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20.08.2010
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Wird vielen Fußballprofis in die Wiege gelegt: ein Controller zum Daddeln
Wird vielen Fußballprofis in die Wiege gelegt: ein Controller zum Daddeln
Foto: Getty

Spielkonsolen

Zocker sind die besseren Sportler

von Iris Hellmuth

Nie waren Konsolenspiele so realistisch wie heute. Das hat einen unheimlichen Effekt: Sie beginnen, das echte Vorbild zu beeinflussen - und schaffen einen ganz neuen Spielertypus, wie Phillip Lahm, Holger Badstuber oder Jerome Boateng zeigen.

Barcelona, Camp Nou, 6. April, spätabends. Kaum beachtet fällt ein Satz, der klarmacht, dass in der Welt des Fußballs, ja in der gesamten Welt des Sports nichts mehr so ist, wie es mal war. Arsenal London ist an diesem Abend aus der Champions League geflogen. Die Mannschaft hat verloren gegen den FC Barcelona oder besser gesagt: gegen den FC Lionel Messi. Drei seiner vier Tore hat der kleine Argentinier auf atemberaubende Weise geschossen: indem er sich den Ball stibitzte und losdribbelte, einfach mal so.

Auf der Pressekonferenz nach dem Spiel sagt Arsenal-Trainer Arsène Wenger: "Messi is a playstation." Er grinst, hilflos. Viel mehr hat er zu Messi nicht zu sagen. Eine Playstation.

Vom 60-jährigen Wenger ist nicht bekannt, dass er Stunden mit der Spielkonsole zubringt. Doch auch er hat erkannt, was kaum mehr zu übersehen ist: Das reale Fußballspiel beginnt, dem Videospiel zu ähneln. Bisher war es umgekehrt. Entwickler von Simulationen arbeiten seit 20 Jahren hart daran, dem echten Vorbild möglichst nahezukommen. Jetzt ahmt offenbar nicht nur das Spiel die Spieler nach, mehr und mehr ahmen auch die Spieler das Spiel nach. Und das längst nicht nur beim Fußball.

Sportlergeneration Playstation. Ein Messi, von dem jeder weiß, dass er ein begnadeter Playstation-Spieler ist. Der sich mit Vorliebe selbst spielt - und sich von seinem Avatar neue Tricks abguckt. Dem Fußballautor Christoph Biermann erzählte er von der Daddelei: "Man sieht gewisse Dinge und versucht, sie auf dem Spielfeld nachzuahmen. Aber manches davon ist auf dem Platz unmöglich."

Ein Mesut Özil, ein Thomas Müller, die spielen, wann immer sie können. (So gesehen war das WM-Viertelfinale Argentinien - Deutschland auch ein Kampf der Avatare.) Ein Sebastian Vettel, Timo Glock und Nico Rosberg, deren Niveau in der Formel 1 ohne Videosimulation undenkbar wäre. Basketballer, Baseballer, sie alle daddeln. Und American Football hatte in der abgelaufenen Saison einen eigenen Arsène-Wenger-Moment.

Es sind nur noch Sekunden zu spielen, als Brandon Stokley von den Denver Broncos den Cincinnati Bengals einen abgeprallten Ball wegschnappt, er sprintet über das Spielfeld - und dreht kurz vor der Endlinie ab. Er läuft sie entlang, und erst, als sich ein Bengals-Spieler nähert, hechtet er in die End Zone, um die entscheidenden Punkte einzufahren. Sein Manöver stahl dem Gegner wertvolle Sekunden Spielzeit - und war in der Sportart nie zuvor angewendet worden.

Jedenfalls auf dem echten Spielfeld nicht. Konsolenzocker der Football­Simulation "Madden NFL" praktizieren diesen Kniff schon lange. Millionen Playstation-Kids in ganz Amerika erkannten: Stokley hatte einen "video game move" auf den echten Rasen gebracht. Danach befragt, gab der Profi zu Protokoll: "Ich habe das Hunderte Male so gezockt. Auf dem Feld kam das einfach automatisch."

Stokley ist 34 Jahre alt. Er gehört der ersten Generation an, die mit Videospielen aufgewachsen ist. Für Messi, 23, sind sie längst so normal wie Fernseher und Radio. 1983 kam die erste Fußballsimulation auf den Markt, mit einer fast noch trickfilmartigen Grafik, wie ferngesteuerte Roboter bewegten sich die Spieler über das Feld. Heute wirken die Bilder so echt, dass man sich in einer Fußballübertragung wähnt: Der Rasen flimmert, die Gegner schwitzen, von den Rängen singen ausgelassene Fans. Wie im echten Stadion.

Und mehr noch: Die Videospiele bilden die taktische Fortentwicklung des Spiels ab. Beim American Football ist das offensichtlich. Von der Kindheit mit Konsole haben vor allem die Quarterbacks profitiert - die Spielmacher sind zentrale Figuren, die fast alle Spielzüge bestimmen, sie sind Dirigenten und Hirn des Spiels. Doch ein einziges Match kostet sie so viel Kraft, dass sie nur wenige absolvieren - maximal 20 in einer Saison. "Mit dem PC-Spiel 'Madden NFL' kann man Hunderte, vielleicht sogar Tausende spielen, man kann Strategien lesen, Pass­wege denken, kann Verteidigungen studieren", sagt Chris Suellentrop, beim "New York Times Magazine" zuständig für die Football-Berichterstattung.

In den USA gibt es kaum noch einen Profi, der seinen Sport nicht auch virtuell betreibt. Die MIT-Absolventin Lauren Silberman befragte für ihre Abschlussarbeit Profisportler, die Videospiele bewusst zu ihrer Weiterbildung nutzen. 90 Prozent der interviewten Profis aus Football, Basketball und Baseball spielten regelmäßig sich selbst in diesen Spielen.

Die Generation Playstation hat sich so einen Vorsprung in der NFL erdaddelt. "Man kann deutlich beobachten, dass Quarterbacks, die sich heute in der Profiliga behaupten, deutlich jünger sind als früher", sagt Suellentrop.

Beim Fußball sind es ausgerechnet die Verteidiger, die am meisten profitieren. Keine Position hat sich durch die Modernisierung des Spiels dermaßen verändert. Vor zehn Jahren bestand ihre Aufgabe vor allem darin, Gegner oder Ball wegzugrätschen. Heute sind sie für die Eröffnung des Spiels zuständig. Sie müssen die Formation des Gegners und die Positionierung ihrer Teamkameraden auswerten. Jeden Spielzug gilt es taktisch vorauszudenken.

Die Veränderung ist so grundlegend, dass sie einen ganz neuen Spielertypus geschaffen hat: Philipp Lahm, Holger Badstuber oder Jérôme Boateng zum Beispiel. Das taktische Grundverständnis, das sie dafür brauchen, haben sie sich an langen Playstation-Nachmittagen angeeignet. Der kleine Jérôme, erzählt seine Mutter, habe ständig an der Konsole ­gesessen - wenn er vom Training oder aus der Schule kam.

"Videospiele können einen positiven Prozess auslösen: Identifikation durch Visualisierung", sagt Uwe Harttgen. Er leitet das Nachwuchsleistungszentrum von Werder Bremen, war selbst Fußballprofi und hat ein Psychologiestudium abgeschlossen. "Was die Jungs auf dem Bildschirm sehen, möchten sie selbst schaffen, das ist sehr förderlich." Harttgen ist eine Ausnahme: Dutzende Kollegen lehnen ein Interview ab, sie können nichts mit dem Thema anfangen.

Sportwissenschaftler entdecken es sehr langsam. Immerhin einen gewissen Vorteil für "die generellen kognitiven ­Fähigkeiten" vermutet Daniel Memmert, Professor am Institut für Kognitions- und Sportspielforschung in Köln. Noch langsamer sind die etablierten Bundes­liga­trainer. Sie können dem Gedaddel am allerwenigsten abgewinnen.


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Quelle: FMH-Finanzberatung
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