Autofahren kann so schön sein. Mein BMW 530d schnurrt mit Tempo 200 die Anhöhe rauf, das Navi zeigt keine Staus, vom USB-Stick trällern die Dixie Chicks, und mein Vater hat gerade Fotos gemailt. Sehen kann ich sie im Display leider nicht. Der BMW zeigt Mails nur ohne Attachment an. Haaa, muss der Laster grad jetzt überholen? Bremsen, runter auf 100!
Ich will hier nichts beschönigen. Selbst wenn BMW seine Autos mit Sim-Karten und Flatrates ausstattet, sodass sie ständig online sind, das Mail-Schreiben ist recht umständlich. Man dreht am Bedienknopf herum, auf dem Display erscheint ein Kranz von Buchstaben, die man einzeln auswählt. Mehr als D-A-N-K-E lässt sich kaum formulieren.
Audi hat der Bedienzone rund um den Schaltknüppel ein bierdeckelgroßes Touchpad hinzugefügt. Darauf schreibe ich mit dem Finger ein krakeliges "D", und eine Frauenstimme intoniert "Dee". Das habe ich in der Entwicklungsabteilung im neuen A8 ausprobiert. Darin fand ich außerdem eine Google-Earth-App mit 3-D-Optik. Und was Wikipedia über die Kirche entlang meiner Route weiß, saugt der A8 aus dem Web.
Willkommen im Straßennetz 2.0. Autos werden gerade zu Smartphones auf vier Rädern, die ständig online sind. Sie empfangen Nachrichten, etwa Wegbeschreibungen, die gleich ins Navigationssystem fließen. Sie lassen sich per Handy und Internet verriegeln und schreiben der Werkstatt selbstständig eine Mail, wenn sie zur Inspektion müssen.
Alles schön und gut. Aber schon stellt sich die Frage: Wie viel Vernetzung verkraftet ein Autofahrer nebenher, ohne zur tödlichen Gefahr auf den Straßen zu werden? Am besten gar keine, sagen Kritiker. Und bringen Autokonzerne in die Zwickmühle: Sie wollen die Generation iPhone bedienen – und beschwören damit unabsehbare Risiken herauf.
Automessen unterscheiden sich kaum noch von Elektronikmessen
BMW und Audi führen die Entwicklung an, kaum einer will zurückbleiben. Berührungsempfindliche Bildschirme, Tastaturanschlüsse für bequemeres Surfen, alles schon bald erhältlich. Auto- und Elektronikmessen sind kaum noch voneinander zu unterscheiden. Die Auftaktrede der Consumer Electronics Show in Las Vegas, der größten Elektronikmesse der Welt, hielt Ford-CEO Alan Mulally.
Das ist nur folgerichtig. Schließlich sind wir es längst gewohnt, ständig über Mail und Internet mit der Welt verbunden zu sein – warum sollten wir uns ausgerechnet im Auto vom Netz kappen? Wir rufen selbstverständlich von unterwegs an, wenn wir uns verspäten. Sind für Kollegen, Chefs und Partner erreichbar, wenn’s brennt. Oder quatschen einfach mal so.
Noch ist offen, wie viel Internet im Auto der Mensch verträgt. Audi etwa verzichtet auf Mailempfang im Cockpit, der Konzern hält die Ablenkung für zu hoch. Viele Experten drücken es drastischer aus. "Die Hersteller bringen das Internet ins Auto. Das ist alles gefährlicher Schwachsinn", poltert ausgerechnet ein Technologieforscher des renommiertesten Zukunftslabors der Welt, des Massachusetts Institute of Technology (MIT). Nicholas Ashford ist einer der lautesten Kritiker der dauervernetzten Autos. Schon das Telefonieren am Steuer lenke vom Fahren ab und führe zu Unfällen. Mail und Web, selbst aufwendige Navigationsprogramme, hätten im Cockpit nichts zu suchen.
Gefährliches simsen
In den USA geschieht Erstaunliches: Das Land der Redefreiheit beginnt, das Handy im Auto zu ächten. Verkehrsminister Ray LaHood wiederholt seit Monaten, dass durch Handys abgelenkte Autofahrer jährlich schätzungsweise 5800 Menschen durch Unfälle töten.
Oprah Winfrey, die einflussreichste Entertainerin der USA, nennt das Telefonieren und SMS-Schreiben am Steuer "America’s new deadly obsession". Sie wendet sich in einer Videobotschaft an ihr Millionenpublikum: "Es ist ein großer Schritt, mit dieser Sucht zu brechen. Das Telefon klingelt, du willst wissen, wer da anruft. Aber niemand sollte sterben, weil dein Telefon dich ablenkt." Was in den USA abläuft, erinnert an die Kampagnen gegen Alkohol am Steuer. Und die waren sehr erfolgreich. Seit Jahren sinken die Unfallzahlen, die mit Alkohol in Verbindung stehen. Dafür steigen jene, bei denen das Handy als Ursache angenommen wird – fast jeder dritte Crash, schätzen Experten. Und die Unfallzahlen, die den Boom der Smartphones widerspiegeln, liegen noch gar nicht vor.
Zahlreiche Studien haben ermittelt, dass die Unfallgefahr auf das Vierfache wächst, wenn ein Fahrer telefoniert. Und zwar auch, wenn eine Freisprecheinrichtung benutzt wird. Wissenschaftler der Universität Virginia Tech haben herausgefunden, dass SMS-Schreiben die Unfallgefahr gar um den Faktor 23 erhöht. Prompt verbot Präsident Barack Obama allen Bundesangestellten, im Auto zu simsen. "Die Amerikaner haben da im Prinzip recht", sagt Mark Vollrath, Professor für Kognitions- und Ingenieurpsychologie in Braunschweig.




















