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Flüchtlingspolitik macht Elite skeptisch

, Christian Schütte

IfD-Allensbach-Chefin Renate Köcher über die Einstellung der Elite zur Flüchtlingskrise, die Popularität der Kanzlerin und die Chancen der FDP.

Renate Köcher
Renate Köcher

Renate Köcher ist Geschäftsführerin des IfD Allensbach. Das Institut befragt für Capital und die „FAZ“ 503 Top-Entscheider aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung, darunter: 71 Vorstände
und Geschäftsführer von Unternehmen mit mehr als 20.000 Beschäftigten, 22 Minister und Ministerpräsidenten, 25 Leiter von Bundesbehörden. Detaillierte Ergebnisse der Umfrage finden Sie in der neuen Capital, die am 17. Dezember erscheint.


Capital: Die große Zuwanderung der Flüchtlinge wird das Land verändern, sagen viele. Wie sieht die deutsche Elite diese plötzliche historische Herausforderung?

Köcher: Sie ist in dieser Frage nicht geschlossen. Die Politik ist in vieler Hinsicht zuversichtlicher, dass man die Probleme in den Griff bekommen wird. Die Wirtschaftselite ist hier skeptischer, auch in Bezug auf die Frage, wie weit die Aufnahmekapazitäten erschöpft sind.

Findet da eine Polarisierung und Lagerbildung statt?

Das ist schwer zu sagen. Es gibt in der gesamten Elite eine weitgehende Übereinstimmung, dass ein Kontrollverlust eingetreten ist. Kurzfristig sehen die meisten überwiegend Risiken. Aber gleichzeitig besteht ein breiter Konsens, dass auf längere Sicht das Chancenszenario überwiegt. Die meisten Führungskräfte glauben letztlich doch, dass man das Ganze erfolgreich bewältigen kann – allerdings nur mit gravierenden Korrekturen in der Flüchtlingspolitik.

© Allensbach
© Allensbach

Angela Merkel hatte in den Umfragen zuletzt immer Traumwerte. Wie verändert die Flüchtlingskrise das Bild?

Das Vertrauen in die Regierung ist bei der Mehrheit der Führungskräfte nicht besonders groß. Aber die Zustimmung zur Kanzlerin ist stabil und auch ihr Persönlichkeitsprofil wird kaum anders gesehen. Wir haben das auch in repräsentativen Bevölkerungsumfragen ähnlich festgestellt. Die Bevölkerung ist mehrheitlich mit der Flüchtlingspolitik nicht einverstanden, die Kanzlerin hat deshalb auch in den Popularitätsrankings etwas verloren. Aber diese Verluste haben nicht die Dimension, die man angesichts der großen Beunruhigung hätte erwarten können. Das Vertrauen in Frau Merkel ist auch in der Bevölkerung nicht wirklich angegriffen.

Wie erklären Sie solch einen Teflon-Effekt?

Es wird zwischen dem aktuellen Flüchtlingsthema und der übrigen Bilanz getrennt. Die zehn Jahre der Kanzlerschaft Angela Merkels waren ja ökonomisch gute Jahre. Die wirtschaftliche Entwicklung ist für jeden Kanzler immer ganz entscheidend.

© Allensbach
© Allensbach

Kritik an der Fernsehberichterstattung

Eine Allensbach-Studie hat kürzlich gezeigt, dass viele Bürger meinen, in der Flüchtlingsdebatte könne nicht offen geredet werden. Wie sieht das die Elite?

Ich finde es sehr bemerkenswert, dass nicht nur die Bevölkerung, sondern auch die Elite sagt, die öffentliche Diskussion sei nicht ausreichend offen. Insbesondere die Wirtschaft kritisiert, dass nicht alle wesentlichen Aspekte der Entwicklung diskutiert werden.

© Allensbach

Es wird doch umfangreich berichtet.

In unserer Umfrage im November hat sich knapp die Hälfte der Bevölkerung kritisch zur Medienberichterstattung geäußert. Das ist ein ganz ungewöhnlich hoher Wert, denn es ist keineswegs so, dass die Bevölkerung die Glaubwürdigkeit der Medien generell in Frage stellt. Sie ist normalerweise überwiegend zufrieden. Aber beim Thema Flüchtlingspolitik machen viele im Moment ein Fragezeichen. Auch die Elite sieht das so. Die Kritik der Führungskräfte richtet sich dabei aber weniger an die Adresse der Printmedien als an das Fernsehen.

Gerade dort soll die Ausgewogenheit durch die öffentlich-rechtliche Konstruktion gesichert sein.

Konstruktionen sichern keine Ausgewogenheit. Interessanterweise beurteilen Politik und Wirtschaft die Berichterstattung völlig unterschiedlich. Von den Top-Entscheidern der Politik haben fast 60 Prozent den Eindruck, dass die Berichterstattung des Fernsehens ausgewogen ist, in der Wirtschaftselite nur 35 Prozent. Gut 60 Prozent empfinden die Berichterstattung als einseitig.

Wirtschaftselite wünscht sich FDP-Comeback

Ein Gewinner der Krise ist bislang die AfD. Sie galt mal als „Professorenpartei“, hat aber für die Elite nie eine Rolle gespielt. Was ändert sich da jetzt?

Die AfD hat nach wie vor kein Potential bei den Führungskräften. Aber sie gehen zunehmend davon aus, dass sich die AfD dauerhaft etablieren wird. Gleichzeitig ist die überwältigende Mehrheit der Führungsspitzen überzeugt, dass dies keinen Rechtsruck in der Bevölkerung signalisiert, sondern dass die AfD zurzeit eine Ventilfunktion übernimmt. Sie hat im Moment Zulauf, da die im Parlament vertretenen Parteien in der Flüchtlingsfrage weitgehend überstimmen und es entsprechend keine grundsätzliche Kontroverse gibt. Im Parlament wird ja höchstens über Details der Flüchtlingspolitik gestritten. Entsprechend tun sich Wähler, die mit der Flüchtlingspolitik nicht einverstanden sind, schwer, im Parlament eine Alternative zu finden.

Ist die FDP dann der große Verlierer?

Insbesondere die Führungsspitzen der Wirtschaftselite halten es für wichtig, dass die FDP wieder in den Bundestag einzieht. Allerdings hat sich die Überzeugung, dass sie es schaffen wird, in den letzten Monaten wieder abgeschwächt. Für die FDP hängt deshalb viel von den kommenden Landtagswahlen ab. Die FDP hat derzeit das Problem, dass das Flüchtlingsthema alles überlagert und sie deswegen mit ihren Positionen kaum wahrgenommen wird.

Deutschland geht es ökonomisch gut. Werden die Sorgen wegen der Flüchtlingskrise nicht manchmal auch etwas überschätzt?

Momentan sind die Sorgen schon sehr groß. Wir fragen die Bevölkerung regelmäßig danach, wie sie der Zukunft entgegensieht. Im Herbst gab es einen deutlichen Einbruch der Zuversicht. Die Werte verharren seither auf einem so niedrigen Niveau wie wir es nur sechs Mal in der Nachkriegsgeschichte hatten. Und zwar jedes Mal in Zeiten ernster Krisen. Die Mehrheit hat das Gefühl, die Kontrolle über die Grenzen sei verlorengegangen, und die Politik hat auch signalisiert, dass sie die Entwicklung zurzeit nicht oder nur sehr begrenzt steuern kann. Das hat die Leute natürlich alarmiert. Ob sich diese Stimmung wieder ändert, hängt ganz wesentlich davon ab, ob die Zuwandererzahlen nachhaltig zurückgehen.


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