• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Interview

Kann dieser Mann Frankreich retten?

, Lutz Meier

Frankreichs neuer Präsident weckt gigantische Erwartungen – im eigenen Land und bei uns. Ein alter Weggefährte Emmanuel Macrons, der Manager und Hochschulprofessor Xavier Fontanet, erklärt, was wir von dem Hoffnungsträger erwarten können.

Kann Emmanuel Macron Frankreich retten? © Stephanie Füssenich
Kann Emmanuel Macron Frankreich retten?

Xavier fontanet ist Manager, Hochschulprofessor und alter Weggefährte Emmanuel Macrons.Xavier Fontanet, 68, war von 1996 bis 2010 CEO von Essilor, dem weltweit größten Brillenglaslieferanten. Heute ist er Verwaltungsrat bei Schneider Electric und L'Oréal sowie Professor und Buchautor.


Capital: Monsieur Fontanet, ist die Wahl Emmanuel Macrons der Anfang vom Ende des wirtschaftlichen Abstiegs in Frankreich?

Xavier Fontanet: Es macht mich seit 15 Jahren jeden Morgen ein bisschen wütender, meinem Land beim Niedergang zuzusehen. Ja, ich hoffe sehr, dass die Wahl diese Entwicklung jetzt umdrehen kann. Ich bin stolz darauf, dass dieses Votum die populistische Bewegung in Europa zertrümmert hat. Macron hat gewonnen, weil er die Offenheit zur Welt zum Dreh- und Angelpunkt seines Programms gemacht hat. Wenn es ihm gelingt, die Unternehmen wieder ins Zentrum der Wirtschaft zurückzubringen – und nicht den Staat, wie es bei uns Tradition ist –, dann werden diese schnell wieder an Tempo gewinnen. Es ist ohnehin ein Wunder, dass trotz der großen Lasten und Abgaben die französische Wirtschaft immer noch läuft. Wenn die Abgaben etwas gesenkt werden, dann wird die Wirtschaft hier geradezu abheben können.

Sie kennen Macron. Einst haben Sie ihn für den Posten in der Rothschild-Bank empfohlen. Was sind seine Qualitäten, welches seine Defizite angesichts der Probleme?

Wir haben uns in der Attali-Kommission kennengelernt, die Nicolas Sarkozy 2007 eingesetzt hatte, um Vorschläge für eine Reform der französischen Wirtschaft und Gesellschaft zu erarbeiten. Macron war der Sekretär. Ich war einer der wenigen Unternehmer in dieser Kommission, und das hat ihn offensichtlich fasziniert. Er war außerordentlich angezogen von der Welt der Unternehmen, in welcher er bis dahin niemals gearbeitet hatte. Er war wissbegierig, hat schnell gelernt, und er hat eine wahre Lust am Diskutieren und am Austausch.

Er ist heute gerade mal 39 Jahre alt. Ist das nicht viel zu jung, kommt sein Aufstieg nicht viel zu früh?

Es war von Anfang an zu beobachten, dass er an seinen Weg glaubte und dass er großen Ehrgeiz hatte. Er kannte jeden, und man spürte, dass er eine Ausnahmefigur ist. Aber ich habe immer geglaubt, dass erst später etwas daraus wird. Er hat mich ausgiebig nach meinen Erfahrungen als junger Unternehmer ausgefragt, und ich habe ihn sehr ermutigt. Er plante ursprünglich, mindestens fünf Jahre in die Führung einer mittelständischen Firma einzutreten, aber eine solche Gelegenheit war nicht leicht zu finden. Am Ende hat er sich für die Investmentbank entschieden, der Drang in die Politik war aber offenbar noch stärker.

"Wir sind in exakt der gleichen Situation wie die USA"

Reicht diese kurze Biografie für eine so schwierige Aufgabe wie die des französischen Präsidenten?

Es stimmt, dass es ihm vielleicht an Erfahrung in wirklich schweren Situationen fehlt. Seine ersten Reden nach der Wahl waren recht vage und allgemein. Aber er hört zu. Und er war sehr mutig, während des Wahlkampfs Steuersenkungen für Unternehmen und auf Kapitalerträge anzukündigen und dabei zu bleiben. Hoffen wir, dass er intelligent genug ist, sich mit weisen Leuten zu umgeben. Und das Gute an ihm ist: Er denkt nicht in politischen Lagern. Auch wir haben Kontakt gehalten, selbst als ich vor den Wahlen den (gescheiterten) Kandidaten der Konservativen, Alain Juppé, unterstützt habe. Wir sind weiter durch regelmäßige SMS in Verbindung geblieben, er liebt diese Form der Kommunikation.

Macron hat tief greifende Reformen versprochen - kaum vorstellbar in Ihrem Land, das die Gewerkschaften regelmäßig wegen allem Möglichen lahmlegen. Ist Frankreich bereit für einen Wandel?

Ganz klar nein. Das ist die große, große Herausforderung für Macron. Die 45 Prozent, die im ersten Wahlgang gegen Europa, das System, gegen alle liberalen Ideen gestimmt haben, die sind immer noch da. Dazu kommt, dass viele der Wähler Macrons ihn nur mangels besserer Alternativen gewählt haben.

Warum ist das Votum so gespalten?

Vieles erklärt sich durch die geografische Struktur. Die Hauptstadt zieht alles auf sich. Paris funktioniert wirtschaftlich sehr gut, erstickt aber den Rest des Landes. Wir sind in exakt der gleichen Situation wie die USA, wo nur die Ostküste und Kalifornien der Trump-Wahl entgangen sind. Auch in Frankreich werden die Stimmen aus der Provinz, wo die Jobs verloren gehen, entscheidend werden.

[Seitenwechsel]

"Als Erstes sollte Macron den Franzosen erklären, dass ihr Staat pleite ist"

Wie lässt sich der Verfall der ländlichen Gegenden, die Deindustrialisierung des Landes umdrehen?

In globalen Konzernen wie L’Oréal oder Schneider Electric, in deren Verwaltungsräten ich sitze, vergleichen wir oft die Standorte in verschiedenen Ländern. Da zeigt sich, dass Frankreich zu den unrentabelsten zählt. Noch dazu ist das Wachstum viel zu schwach. Am schlimmsten ist jedoch der Steueraufschlag, der verglichen mit einem Land wie Deutschland bis zu 150 Mrd. Euro ausmacht. Das ist gigantisch. Das muss sich ändern, und das scheint Macron verstanden zu haben.

Steuerentlastungen bringen aber noch keine Industrie zurück.

Wenn wir in Frankreich über die Zukunft der Industrie sprechen, müssen wir ein mentales Problem überwinden. Wir müssen uns mehr für Technologie begeistern. Anders als in Deutschland gilt bei uns Technik immer noch als niedere Beschäftigung. Administration wird als der edelste Beruf betrachtet. Das Genie, das einen Roboter entwickelt, kommt weit hinter dem Verwaltungshochschulabsolventen. Aber da bin ich zuversichtlich: Die Jüngeren haben das kapiert.

Was muss der neue Präsident als Erstes anpacken?

Als Erstes sollte Macron den Franzosen erklären, dass ihr Staat pleite ist. Der Fehler, dass der Staat so tut, als fiele das Geld vom Himmel, wird seit Chirac gemacht. Macron muss klarmachen, dass keins mehr da ist. Er hat darin eine Glaubwürdigkeit. Wenn das erst geklärt ist, kann alles beginnen. Dann müssen schnell die Staatsausgaben, Steuern und Abgaben gesenkt werden. Drittens müssen wir den Arbeitsmarkt verändern.

"Wenn Macron seine Wette verliert, dann oh, là, là"

In Deutschland wird jetzt viel darüber diskutiert, ob und wie wir Macron bei seinen Reformen unterstützen sollten. Was kann der Beitrag Deutschlands sein?

Frankreich muss Frankreich selbst aus dem Dreck ziehen. Vielleicht hilft es, wenn Deutschland mehr investiert. Aber unser Land muss allein aus dem Schlamassel finden, das ist eine Frage der Selbstachtung.

Haben wir Marine Le Pen das letzte Mal gesehen, oder könnte sie in fünf Jahren noch mal eine Chance haben?

Wenn Macron seine Wette verliert, dann oh, là, là. Das wäre furchtbar. Die Spaltung des Landes wird dann noch größer werden. Schon deshalb ist der neue Präsident zum Erfolg verdammt.

Das Interview ist in der Juni-Ausgabe von Capital erschienen. Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon


Artikel zum Thema