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Alles auf Zucker

, Christian Litz

Mit dem Ende der Zuckerquote muss sich auch der größte Produzent Europas der weltweiten Konkurrenz stellen. Ein Blick hinter die Kulissen des Südzucker-Konzerns.

© Basti Arlt

Ich bin inmitten eines Weltkonzerns aufgewachsen. In Eppingen im Kraichgau, Nabel des globalen Zuckerrübenanbaus. Der Boden dort: lehmig braune Lösserde. Das Wetter: Sonne, aber nicht zu viel; Regen, aber auch nicht zu viel. Rüben wollen es nicht zu warm und nicht zu nass.

Jugenderinnerungen: Im Morgennebel ziehen Traktoren überladene Anhänger durch die Hügellandschaft. Ich mit dem Mofa dazwischen. Habe mal vier Anhänger an einem Traktor gesehen. Wenn es schneite, war alles weiß, bis auf die Hügel gerodeter Zuckerrüben. Vermummte Gestalten. Atemwolken. Wie ein Breughel-Gemälde. Kam ich nach einer Stunde wieder vorbei, war kein Mensch mehr da. Keine Rübe. Alles matsch-braun. An Rübengeruch kann ich mich nicht erinnern. Nur an den der Erde.

Die Rübenladungen gingen nach Waghäusel. Zur Zuckerfabrik. Gehörte zum größten Zuckerproduzenten der Welt: der Südzucker AG. 7 Mrd. Euro Umsatz zuletzt, gelistet im M-Dax. Von der Zentrale in Mannheim reicht das Zuckerimperium bis nach Chile, USA, Osteuropa. Ein Weltkonzern, dessen Wurzeln tief im Kraichgauer Boden stecken. Die Mehrheit an der Südzucker AG halten die Rübenbauern in der Region. Und jeder, der hier aufwächst, ist über zwei Ecken Teilhaber des Imperiums. Ich besitze, klar, Aktien der Südzucker AG.

Für die Rübenbauern ist das alles ein Selbstbedienungsladen. Sie bauen an, liefern die Rüben zu den Fabriken der Südzucker AG und verdienen. Dann verwandeln die Fabriken die Rüben in Zucker, verkaufen ihn, als Hauptaktionäre der Südzucker verdienen die Bauern noch mal. Die EU garantiert ihnen einen Mindestpreis für die Rübe. Die EU sperrt mit Zollschranken und Importverboten ausländische Konkurrenz aus. Die EU gibt eine Zuckerquote von 13,5 Millionen Tonnen pro Jahr vor, und hält die Zuckerpreise hoch. Mit der EU-Zuckermarktordnung hat Europa eine dicke Mauer um das Paradies der Rübenbauern gezogen.

Bloß. Der Zaun steht nur noch bis September 2017. Die Zuckermarktordnung gilt zwar noch, ist aber jetzt schon Geschichte. Die Preise werden sich dann mit der Konkurrenz aus aller Welt messen müssen. Und die Frage ist: Was passiert dann im Kraichgau?

Im Interesse von Südzucker müssten die Bauern sich selbst niedrige Rübenpreise diktieren

Vielleicht dies: Südzucker fegt alle Konkurrenten vom Markt. Allein wegen der 29 Südzucker-Fabriken, deren Skaleneffekte, der Möglichkeit, Preise zu drücken, bis andere brechen. Eine Zuckerfabrik ist wahnsinnig teuer. Steht sie aber erst einmal, ist fast egal, ob 5.000 Tonnen Rüben zu Zucker gemacht werden oder 50.000 oder 500.000 Tonnen. Die Kosten bleiben praktisch gleich. Wenn es keine Zuckerquoten mehr gibt, werden die größten Fabriken den billigsten Zucker herstellen. Und Südzucker hat die meisten und größten Zuckerfabriken. Wenn sie billige Rüben einkaufen kann, könnte sie mit Kampfpreisen alle anderen kaputtmachen.

Nur die billigen Rüben, die wird Südzucker brauchen. Aber die kriegt sie ja von den Bauern. Denen Südzucker gehört. Und da wird es dann kompliziert: Im Interesse von Südzucker müssten die Bauern sich selbst niedrige Rübenpreise diktieren. Im Interesse der Bauern müsste Südzucker aber weiter hohe Rübenpreise zahlen. Die Bauern werden einen Preiskampf mit sich selber führen. Und sich fragen müssen, wie sie Geld verdienen wollen: als Bauer oder Aktionär? Was wird stärker sein, kurz- oder langfristige Gier?

Es wird jetzt Herbst. Ich bin zurück im Kraichgau. Wieder zwischen den Rübenäckern, neugierig. Wer gewinnt, wenn man gegen sich selbst kämpft?

Die Rüben warten nach dem Ernten in mannshohen Mieten auf ihren Abtransport. © Basti Arlt
Die Rüben warten nach dem Ernten in mannshohen Mieten auf ihren Abtransport.

Es ist nachts um 4 Uhr auf Feldern zwischen Gemmingen und Schwaigern. Regen. Fledermäuse. Schlamm. Wolken verdecken den Mond. Wo früher Trecker tuckerten, wühlt heute Hightech. Rübenmaus 5 ist ein Gigant und wirkt wie ein Raumschiff. Knallgelb. Sensoren, Kabelstränge. Zwei Arme, die durch die Nacht fuchteln wie ein Hip-Hopper. Der eine ein Förderbandarm, der Rüben auf 40-Tonner wirft, die auf dem Feldweg warten. Der andere trägt den 1 400-Liter-Dieseltank. Als Gegengewicht, damit Rübenmaus 5 unter der Last der Rüben nicht umkippt.

Die Rüben liegen schon als mannshohe Mieten am Ackerrand. Der Rübenroder war vorher da, hat sie aus dem Boden geholt. Jetzt verschlingt sie die Rübenmaus. Ein sogenannter Rübenreinigungslader. Vorn, in seiner zehn Meter breiten Schaufel, drehen sich Rollen auf dem Acker gegeneinander, ein Riesenschlund, der die Rüben aus den Mieten schluckt, Erde abklopft, loses Grün aussortiert. Ab aufs Förderband, dann knallen die Rüben in den Laster. Jede Rübe ein Schlag. Walter Krebs aus Eppingen, wie alle in gelber Signalweste, sitzt vier Meter hoch im Cockpit, bedient zwei Joysticks, hat mehrere Tablets vor sich, einen Knopf im Ohr und die knisternden Geräusche des Funkgeräts um sich herum.

Krebs mag die Maschine. Sie ist neu, arbeitet erst seit heute Morgen. Hat noch Probleme mit dem Transponder, der Infos wie die geladene Menge direkt an den Lastwagen und die Zuckerfabrik schickt. Also muss er Sprechfunk nutzen, Dateneingabe im Laster dann per Hand. Dreimal kommen in den ersten zwölf Stunden Experten von Südzucker und Ropa, der Firma, die Rübenmaus 5 gebaut hat. Egal, das Ding macht Walter Krebs Spaß. Krebs bedient Rübenmäuse und ihre Vorgänger seit 1993, und heute Nacht bricht er Rekorde. Einen Laster mit 27,5 Tonnen Rüben füllt er in 2 Minuten 47, einen in 2 Minuten 50. Viele in drei Minuten. Rübenmaus 4 hat vergangenes Jahr noch vier Minuten gebraucht.

Die besten Rübenböden Europas

Die Rüben bringen derzeit einen von der EU garantierten Grundpreis von 26,29 Euro pro Tonne. Dazu: Qualitätsprämie 0,63 Euro, Rübenmarktvergütung 4,12 Euro, eventuell noch ein Bonus für nachhaltigen Anbau von 1,00 Euro. Die Böden im Kraichgau sind die besten Rübenböden Europas. Bis zu 89 Tonnen Ertrag pro Hektar. Wer das aus seinem Acker holt, buddelt hier also nachts rund 2.800 Euro pro Hektar aus.

Rübenmaus 5 wird zum nächsten Acker verlegt. Krebs drückt auf den Touchscreen, die Maus fährt alles ein, was sie hat. Die Schaufel zerlegt sich, fährt hoch. Tentakeln schwenken nach vorne oder hinten, bis sie schlank ist wie ein Lastwagen. Kann nun auf die Straße. Hightech, eine halbe Million Euro teuer. Banken finanzieren. Ist die Rübenmaus abgeschrieben, wird sie in Osteuropa verkauft. Lohnt sich.

Krebs folgt Leuchtpfeilen, die Lotsen an den Kreuzungen in die Erde gerammt haben. Orientierungshilfe für die Fahrer. Die Lotsen dirigieren hier Laster und Rübenmaus per Funk, per Leuchtpfeil. Die Nacht ist Abenteuer auf Äckern. Viel Technik, viel Macho, viel Action. Trotz Sensorik und digitaler Datenhuberei wird ständig improvisiert. Aus dem Funkgerät knirscht „tschtsch, krr, Verkehrsbefragung in Böckingen, krrsch, Stau“. Der Lotse reagiert mit „Torsten, hör zu, mir fahret über Massenbachhausen“. Wie Jogi Löw in der Halbzeitpause.

Wer wird sich durchsetzen - der Aktionär auf dem Acker oder der Bauer mit den Aktien?

Als es in der zweiten Nacht stark regnet und die Arbeit zum Tiefseetauchen in Matsch wird, dirigiert der Lotse Laster um, damit nicht zu viel Matsch auf die Straße kommt zwischen Gemmingen und, verdammt, wo geht es da hin? Richen? Ich kenne die Gegend, aber verliere die Orientierung in der Dunkelheit bei diesem ständigen Rasen auf Feldwegen.

Dann wieder mit Walter Krebs an der Rübenmaus. Erkläre ihm meine Theorie, dass Südzucker ab 2017 als größter Hersteller die Konkurrenz leicht vom Markt fegen könnte, wenn die Rübenbauern mitspielen. Aber, „so einfach ist das nicht“, sagt er. Die Konkurrenz, die bleibe ja, und woanders wird sie es leichter haben. Wenn die Quote fällt, werden acht EU-Länder ihren Bauern trotzdem weiter Prämien für ihre Rübenäcker zahlen. Ungarn, Polen, Spanien, Italien zum Beispiel. „Das wird kein freier Markt“, sagt Krebs, „nur in Deutschland. Wir sind blöd.“

Aber wie werden sie es hier im Kraichgau halten? Zahlen sie sich weiter ordentlich Mindestpreise oder hängen sie sich an den Markt? Und wer wird sich durchsetzen: der Aktionär auf dem Acker oder der Bauer mit den Aktien? Ach, Krebs sieht das lässig. Wird sich finden. Am Ende gebe es eh immer einen Kompromiss. Obwohl, ja, okay, garantiertes Geld sofort „schon besser ist als vielleicht mal viel Geld in der Zukunft. Wir haben ja Investitionen, wir Bauern, wir können nicht ewig warten.“ Zusammengefasst also: Wir hier, wir sind die Rübenbauern, -Kerle. Südzucker, das sind die in Mannheim. Die sind doch alle promoviert.

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Das Werk in Rain ist eine von 29 Zuckerfabriken des Südzucker-Konzerns. © Basti Arlt
Das Werk in Rain ist eine von 29 Zuckerfabriken des Südzucker-Konzerns.

Weiter durch die Nacht. Im Lkw zur Fabrik. Ich fahre mit Reinhard Keller. Wir kennen uns aus der Grundschule. Unterwegs grüßt er Rübenlaster, die entgegenkommen, erzählt, was Rainer, Volker und Jürgen heute machen. So Zeug. Wer wen geheiratet hat. Wer von wem wie viel pachtet. In Offenau vor der Fabrik sind sechs Laster vor uns. Reinhard sagt: „Stau.“

Neun Minuten später steht unser Laster auf der Waage. Das Display der Waage zeigt die Daten vom Transponder aus dem Lastwagen an. Weiter. Innerhalb von zwei Minuten spritzt ein Wasserstrahl alle Rüben vom Laster. Von oben schauen durch eine große Glasscheibe zwei Männer zu. Weiter. Laster auf die Ausgangswaage. Daten aufs Display. Weiter. Was machen die beiden da oben? Die, erklärt Reinhard, schätzen, wie viel Erde dabei ist. „Gibt Abzug.“

So wird das jetzt ununterbrochen gehen, drei Monate lang, mindestens. Läuft eine Zuckerfabrik erst mal, darf sie nicht mehr stoppen. Sie muss 24 Stunden am Tag gleichmäßig laufen, sieben Tage die Woche. Pausen wegen fehlenden Nachschubs, technischer Probleme oder Energiemangel würden ein klebrig-festes, sechsstöckiges Bonbon in der Landschaft produzieren. Eine Zuckerfabrik, die eine halbe Milliarde Euro kostet, wäre Karamell.

Ist meines Wissens nie passiert. Hätte davon auf dem Schulhof gehört. Aber die Gefahr führt dazu, dass die Zuckerindustrie ihre Abläufe perfektioniert hat. Während der Kampagne werden die Fabriken non-stop gefüttert, und die Bauern verdienen längst an der ganzen Logistik drumherum mit. Sie haben Transportgemeinschaften gegründet, so wie Walter Krebs und Reinhard Keller und die anderen, die draußen gerade auf dem Acker stehen. Sie investieren in Lademaschinen und Riesenaufleger, bringen ihre Rüben direkt zur Fabrik, damit sie läuft und läuft und läuft. Ununterbrochen von Ende September bis Dezember, inzwischen sogar bis Januar.

56 Prozent der Südzucker-Aktien sichern 17.000 Rübenbauern die Macht im Konzern

Bei den Schätzern hinter der Glasscheibe. Jürgen Nerger ist Südzucker-angestellt. Der andere, Josef Martin, vom Verband baden-württembergischer Zuckerrübenanbauer. Beide also mit unterschiedlichen Interessen. Für jeden Laster, und in 24 Stunden kommen bis zu 700, haben sie zwei Minuten, um drei Zahlen festzulegen. Wie viel Erdanhang haben die Rüben, wie viel lose Erde die Ladung, wie viel Rübenköpfe? Nerger steuert den Wasserstrahl, der alles vom Laster spritzt, und schaut auf den Bildschirm. Kommentiert Zahlen, die Martin gegenüber eintippt. „Drei? Gut.“ Es geht um Prozente. „Keine Zeit, uns zu streiten“, sagt Martin.

Nebenan das Labor. Aus jeder Ladung zieht wer Rüben, bevor die vom Laster gespritzt werden. Häckselt sie zu Matsch. Eine Probe kommt in ein Döschen, Barcode drauf, Tiefkühlschrank. Einmal die Woche wird alles ins Zentrallabor gefahren. Dort der Zuckergehalt bestimmt. Der Bauer bekommt die Info aufs Laptop. Plus SMS. Jetzt weiß er genau, wie viel er verdient hat. Am 12. Dezember kommt die Überweisung.

Ich fahre nach Ochsenfurt, bei Würzburg. Auch da eine Südzuckerfabrik, vielleicht die wichtigste. Rübenwaschanlage, Rübentransportbänder, riesige Kessel, in denen Rübenschnitzel verarbeitet werden. Gegenüber hat Fred Zeller sein Büro. Er ist Geschäftsführer der Süddeutschen Zuckerrübenverwertungsgenossenschaft, SZVG. 17.000 Rübenbauern sind in dem Verband zusammengeschlossen, und gemeinsam gehören ihnen jene 56 Prozent der Südzucker-Aktien, die ihnen die Macht im Konzern sichern. Sie haben außerdem einen Deal mit einer österreichischen Raiffeisen-Gesellschaft, der noch mal zehn Prozent gehören. Der Vertrag besagt: SZVG und Österreich, 66 Prozent der Anteile, stimmen immer identisch ab. Nichts geht bei Südzucker ohne sie. Sagt Zeller „wir“, muss ich aufpassen: Manchmal meint er die Rübengenossen, manchmal Südzucker.

Rübenbauer-Wir stärker als Südzucker-Wir

Verbandschef Fred Zeller (l.) mit dem Chef einer Rübenverladeeinheit auf den Äckern im Kraichgau. © Basti Arlt
Verbandschef Fred Zeller (l.) mit dem Chef einer Rübenverladeeinheit auf den Äckern im Kraichgau.

Zeller trägt hellgrauen Anzug, rote Krawatte, weißes Hemd, trinkt Kaffee schwarz, wirkt souverän und offen. Ist groß, schlank, grauhaarig, hat Humor. Er schaue jeden Morgen den Südzucker-Aktienkurs an. „30 Euro, da hab ich mich gewundert. Das war die Südzucker nie wert. Jetzt bei 14 Euro …“ Er will andeuten: Chance! Jetzt einsteigen!

Seine zwei Wirs, dieser schizophrene Wechsel hin und her, sind für mich ein Problem. Zuerst denke ich, für ihn auch. Am Ende ist klar, sein Rübenbauern-Wir ist stärker als das Südzucker-Wir. Er ist ja selbst erst mal Rübenbauer. Na ja, „Nebenerwerbslandwirt, 20 Hektar“. Nette Anekdote: Wie er am Nachmittag nach dem Deutsch-Abi aufs Feld ging, „vereinzeln“. Die anderen fuhren nach Italien. „War damals noch eine Sensation.“ Vereinzeln muss man Rüben heute nicht mehr. Doch früher gingen die Bauern mit Hacken aufs Feld, entfernten Keime, um Platz für andere Rüben zu schaffen. Rüben sind „zweijährige Pflanzen, im ersten Jahr bilden sich Wurzeln, im zweiten die Samen. Die sind ein Knäuel, den man früher einpflanzte.“ Früher.

Heute gibt es Samen als bunte Pillen. Südzucker schreibt vor, ob man eine Hannibal sät, eine Kleist, eine Lessing, eine BTS 440 oder eine andere Rübe. Das ist Vertragsanbau, es geht darum, so Zeller, „dass die Rüben gut durch die Fabrik laufen“. Man setzt sie im Abstand von 15 Zentimetern. Man kann heute alles mit der Maschine erledigen. Meldet digital, wo man gesät hat. Der Boden geht vorher als Probe ins Labor: Nährstoffe, Humus, Schädlinge. Der Bauer gibt den Kollegen am gemeinsamen Rübenroder per Rechner genau vor, wo sie die Ernte für die Transportgemeinschaft ablegen müssen. Die kriegt die GPS-Daten auf die Displays. Alles berechnet. Man ist Teil der Maschine. Weshalb der Ertrag von Rekordernte zu Rekordernte wächst. Heute ist jede Rübe, jede, in einer Datenbank registriert, bevor sie geerntet wird. Es gibt Maschinen, die Rüben, bevor sie geköpft werden, mit Infrarot abtasten. Es geht um Millimeter. Für schlecht geköpfte Rüben zieht Südzucker Prozente ab.

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Ein Schild zur Arbeitssicherheit in der Zuckerfabrik Rain. © Basti Arlt
Ein Schild zur Arbeitssicherheit in der Zuckerfabrik Rain.

Das fing mal anders an. Als die Süddeutsche Zucker AG 1926 gegründet wurde, ging’s noch um Handarbeit. Groß war die AG trotzdem schon. Zusammenschluss aus fünf Fabriken. In der Weimarer Republik dominierte ein italienischer Investor die AG, nach dem Krieg war die Deutsche Bank Großaktionär, Hermann Josef Abs war von 1951 bis 1968 Vorsitzender des Aufsichtsrats. Die Fabrik hier in Ochsenfurt wurde 1956 gebaut – und sie ist übrigens der Grund, warum die Bauern bei Südzucker heute so eine Macht haben.

Also. Die Süddeutsche Zucker AG wollte nach dem Krieg diese Fabrik, und für den Bau wollte sie Geld aus dem Marshallplan. Das gab es aber nur unter der Bedingung, dass die Rübenbauer Gesellschafter der Fabrik würden. Die Süddeutsche Zucker wollte eigentlich allein bauen. Und wenn das nicht ging, dann wenigstens die Mehrheit. Intrigen, ein tobender Staatssekretär, Poker. Die Fabrik hieß schließlich Zuckerfabrik Franken GmbH, die Bauern bekamen 51 Prozent.

Zellers Vater, heute 82 Jahre alt, war dabei. 1950, als die Genossen sich vorbereiteten, gab jeder ein Darlehen für den Bau an die dafür gegründete SZVG. Die Zellers zum Beispiel 150 Mark. Wer kein Geld hatte, konnte mit Rüben bezahlen. Auf das Investment von 1950 wurden 2013 29,4 Prozent Zinsen bezahlt. 2014: 16,3 Prozent. Die Landwirte suchten damals aber gar nicht nach Geldanlagen. „Sie wollten Rüben verkaufen“, sagt Zeller. Mit den Darlehen sind Lieferrechte verbunden. „Mein Vater kaufte Einlagen als Wunschmenge für den Hof: Ich kann so und so viel Rüben produzieren, also kaufe ich entsprechende Anteile.“

Die SZVG behielt seit ihrer Gründung jedes Jahr einen kleinen Anteil vom Rübengeld der Bauern ein und füllte damit eine Kriegskasse. Von dem Geld kauften sie Anteile an der Süddeutschen Zucker AG. 1988, nach Jahren des Widerstands vom Kartellamt, kam die Fusion von Frankenzucker und Süddeutscher Zucker AG. Wilde Zeiten folgten, Internationalisierung, Diversifizierung: Immer wenn Südzucker Kapitalerhöhungen durchzog, finanzierten die süddeutschen Rübenbauern locker mit, denn die Abzüge vom Rübengeld flossen ja weiter an die SZVG. Es dauerte nicht lang, und die SZVG übernahm die Mehrheit. Südzucker stieg in Belgien groß ein. In Frankreich. Österreich. Ostdeutschland. Osteuropa. Diversifizierte. Baute vor 25 Jahren Offenau, die modernste aller Zuckerfabriken. Würde heute niemand mehr wagen. Zu viel Risiko.

B2B, Tiefkühlpizza-Bäcker, Portionsverpacker

Soziologischer Hintergrund übrigens: Je billiger der Zucker, desto höher der Entwicklungsstand eines Landes. Soziologen sehen Zuckerpreise als Indikator für den Zustand der Gesellschaft: Je höher entwickelt ein Land, desto weniger Zucker verbrauchen Konsumenten direkt. Stattdessen landet er in Softdrinks, Süßigkeiten, Eis. In Backfabriken und Großmolkereien. In Penizillin-, Hefe- und Waschmittelfirmen, die ihre Bakterienkulturen füttern müssen. 33 Kilo Zucker pro Kopf verbrauchen Europäer im Jahr, wobei gilt: je weiter nördlich ein Land, desto mehr Zucker. Ein Statistik-Chinese kommt auf drei Kilo Zucker im Jahr. Da geht noch was.

Zucker im Supermarkt? Kleinkram. Alle, mit denen ich spreche, checken mich ab. Was kostet ein Kilo Zucker in meinem Supermarkt? Wusste ich nicht. „Sehen Sie, Zucker an sich spielt keine Rolle mehr.“ Manchmal kostet ein Kilo 65 Cent, selten mehr als 90 Cent. Südzucker nennt Kunden zwar nicht, aber Südzucker verdient woanders: mit Haribo, Nestlé, Coca-Cola, Unilever, Dr. Oetker, Henkel, Procter and Gamble, Mars. Es geht nur um B2B.

Südzucker ist außerdem Europas größter Tiefkühlpizza-Bäcker; größer als Wagner oder Dr. Oetker, bloß ohne eigene Marke. Südzucker ist größter Portionsverpacker Europas; ob Zucker, Kekse, Marmelade, Feuchttücher oder Kondensmilch, die kleinen Portionen werden von einer Südzucker-Tochter verpackt. Südzucker ist größter Lieferant von Fruchtmischungen; rührt man den Boden eines Joghurtbechers hoch oder knickt etwas hinein, bewegt man das Produkt einer Südzucker-Tochter. Apfelsaftkonzentrat machen sie auch, selbst in China. Ricola-Bonbons bestehen zu 90 Prozent aus Isomalt, einem Südzucker-Produkt. Das könnte eine Weile so weitergehen. 18.500 Mitarbeiter hat Südzucker. Und die 17.000 Rübenbauern, die den Laden kontrollieren.

Paletten mit Gelierzucker im Werk Rain. Doch Zucker für den Handel ist nicht das Hauptgeschäft. © Basti Arlt
Paletten mit Gelierzucker im Werk Rain. Doch Zucker für den Handel ist nicht das Hauptgeschäft.

Bauern und Südzucker: Eine "Schicksalsgemeinschaft"

Zurück ins Büro von Fred Zeller in Ochsenfurt. Wie wird das alles weitergehen? Wird der Weltkonzern mit niedrigen Zuckerpreisen die Konkurrenz ausstechen oder doch lieber hohe Rübenpreise zahlen? Schnell Geld für die Landwirte oder auf Dauer Südzucker starkmachen? Zeller schaut durch das große Fenster auf die Fabrik und klingt bedeutungsschwer: „Landwirte denken schon immer langfristig.“

Was Zellers Rübenbauer-Wir aber sonst über den Rübenpreis der Zukunft sagt, klingt eher bedrohlich für Südzucker: „Es ist eine wechselseitige Abhängigkeit. Wenn sie Rübenpreise reduzieren, liefern Landwirte nicht mehr. Wenn wir ein Jahr keine Rüben liefern, wäre Südzucker sofort zu. Wir könnten ja auch Raps, Mais, was weiß ich was säen.“ Wenn der Preis wegen des freien Marktes falle, würden einzelne Fabriken schließen müssen. „Die kriegen dann keine Rüben mehr. Wir müssen gucken, dass wir durchhalten.“

Über die Bauern und Südzucker sagt er: „Schicksalsgemeinschaft.“ Aber er hat auch ein Beispiel dafür, dass Südzucker am Ende doch lieber tut, was die Bauern wollen.

Vor ein paar Jahren zwangen die Landwirte die AG dazu, in Ethanol zu machen. Als zusätzliches Standbein und um den Rübenmarkt zu entlasten – weil so noch mehr Rüben abgenommen werden konnten. Die Idee war: Öl ist teuer und wird noch teurer werden, da hat alternativer Brennstoff Zukunft. Mit Fördermitteln wurde in Sachsen-Anhalt eine Anlage zur Herstellung von Bio-Ethanol hochgezogen, 2005 war Eröffnung. Einer von Südzucker, erzählt Zeller, habe ihn damals an der Krawatte gepackt und gesagt: „Wenn der Ölpreis je unter 100 Dollar fällt, sind Sie schuld, dass wir das Ding haben.“ Als ich mit Zeller in seinem Büro sitze, dümpelt Öl gerade bei 50 Dollar. Konnte keiner ahnen.

Haben die Landwirte zu viel Einfluss? Tja.

Die Macht der Rübe. Ich hatte sie auch früher schon gesehen. Im Sommer, bei der Hauptversammlung von Südzucker. Es war Juli, es war im Mannheimer Rosengarten, ich sah Kleinaktionäre weinen. Ältere Ehepaare, Aktionäre seit den 70ern, die sich entsetzt anschauten, weil ihnen klar war, dass es egal ist, was sie auf den Abstimmzetteln ankreuzen. Die Rübenbauern sind die Macht. Fertig.

Der operative Gewinn nämlich hatte sich im letzten Geschäftsjahr fast halbiert. Ja, der niedrige Zuckerpreis. Aber auch 200 Mio. Euro Bußgeld, die das Kartellamt wegen Preisabsprachen gegen Südzucker verhängt hatte. Dazu musste die AG Rücklagen bilden für drohende Strafen vor Zivilgerichten. Eigentlich ein Grund, den Vorstand zu grillen.

Auf der Bühne aber sagte der Vorstandsvorsitzende der Südzucker AG, Wolfgang Heer, ganz lässig, dazu sage er nichts. Die Macht der Rübe steht hinter ihm. Ein Aktionär fragte auf dem Podium jämmerlich: „Sind die Landwirte ein Problem, weil sie zu viel Einfluss haben?“ Tja.

Ich fahre zu Hans-Jörg Gebhard, der im Sommer die Aktionärsversammlung leitete. Fred Zeller hat mir den Termin im Herzen der Macht besorgt. In Eppingen. Daheim. Über dem Sandsteintorbogen, durch den ich muss, steht „Heinrich Gebhard, 1851“. Reinhard Keller, der aus dem Lkw, wohnt auf der anderen Straßenseite.

"Ins Blaue baue ich keine Rüben an."

Von außen sieht die Anlage unscheinbar aus. War mir nie aufgefallen. Drinnen ein Hof, sanierte Häuser, Hazienda-Touch. Hans-Jörg Gebhard trägt ein kurzärmeliges Hemd, einen Grunge-Bart, eine bullige Uhr. Mehrere Leute hatten mir erzählt, er sei „durchsetzungsstark“.

Gebhard ist Aufsichtsratsvorsitzender der Südzucker AG. Seit 15 Jahren. Außerdem ist er Vorstand des Verbands Süddeutscher Zuckerrübenanbauer, VSZ, der Schwesterorganisation der SVZG. Jeder Rübenbauer ist Mitglied in beiden Verbänden. Die SVZG kümmert sich eher ums Geld, etwa die Verteilung der Südzucker-Dividende. Beim VSZ geht es mehr um die Rüben. Welche wird dieses Jahr gepflanzt? Solche Fragen. Da ist Gebhard seit 20 Jahren der Chef. Außerdem Landwirt, 180 Hektar, auf 50 Rüben. Vor Kurzem feierte er 60. Geburtstag. Bericht in der Lokalzeitung. Wirkt jünger. Strahlt Autorität aus.

Ein Konferenztisch mit Butterbrezeln. Ich grüße ihn von Hans-Jürgen, seinem Lehrer in der vierten Klasse. Freund meiner Eltern, gestern hatte ich den besucht. Es geht nett los, aber das Gespräch wird schnell ein Geschiebe. Ich will wissen, wie es mit den Rübenpreisen weitergeht, er versucht zu lenken. Baut Zeitdruck auf. Drängt zu Allgemeinem: „Wir Landwirte sind Getriebene eines gnadenlosen Systems. Überall Discounterpreise, das geht nur, weil wir so effizient arbeiten und so wenig kriegen.“ – „Dieses Geschäftsmodell, schneller, höher, größer, weiter, das ist doch nichts.“ – „Es liegen schwierige Jahre vor uns. Entweder kommen wir aus dem Tal raus, oder diese Industrie geht kaputt.“ – „Größe ist das Entscheidende. Wir müssen so viel Menge haben, dass wir nicht austauschbar sind.“

Er wirkt entspannter bei den Themen Effizienz, Organisation, Technik. Stolz, wenn er sagt: „Wir haben die höchsten Zuckererträge pro Hektar.“ Und wenn er „wir“ sagt, meint er eindeutig die Rübenbauern, nicht wie Zeller vielleicht auch Südzucker. Er sagt: „Ins Blaue baue ich keine Rüben an.“ Also: ohne zu wissen, wie viel die Rübe denn am Ende bringt. Der Satz setzt auf wie eine Bowlingkugel, rollt drohend, und eines Tages wird er vielleicht mal die Dividende abräumen.

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Südzucker-Interessen über Rübenbauer-Interessen?

Wir verabschieden uns. War der letzte Termin. Ich fahre durch den Kraichgau und zweifle sehr, dass die Rübenbauer es fertigbringen, ihre Südzucker-Interessen über ihre Rübenbauer-Interessen zu stellen. Sie werden sich weiter hohe Mindestpreise gönnen. Zu hohe vielleicht.

Tage später wird der Südzucker-Vorstandsvorsitzende Wolfgang Heer noch eine Antwort auf die Frage schicken, ob es weiter feste Rübenpreise geben wird: „Gemeinsam mit unseren Anbauern suchen wir derzeit nach Vertragssystemen, die mit den zukünftigen Schwankungen vereinbar sind.“ Die Standardfloskel.

Der Kraichgau zwischen Eppingen und Mühlbach. Da, die Kurve. Hier war das. Die vier Anhänger damals, die Rübenberge. Es ist noch längst nicht Winter, noch sieht’s nicht aus wie ein Breughel-Gemälde. Ich wende an der Feldwegmündung, parke, suche die Oldie-CD. Wie früher. „Sugar, Sugar – You Are My Candy Girl“, was für ein Mitgröl-Hammer. „Pour Your Sweetness Over Me, Oh oh oh Sugar“. An Rübengeruch erinnere ich mich immer noch nicht.

Morgen zurück nach Hamburg. Werde meinen Sohn anrufen, erzählen, warum wir ihn, als er laufen lernte, Rübe nannten. Und darüber nachdenken, ob ich meine Südzucker-Aktien verkaufen soll.

Der Beitrag ist zuerst in Capital 12/2015 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon


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