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  • Reportage

Alibaba - das Krokodil ist hungrig

, Claudia Wanner

Aus dem Nichts hat Jack Ma einen E-Commerce-Konzern aufgebaut, der heute den chinesischen Markt beherrscht. Nun plant er in New York einen historischen Börsengang – weil er viel mehr will

Jack Ma © Getty Images
Jack Ma hat mit Alibaba eine Art virtuellen Basar geschaffen: eine Plattform zum Einkaufen

„Unwissende fürchten sich nicht“, sagte Jack Ma. Der Alibaba-Gründer stand auf der Bühne der US-Eliteuniversität Stanford, die Reihen waren dicht besetzt. Die Professoren und Studenten wollten an einem Tag im Mai 2013 hören, was das Geheimnis hinter seinem atemberaubenden Aufstieg ist. Und im Prinzip antwortete Ma: Er hatte keine Ahnung. Und deshalb wohl auch keine Angst.

Jack Ma ist Ende vierzig, aber äußerlich hätte er an dem Tag einer der Studenten sein können: eine zierliche Gestalt im blauen, kragenlosen Pulli, ernst die Miene. Die schwarzen Haare so kurz, dass die Ohren abstehen, an der Stirn lugt eine Strähne heraus. Aber Ma ist kein Elitestudent. Nicht nur weil er zehnmal durch die Aufnahmeprüfung in Harvard fiel. Er hat es längst geschafft: Die Forbes-­Reichenliste führte ihn Anfang August mit ­einem Vermögen von 10,6 Mrd. Dollar auf Platz 115.

Im September plant Ma den nächsten Triumph: Er will Alibaba an die Börse bringen. Einen chinesischen Internetkonzern. In New York. An der Wall Street. Das Debüt könnte größer als das von Facebook werden, das größte der Internetgeschichte überhaupt. Seit Wochen jagen sich Superlative über den Börsengang des weltgrößten Online-Marktplatzes.

Was also sind die Voraussetzungen für den Erfolg? „Erstens hatten wir kein Geld. Zweitens verstanden wir nichts von Technologie. Drittens haben wir nie etwas geplant.“ Wenn Ma lächelt, dann nur als Andeutung in den Mundwinkeln. Er sei von seinen Zukunftschancen ­immer überzeugt gewesen, sagt er. Aber der phänomenale Aufstieg habe ihn selbst überrascht.

Anders als Jeff Bezos von Amazon, Pierre Omidyar von Ebay oder Facebook-Gründer Mark Zuckerberg brachte Ma tatsächlich keinerlei technische Expertise mit. 1999 baute der Englischlehrer in seinem Apartment in der Acht-Millionen-Stadt Hang­zhou mit 60 000 Dollar Startkapital und einer Handvoll von Freunden eine Website auf, die als virtueller Marktplatz diente: alibaba.com. Nur privilegierte Chinesen besaßen damals einen Computer.

Heute sind 618 Millionen Chinesen online, fast jeder Zweite von ihnen shoppt im Internet. Über die verschiedenen Plattformen von Alibaba wurden im vergangenen Geschäftsjahr Waren im Wert von 270 Mrd. Dollar umgesetzt, rund drei Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts – mehr als die Erlöse von Ebay und Amazon zusammen. Nur der US-Riese Wal-Mart setzt im Handel weltweit noch mehr um.

Einkaufstour in den USA

Der 49-jährige Ma gilt heute als Vater des chinesischen Internets, aber dazu brauchte er kein Technik-Know-how. Er ist der oberste Stratege und Chefmotivator eines sich immer weiter ausdehnenden Reichs. Deshalb der Börsengang: 15 Jahre nach dem Start will Alibaba Geld für den Angriff einsammeln. Das Emissionsvolumen soll bei rund 21 Mrd. Dollar liegen – mit einer Mehrzuteilungsoption könnten es sogar mehr als 24 Mrd. Dollar werden. Das wäre dann der größte Börsengang aller Zeiten. Die Investoren sind jedenfalls begeistert von Alibaba: Schon zwei Tage nach Beginn einer Roadshow in den USA waren die Papiere mehrfach überzeichnet. Kommt alles so wie geplant könnte der chinesische Internethandler mit einer Marktkapitalisierung von bis zu 200 Mrd. Dollar die von Amazon weit in den Schatten stellen.

Alibaba © Getty Images
In der Zentrale in Hangzhou hängt eine Weltkarte, die den globalen Anspruch illustriert

Ma hat noch viel vor. Im Heimatmarkt China diversifiziert der E-Commerce-Gigant in Bereiche wie die Logistik. Aber er wagt sich auch dorthin, wo die Internetstars wie Apple und Amazon zu Hause sind: Gerade hat Alibaba in den USA die Handelsplattform 11 Main für hochwertige Waren gestartet. Für den Aufbau der Zentrale im kalifornischen San Mateo hat man erfahrene Handelsexperten bei Gap, Wal-Mart und Ebay abgeworben. Der Konzern hat sich an 1stdibs beteiligt, einer Site, auf der Hermès-Taschen für 30 000 Dollar angeboten werden.

Es waren nicht die einzigen Deals in diesem Jahr: Mit 125 Mio. Dollar beteiligte sich Alibaba im März an Tangome aus Mountain View, einer App für Videotelefonate. Im April­ führten die Chinesen eine 250-Millionen-Finanzierungsrunde für den Carsharingdienst Lyft aus San Francisco an. Und erst Anfang August berichtete Bloomberg, dass Alibaba sich mit 10 Mrd. Dollar an Snapchat beteiligen will – eine Kampfansage an Google und Facebook, die vergeblich für den gehypten Fotodienst geboten hatten.

„Alibabas Investitionen der vergangenen Monate zeigen die Richtung. Das Ziel ist ein weltweites E-Commerce-Ökosystem“, sagt Michael Zhang, Analyst bei der China Market Research Group. „Alibaba will sein Geschäft außerhalb Chinas ausbauen, in die ganze Welt.“ 26 Deals im Wert von 16 Mrd. Dollar hat der Konzern seit Anfang 2012 angekündigt.

Ma hatte nicht nur keine Ahnung, er hatte auch keinen Respekt: „Amerikaner sind stark bei Hardware und Systemen, aber in Sachen Informationen und Software sind all unsere Hirne genau so schlau wie ihre“, schwor der Jungunternehmer sein erstes Dutzend Mitstreiter 1999 ein. Und sagte damals großspurig voraus, dass seine Aktie eines Tages Yahoo und Ebay überflügeln werde.

In einer Zeit, in der anderswo in China westliche Geschäftsideen kopiert wurden, startete er mit einem eigenen Konzept. Als „elektronischen Flohmarkt“ belächelten Experten seine Idee. Aber alibaba.com bot Wiederverkäufern aus aller Welt einfachen Zugang zu chinesischen Produzenten. So wie früher die Einkäufer auf der Kanton-Messe im Süden Chinas tagelang durch die Stände streiften, waren sie nun auf Alibaba unterwegs. Anders als Amazon oder Ebay zielte Ma nicht auf Privat-, sondern auf Geschäftskunden. Anfangs jedenfalls. Es folgten taobao.com für private Anbieter und Kleinhändler und tmall.com als eine Art Shop-in-Shop-System mit 70 000 Anbietern, dem sich vor Kurzem Hersteller wie Burberry und Estée Lauder angeschlossen haben. Und es gibt Alipay, ein elektronisches Zahlungssystem.

„Die Marktstellung von Taobao und Alipay in China entspricht der von öffentlichen Versorgern“, sagt David Wolf, Geschäftsführer beim Beratungsunternehmen Allison + Partners. „Sie gehören fest zum Alltag zweier Generationen.“

Alibaba © Getty Images
Den 11. November hat Alibaba zum „Single-Tag“ erklärt. Die Post hatte alle Hände voll zu tun: Allein über Alibaba wurden an diesem Tag Waren für 4,2 Mrd. Euro abgewickelt

Taobao und Tmall versenden 60 Prozent aller Postpakete in China. Alibabas Marktanteil im E-Commerce liegt bei 45 Prozent. 2013 stellte der Konzern einen Weltrekord auf: An einem Novembertag wurden über seine Plattform Produkte für 4,2 Mrd. Euro verkauft. Es war der „Single-Tag“, ein Gegenentwurf zum Valentinstag – erfunden vom Onlinehändler Alibaba.

Anders als Amazon unterhält der chinesische Anbieter keine Lagerhäuser oder Warenbestand, sondern stellt nur die Infrastruktur. Der Umsatz (Geschäftsjahr bis März 2013: 8,4 Mrd. Dollar) wirkt so auf den ersten Blick klein – Amazon setzte 2013 75 Mrd. Dollar um. Doch die Amerikaner machen geringe Profite, im zweiten Quartal meldete Amazon sogar einen Verlust. Alibaba dagegen verdiente zuletzt 3,7 Mrd. Dollar, dreimal so viel wie im Jahr zuvor.

Mission als Religion

Ma, verheiratet und Vater eines Sohnes, erhebt einen hehren Anspruch (den man von Google kennt): Er wolle das Leben seiner Mitmenschen verbessern. Sein Weggefährte Joe Tsai drückte es so aus: „Unsere zentrale Mission war und ist, es einfach zu machen, überall Geschäfte zu machen. Diese Mission ist unsere Religion.“ Für die Nutzung der Plattform müssen weder Käufer noch Verkäufer Gebühren zahlen, was Chinesen sehr schätzen. Geld macht das Unternehmen vorrangig mit Anzeigen und Dienstleistungen wie dem Design von individuellen Shop-Websites. Als 2003 taobao.com startete, dominierte Ebay den chinesischen Markt. Mas Angriff war aggressiv: Sein Angebot stellte er kostenlos zur Verfügung. Monatelang schrieb Taobao Verluste. Zwei Jahre später hatte es 70 Prozent des Marktes erobert. Ebay gab auf.

„Ich habe mir immer gewünscht, in Kriegszeiten geboren zu sein. Ich hätte General werden können“, hat Ma einmal gesagt. „Ich habe oft darüber nachgedacht, was ich in einem Krieg hätte bewegen können.“

Die meisten Käufer auf den Websites nutzen das konzerneigene Zahlungssystem Alipay. „Alipay hat den Boom von Alibaba erst möglich gemacht“, sagt Analyst Zhang. Denn es nahm den Käufern die Sorge, dass Internetzahlungen nicht sicher sind.

Im Ali-Universum mit 20 844 Angestellten genießt Ma Kultstatus. Alibaba habe sich „eine Start-up­Kultur bewahrt“, sagt der ehemalige Alibaba-Manager Andrew Teoh. „Die Struktur ist flach geblieben. Bürokratie ist ein Lieblingsfeindbild.“ „Hupan-Kultur“ nennt Ma seine Philosophie – nach dem Apartmentblock, in dem alles begonnen hat. Auch seine Mitarbeiter beurteilt er danach: Die Integrität und Leidenschaft des Kung-Fu sollen sie mit westlichen Elementen wie Teamwork und Kundenorientierung verbinden.

Anders als die meisten seiner chinesischen CEO-Kollegen scheut Ma weder Medien noch öffentliche Auftritte. Im Frühjahr organisierte er – schon zum neunten Mal – eine Massentrauung für 102 Hochzeitspaare im traditionellen chinesischen Stil. Am Stammsitz in Hangzhou feiern dann Angestellte mit Partnern und Kindern oder treten als Tänzer, Sänger und Schauspieler auf. Zum zehnjährigen Firmenjubiläum kam der Gründer mit hüftlanger blonder Perücke und Lederjacke und rockte eine Version des Elton-John-Hits „Can You Feel the Love Tonight“.

Jack Ma © Getty Images
Beim zehnjährigen Firmenjubiläum trat Ma als Punkrocker auf
Alibaba © Getty Images
Mit dem Segen von Jack Ma formierten sich 688 Hochzeitspaare im Mai 2013 auf dem Firmengelände zum „I Love You“ .

Doch als Mr Nice Guy geht Ma nicht durch. Die Partner Yahoo und der japanische Technologiekonzern Softbank haben das zu spüren bekommen. Beide sind Investoren der ersten Stunde. Und wurden vor drei Jahren von der Mitteilung geschockt, dass Alipay heimlich in eine separate Gesellschaft überführt worden war. Um neuen Aufsichtsregeln im Land zu genügen, wie Ma später betonte.

Tötet die Pinguine!

Dem Konkurrenten Tencent, dessen Maskottchen ein Pinguin ist, drohte Ma gar mit Vernichtung. „Die Pinguine haben die Antarktis verlassen. Sie passen sich an die Wärme an, versuchen die ganze Welt zu ihrem Lebensraum zu machen“, warnte er den Marktführer bei Messaging-Diensten wie Wechat. „Wir müssen die Oberhand gewinnen und am Südpol einmarschieren, um sie zu töten.“

Aus dem Tagesgeschäft hat sich Ma zurückgezogen und den Posten des Vorstandsvorsitzenden an Jonathan Lu abgegeben. Ma widmet einen Teil seiner Zeit Wohlfahrtsverbänden und engagiert sich für die Organisation Nature Conservancy gegen die verheerende Umweltverschmutzung in China. Doch im Hintergrund zieht er weiter die Fäden.

In China drängt Alibaba seit einiger Zeit in den Bereich Mobilität. Das Unternehmen hat sich am Kartendienst Autonavi beteiligt, beim Internetvideoanbieter Youku Tudou investiert, das Logistikunternehmen China Smart Logistics mitbegründet und sich Anteile an einem Fußballklub geleistet. Vor einem Jahr brachte es Yu’e Bao auf den Markt, ein hochverzinsliches Geldmarktprodukt. „Die Finanzindustrie braucht einen Störer, sie braucht einen Außenseiter, der die Transformation anstößt“, erklärte Ma dazu.

Zugleich hat der Konzern ein Investmentteam auf westliche Märkte angesetzt. O2O heißt das heiße Schlagwort, Online-to-offline. Es geht um Dienstleistungen für das reale Leben, die im Netz bestellt und bezahlt werden. „Innovationen werden in vielen Branchen durch Außenseiter angestoßen“, hat Ma in einem Beitrag für die „People’s Daily“ geschrieben, einem Organ der kommunistischen Partei.

In Stanford gab er im Mai 2013, wo er zu seinem Abschied als CEO sprach, den Zuhörern noch einen Ratschlag mit auf den Weg: „Einmal im Leben müssen Sie etwas wagen. Arbeiten Sie hart an einer Sache, riskieren Sie eine Veränderung. Es kann nämlich überhaupt nichts Schlimmes passieren.“ Seine Konkurrenten dürften das anders sehen.

Wer ist Jack Ma?

Als Übersetzer reiste Ma Yun – Jack  Ma – 1995 in die USA. In Kalifornien führte ihm ein Freund seinen Computer mit Internetverbindung vor. Damals war das nichts Alltägliches. Ma war sofort fasziniert.
Zurück in China startete Ma einen der ersten Internetdienste seines Landes: China Pages, ein Art Online-Branchenbuch. Weil es mit der Technik hakte und der Erfolg ausblieb, gab er bald darauf wieder auf. Ein paar Jahre später versuchte er erneut sein Glück. In seinem Apartment gründete er mit Freunden Alibaba.
2013 zog sich Ma vom Posten des CEO bei Alibaba zurück und wurde Verwaltungsratschef. Das Internet sei „etwas für junge Leute“ begründete er seine Entscheidung. Doch die Fäden zieht der Gründer weiter.
Die Nummer 29 auf der chinesischen Reichenliste Hurun engagiert sich gegen Luftverschmutzung in China und als Philanthrop. Mit einem Teil seiner Alibaba-Anteile will er einen der größten Wohltätigkeitsfonds in Asien schaffen: ausgestattet mit einem Kapital von geschätzt 3 Mrd. Dollar.

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um eine leicht aktualisierte Fassung unserer Alibaba-Geschichte aus dem aktuellen Heft (09/2013). Alibaba gehört zu den Unternehmen aus Schwellenländern, die wir in dieser und den kommenden Ausgaben in der Serie "Die neuen Welteroberer" vorstellen. Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten


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