeweilige Geschäftsmodell ist, und darauf ihre Marktmeinung aufbauen“, sagte Carney bei einer Konferenz in London. Klimaschützer waren überrascht, mit dem einstigen Goldman-Sachs-Banker plötzlich einen Bündnispartner zu haben.

Doch Carneys Plan hat auch scharfe Kritiker. Einer der prominentesten ist der US-Energieexperte Daniel Yergin, dessen Buch „Der Preis“ als Standardwerk über die Geschichte des Öls gilt. Yergin hält Carneys Vorstoß eher für alarmistischen Nonsens. Das Risiko, dass Öl- und Gasfirmen überbewertet seien, sei „sehr gering“. Schließlich basierten die Bewertungen auf jenen Reserven, die in laufenden Projekten ausgebeutet würden. Es sei daher kaum zu erwarten, dass diese Reserven vollständig abgeschrieben werden müssten und damit „gestrandet“ seien.

Ölmarkt in Alarmstimmung

Der Begriff jagt Anlegern Schauer über den Rücken: stranded assets, gestrandete Vermögenswerte. Gemeint ist, dass Ölreserven oder Kraftwerke, die als feste Größen verbucht wurden, ihren Wert komplett verlieren. Weil es zu teuer wird, sie zu nutzen. Oder weil eine Regierung es verbietet. Zu spüren bekamen das Stromkonzerne in Deutschland, als die Bundesregierung den Ausstieg aus der Kernenergie beschloss. Aber auch Saudi Aramco könnte es treffen, wenn die Verbrennung von Öl so teuer wird, dass es sich nicht mehr lohnt, schwerer zugängliche Reserven auszubeuten.

Gerade der Ölmarkt reagiert derzeit besonders sensibel auf äußere Einflüsse. Ohnehin haben sich die Spielregeln verändert, seit vor allem in den USA per Fracking unkonventionelle Reserven gefördert werden. Das Schieferöl ist dabei, die komplette Marktlogik zu verändern. Bisher konnte Saudi-Arabien als größter Produzent bei fallenden Ölpreisen eingreifen, indem es in Absprache mit der Opec einfach die Fördermenge kürzte. Beim jüngsten Preisverfall aber ist dieser Effekt einfach verpufft. Ein Grund: Die Förderanlagen für Schieferöl in den USA lassen sich schnell stilllegen, aber auch rasch wieder in Betrieb nehmen. Kaum hatten sich die Preise auf dem Erdölmarkt erholt, wurde an den US-Bohrstätten wieder gepumpt, was wiederum Druck auf den Preis brachte. Um einen weiteren Preisverfall zu verhindern, so warnen Experten, müssten die Opec-Staaten die Förderung noch stärker einschränken.

Hinzu kommt die sinkende Nachfrage aus den Industrieländern, wo effizientere Motoren eingesetzt werden. Und die große Furcht vor dem Umbruch in China. China ist auch der wichtigste Grund, weshalb von der Umschichtung in den Portfolios nicht nur reine Energiekonzerne betroffen sind, sondern auch Unternehmen, die mittelbar von deren Rohstoffen abhängen – wie die Autokonzerne. „Fortschritte bei Elektroautos, autonomem Fahren und Carsharing könnten die Nachfrage nach traditionellen Autos und Benzin einbrechen lassen“, heißt es bei Blackrock. „Und zwar viel rascher, als die Märkte das vielleicht erwarten.“

Die Berater, die gerade in ihren Büros am Wert von Saudi Aramco herumrechnen, werden solche Studien in ihre Kalkulationen einfließen lassen. Im Grunde ist der geplante Verkauf von Anteilen an dem saudischen Ölriesen ja schon eine Reaktion auf den Wandel: Der Börsengang soll Geld ins Königreich spülen. Das dann investiert werden soll. In alles Mögliche, nur nicht in Erdöl.

Der Beitrag ist zuerst in Capital 06/2017 erschienen. Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon


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