15.03.2007
Martin Savov, Blogger
Martin Savov, Blogger
Foto: capital.de

Blogosphäre

Digitales Doppelleben

Heutzutage ist es leicht, sich im Internet zu präsentieren. Die Frage ist nur: Was treibt viel beschäftigte Leute dazu, sich in Blogs, mit eigenen Urlaubsbildern oder selbst gedrehten Videos im Netz zu präsentieren?



Social Software nennen sich die Programme, die Aufbau und Pflege der Internet-Gemeinschaften unterstützen. Im Netz tauschen immer mehr Gleichgesinnte Meinungen, Wissen und Tipps zu bestimmten Themen genauso aus wie Urlaubsbilder, TV-Clips und selbst produzierte Filme. Der Vorteil: Kein Chefredakteur kann ins Handwerk pfuschen, kein Galerist, Produzent oder Sender den eigenen Beitrag ablehnen – und neue Freunde gibt es gratis dazu.

Neben nützlichen Informationen und Spaß an der Sache suchen viele einen Weg, die eigenen Ideale zu verwirklichen. "Ich glaube an die Demokratisierung im Internet, an das Publizieren von unten ", sagt Jörg Kantel, einer der Protagonisten der Szene.



Jörg Kantel, 53, EDV-Leiter am Max-Plack-Institut
Weil der EDV-Leiter am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin ein Medium vermisste, das seine Lieblingsthemen Technik und Politik zusammenbringt, "habe ich selbst eins gegründet". Im April 2000 startete Kantel die Internetseite  www.schockwellenreiter.de und war damit, nach eigenen Angaben, hierzulande der erste deutschsprachige Blogger.

Mit 8.000 bis 10.000 Lesern an jedem Werktag gehört der Schockwellenreiter zu den VIP der deutschen Blogosphäre. Die Mehrheit der Anbieter werkelt jedoch unter Ausschluss einer größeren Öffentlichkeit. Oft beschäftigen sich Deutschlands Blogger mit Selbstdarstellung; in den Fachblogs dominieren die Themen Medien, Technik, Gesellschaft und Politik. Im englischsprachigen Raum haben sich zudem hochwertige und sehr beliebte Aktien- und Business-Blogs wie SeekingAlpha.com entwickelt, "dort ist man in dieser Hinsicht sehr viel weiter", erklärt Martin Savov, der in Deutschland ein Börsennotizbuch-Blog betreibt.

Martin Savov, 30, Werbemanager aus Hamburg
Kaum zu glauben, wie schwierig es sein kann, scheinbar simple Informationen im Netz zu finden. "Nehmen Sie zum Beispiel einen Dax-Chart, der über zehn Jahre hinaus zurückreicht. Gar nicht so einfach", sagt Savov, Betreiber des Web-Log  www.boersennotizbuch.de. Mit gut recherchierten Web-Wegweisern, wenig bekannten Statistiken und täglich neuen persönlichen Einschätzungen zum Geschehen an den Aktienmärkten ("ich lese und studiere alles, was mir zum Thema Aktien in die Finger kommt"), will der diplomierte Betriebswirt Struktur ins Infochaos bringen. Savov ist ein seltener Stern in Deutschlands Blogosphäre, Börsen-Blogs fristen hierzulande ein Schattendasein. Doch das ficht den 30-Jährigen, der vor sieben Jahren seine ersten Aktien kaufte, nicht an. Nach einem langen Tag in einer Hamburger Werbeagentur widmet er sich seinem Blog, "mindestens eine Stunde am Tag". Rund 40 Stammleser haben sich seit dem Start im November 2005 im Börsennotizbuch als Abonnenten eingeschrieben. "150 Menschen kommen täglich auf meine Seite, damit liege ich in Deutschland im guten Mittelfeld." Den Status hat er sich mühsam erarbeitet. "Etwa ein Jahr hat es gedauert bis ich mir ein Netzwerk aufgebaut hatte." Einsame Seelen? Weltfremd? Unsozial? Die gängigen Vorurteile über Blogger lässt Savov nicht gelten: "Die Blogosphäre verändert unser Leben und die Form der Kommunikation, nicht aber den Menschen und auch nicht seine Bedürfnisse", sagt er. Problematisch sei eher, dass, wer immer möchte, "technisch relativ einfach eine Menge Belanglosigkeiten und Fehler in die Welt hinausposaunen kann und dass damit noch mehr Chaos in der Kommunikationswelt entsteht". Andererseits sei der Gewinn, nämlich Freiheit und die Möglichkeit, Meinungen veröffentlichen zu können, noch höher zu bewerten. Savov: "Außerdem bieten auch die klassischen Medien eine Menge Belanglosigkeiten."

In der Tat: Ganz ohne Haken kommt auch die neue Internet-Welle nicht aus. Viel Content ist nicht gleich guter Content, und man muss schon eine Weile suchen, um die Perlen aus dem allzu Privaten, dem Aufgeplusterten oder gar Falschen herauszufischen. Außerdem fehlt bei vielen Nutzern "das Bewusstsein dafür, wie öffentlich man wirklich ist und dass man ständig eine Datenspur hinterlässt", erklärt Kantel. Und YouTuber Andreas Meyer weiß aus eigener Erfahrung, dass es "bei all der Freiheit und Anonymität im Internet auch mal sehr hässlich zugehen kann".

Andreas Meyer 29, Student der Fertigungstechnik
Die einen haben Yachten, andere kaufen exotische Fische, Meyers Statussymbol sind Subscribers. Subscribers, so werden bei YouTube die Abonnenten genannt, die sich regelmäßig die Beiträge eines Mitglieds anschauen. Mit rund 660 ständigen Lesern zählt der 29-jährige Student der Fertigungstechnik in Aachen zu den erfolgreichsten Vloggern in Deutschland. V steht für Video: Im Wochenrhythmus veröffentlicht AericWinter, so Meyers virtuelle Identität, selbst erstellte Filme im Internet. In den meistens spricht er auf Englisch zur Kamera. Zwei Stunden täglich kostet den Hobby-Regisseur seine Leidenschaft, die meisten Wochenenden gehen fürs Drehen drauf. Thematisch bietet der Diplomand seit Juni 2006 ein Potpourri: "Meistens sollen die Filme unterhaltsam sein, ein wenig deutsche Kultur und die Region Köln/Aachen im Netz vorstellen." Aber auch ein Video, in dem er sich kritisch zum Einsatz deutscher Truppen im Libanon äußert, ist Teil seiner Liste. Wer viel produziert, bekommt viele Kommentare, und so entsteht ein reger Gedankenaustausch, der Meyer fasziniert: "Hier kommuniziert jeder wann er will, mit wem er will und das völlig unabhängig von Zeit, Ort und Nationalität." Ein weiteres Plus: "Man kann sich sehr schnell gegenüber sehr vielen Menschen darstellen." Nach Abschluss seines Studiums würde Meyer gern als Ingenieur im Supply Chain Management arbeiten. Zurzeit bereitet er eine Online-Bewerbung vor, bei der ihm sein Hobby gute Dienste tun kann. Der Student, der drei Jahre in den USA und eines in England verbracht hat, will unter anderem die Qualität seiner Englischkenntnisse via Link auf eine  YouTube-Video unterstreichen.

So oder so, wer sich im Web 2.0 hervortun will, der muss eine Menge anderer hinter sich lassen. Rund 67 Millionen Web-Tagebücher weltweit zählt die Blog-Suchmaschine  Technorati derzeit. Bei der Videotauschbörse YouTube tummeln sich 20 Millionen User im Monat. Über drei Millionen Menschen besitzen einen Account bei  Flickr - die weltgrößte Foto-Community hat über 90 Millionen Bilder im Programm. Und auch jüngere, deutsche Ableger haben in kurzer Zeit viele Fans gewinnen können.  Clipfish zum Beispiel, das Videoportal von RTL, zählt seit dem Start im Juni 2006 140.000 Nutzer, täglich kommen, laut RTL, rund 2.500 Neuregistrierungen dazu. Den großen Reibach machen die Anbieter bisher nicht, schließlich sind die meisten Services kostenlos. Das Potenzial der Web 2.0-Firmen liegt vielmehr in den Millionen Usern, die, fein säuberlich in Zielgruppen unterteilt, freiwillig Inhalte produzieren und diese auch noch kostenlos öffentlich zur Verfügung stellen. Diese buchstäblich phänomenale Bereitschaft zu weltweitem Cyber-Exhibitionismus hat inzwischen auch die Investoren aufhorchen lassen. Unter anderem kaufte Yahoo Flickr, Google griff sich YouTube und Medienmogul Rupert Murdoch gab 580 Millionen Dollar für  MySpace, die Top-Plattform der unter 30-Jährigen aus.

Karin Kiesl, Senior Research Managerin für Beiersdorf
Markenmultis nutzen das Web längst als größtes Marktforschungslabor der Welt. Wer die Wörter "What’s in my bag" in die Suchmaske von Flickr tippt, der erlebt eine Überraschung. Nicht weniger als 2510 Menschen auf der ganzen Welt haben für die Fotoplattform ihre Handtaschen ausgeschüttet und den Inhalt fotografiert. Für den Ottonormal-User ein unterhaltsamer Blick in die Tiefe des unbekannten Raumes, für die Marktforscherin Karin Kiesl, 31, ein wertvolles Arbeitsinstrument. "Nehmen wir an, sie wollen ein ganz neues Produkt, sagen wir "Spa in a pocket", auf den Markt bringen", erklärt die Senior Research Managerin, die für Beiersdorf Hautpflegeprodukte betreut. "Ich finde, eine bessere Inspiration als diese Aufnahmen kann es ja kaum geben." Das Web 2.0 hat die studierte Soziologin längst für sich eingespannt, "als virtuellen Anthropologen sozusagen". Denn auch Blogs, Verbraucherportale und Chatrooms helfen dabei, das Verständnis für den Konsumenten und seine Bedürfnisse zu schärfen. "Manche rühren sich mit Hilfe unserer Produkte eigene Peelings an und schreiben darüber in irgendwelchen Foren – so was würden wir in klassischen Marktforschungsrunden niemals erfahren", sagt Karin Kiesl. Und auch privat weiß die Hamburgerin die Vorteile von Flickr & Co. zu nutzen – hält ihre Brüder über den Dachausbau auf dem Laufenden und tauscht mit Freunden Urlaubsfotos aus. "Mich fasziniert einfach, welche spannenden Möglichkeiten diese gigantische Datenbank bereithält."


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Quelle: FMH-Finanzberatung
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